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Familie Steinleitner plant einen Frankreichaustausch und ist hingerissen von den Möglichkeiten

18. April 2018 | Kolumne: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten


„Wenn sie zögern, sie werden nicht bereuen! Die Atmosphäre ist super!“ Jörg Steinleitners Tochter macht einen Schüleraustausch. Die Vorstellungen der Kandidaten sind allesamt zauberhaft. Steinleitners Woche.


„Ich habe auch ein Vater, Er ist Paul. Und ein klein Hund, sie ist Harmony.“

Ich liebe Frankreich. Nein, nicht wegen seines Präsidenten, obwohl der mich trotz seiner Streberhaftigkeit durchaus beeindruckt. Sondern weil ich einen Teil meiner Kindheit dort erlebt habe. Nun kommt ein neuer Grund hinzu: Meine Tochter möchte an einem Schüleraustausch teilnehmen und die Angebotsschreiben der potentiellen französischen Schüler sind in einem derart putzigen Deutsch geschrieben, dass man sie am liebsten alle bei sich zu Gast hätte. Florence zum Beispiel stellt ihre Familie so vor: „Ich habe eine Mutter, Sie ist Céline. Ich habe auch ein Vater, Er ist Paul. Dann habe ich ein Brüder, Er ist Jean und er ist 14 Jahre alt. Außerdem habe ich ein klein Hund, sie ist Harmony. Ich mag Videospielen, singen, tanzen, zeichnen reisen und viele anderes Sache.“

„Ich liebe kochen, aber ich bevorzuge die Freibäckerei.“

Oder Sébastien, der nach eigener Auskunft „rock liebt“ und in dessen Stadt es viele Berge gibt „und wir können Ski laufen. Wenn du interessiert bist, nimmt mit mir Kontakt“! Denise liebt kochen, „aber ich bevorzuge die Freibäckerei.“ Dies alles stelle ich mir mit französischem Akzent gesprochen vor und dann schlägt mein Herz vor Glück Purzelbäume. Natürlich auch bei Elaine, die sich wie folgt vorstellt:

„Ich bin vergeßlich und nicht ruhig. Ich esse alles, aber ich Schinken nicht essen.“

„Meine Familie und meine Freunde sagen, dass ich aufgeschlossen, Großzügig und engagiert bin. Ich bin spontan, sprachbegabt und unternehmunglustig, aber ich bin vergeßlich und nicht so ruhig. Später, möchte ich Rechtsanwältin werden, also würde ich gerne Jura studieren. Ich habe große Lust, diesem Austausch zu machen, aber ich habe etwas Angst, weil es das erste Mal ist. Niemand raucht zu Hause und ich habe keine Haustiere. Ich esse alles, aber ich Schinken nicht essen. Ich passe mir sehr gut an, du musst nichts anderes für mich vorbereiten. Wenn du zu mir kommst, kannst du mich zu meinen Aktivitäten begleiten.“

„Mein Vater hat etwa 40 verschiedene Geschmäcke.“

Meine ganze Kindheit mochte ich keinen Schinken – und: Sind wir nicht alle ein bisschen vergesslich und haben Angst vor Neuem? Bei Corine würde ich am liebsten mit der kompletten Familie einen Austausch machen. Sie hat einen Bruder (Philippe, 6) und eine Schwester (Lili, 11) und sie sieht die Geschwister durchaus kritisch, denn: „Sie machen Zirkus und auch spielt meine Schwester Flöte. Wir haben eine Katze und meine Schwester mag sie sehr. Mein Vater ist Eishersteller und meine Mutter ist Deutschlehrerin. Mein Vater hat etwa 40 verschiedene Geschmäcke. Meine Eltern rauchen nicht.“ Einen Vater, der die Anzahl seiner Geschmäcke so präzise benennen kann, würde ich gerne kennenlernen. Das einzige Problem mit Corine ist, dass sie gerne rudert und einen Austauschpartner finden möchte, der dies auch tut.

„Ich hoffe, daß man den Austausch zusammen machen wird!“

Forsch und fröhlich ist auch die Posaune spielende Marie unterwegs: „Ich mag meine Freunden, lesen, schreiben, hören Music und Deutsch und Deutschland naturlisch! Ich könnte vom September bis Dezember kommen und du kämest, wenn du den Rest des Jahres willst! Ich hoffe, daß man den Austausch zusammen machen wird!“ Das hoffe ich auch. Naturlisch! Und es lebe der Konjunktiv!

„Ich habe kein Tier, dafür zwei Brüder. Ich bin auch sensibel.“

Gehen französische Jugendliche offener mit Schwächen um? Ich glaube schon. Erneste zum Beispiel: Sie steht dazu, macht aber klar, dass sie einen Ausgleich bietet: „Ich habe keine Tier, dafür zwei Brüder.“ Claude liebt es mit Freunden auszugehen, und am Wochenende „unternehme ich gern etwas, weil ich nicht den ganzen Tag in meinem Haus bleibe möche. Ich bin eine gesellige, neugierige und sportliche Person, aber ich bin auch sensibel. Ich liebe das Meer und die Natur. Ich bin noch nie in Deutschland gewesen aber es ist ein Land, dass ich entdecken will, am besten wäre drei Monate, von April bis Juni, wenn es möglich wäre …“ Bitte liebes Deutschland, sei lieb zu diesen Kindern!

„Auf meine Insle es ist immer Sonne, wenn du also diee Sonne magst …“

Manche der Austauschschüler leben auf La Réunion, so auch Eli, die mit unverwechselbarem Charme erklärt: „La Réunion, das ist ein Kleine Insle in der Nähe von Madgascar aber das ist ein Französiche insle. Auf meine Insle es ist immer Sonne, wenn du also diee Sonne magst, solltest du auf La Réunion kommen ! Wir haben viele Strand und ich habe viele Freunde, die Schwimmbäder haben ! Auf La Réunion du kannst traditionelle Gerichte probiren ! Ich weiß, dass es etwas teuer ist, um La Réunion zu kommen ! Aber wenn du die Mittel hast du zu gehen, ich versichere Ihnen, dass sie es nicht bereuen werden !“

„Wenn sie zögern, sie werden nicht bereuen! Die Atmosphäre ist super!“

Das glauben wir auch. Seit Wochen lesen wir diese zauberhaften Einladungen in ein fernes Land und seine umwerfenden Familien und können uns nicht entscheiden. Die Offenheit, mit der die Jugendlichen sich zeigen, ist fantastisch. Jean-Luc etwa erklärt zunächst relativ sachlich seine Vorzüge bis er dann zu einer wirklich ernsten Angelegenheit kommt: „Aber du musst wissen, ich bin in ein Internat und ich bin ein Junge. Das ist ein Problem? Wenn sie zögern, sie werden nicht bereuen! Die Atmosphäre ist super!“ Wir haben keine Zweifel. Und erst die Verabschiedungen am Ende der Vorstellungen! Sie reichen von „Küsse, Marie-Laure“ bis hin zu „Bussel“. Wer Frankreich und die Franzosen nicht liebt, den kann ich wirklich nicht verstehen. Küsse und Bussel – wir lesen uns!

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Ab 14 Jahren

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

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Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
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