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Es gibt sicherlich Ärzte, die faule Säcke sind
Komisch ist das mit den Ärzten: Einerseits steht der Beruf bei Umfragen meist an der Spitze der Prestige-Ranglisten, andererseits wird vielen Ärzten unterstellt, sie würden wenig arbeiten für ihr vieles Geld. Nun, es gibt sicherlich Ärzte, die faule Säcke sind. Aber gibt es nicht auch faule Manager, faule Bauarbeiter, faule Professoren und faule Sachbearbeiter?
Vermutlich brauchen sie auch nach Feierabend Patienten
Ich selbst treffe mich seit einigen Jahren regelmäßig mit Ärzten und Krankenpflegern zum Fußballschauen. Wie ich zu dieser Ehre gekommen bin, weiß ich nicht genau. Vielleicht können Menschen, deren Beruf es ist, andere zu heilen, einfach auch am Feierabend nicht ganz auf Patienten verzichten. Und ich bin natürlich ein schwieriger Fall.
Es ist interessant, wie Krankenhausleute den Körper sehen
Für mich sind diese Abende mit den Krankenhausleuten inspirierend. Dies nicht nur, weil alle außer mir Bayern-Fans sind, nein, es ist einfach interessant zu hören, wie Fachleute für Lebensrettung – Spezialgebiet Unfallopfer – über Menschen und Körperteile denken.
Der Körper ist für Ärzte keineswegs geheimnisvoll oder gar ein Wunder
Wenn ich es richtig deute, sehen meine Freunde den Körper als eine Art Gerät, das aus vielen härteren und weicheren Teilen sowie verschieden farbigen Säften zusammengesetzt ist. Diese Teile sind auf mechanische, kabel-, schlauch- und andersartige Weise miteinander verbunden und meine Freunde kennen jedes einzelne davon. Alles, was in dieser Körpermaschine passiert, ist für sie technisch, physikalisch, chemisch, biologisch oder sonst irgendwie logisch erklärbar und keineswegs geheimnisvoll oder gar ein Wunder.
Zu denken, wackle mit dem Zeh und der wackelt – ist das kein Wunder?
Ich aber frage mich: Ist dieses Körpergerät, in dem wir durch die Welt schlendern, wirklich kein Wunder? Ich meine, ist es nicht unglaublich, dass ich zum Beispiel just in diesem Moment denken kann, wackle mit dem Zeh – und dann wackelt tatsächlich mein Zeh! Und dazu noch circa einen Meter siebzig von dem Kopf entfernt, in dem ich das denke? Ohne Bluetooth oder G5-Netz! Ich halte dies schon für ein ziemliches Wunder (zumal ich noch Socken an und eine Mütze auf habe). Lasse ich sie an derlei Überlegungen teilhaben, verdrehen meine Ärztefreunde die Augen und – dies ist eine Vermutung – überlegen, welches Medikament man mir geben könnte. In ihren naturwissenschaftlichen Kopfgeräten ist für Zehen-Mystik kein Platz. Aber fast immer erlebe etwas mit ihnen, kürzlich zum Beispiel:
Partner von Krankenhausmenschen müssen hartgesotten sein
An einem Abend kam die Frau eines meiner Krankenhausfreunde nach Hause – sie arbeitet selbstverständlich auch im Krankenhaus; die meisten meiner Arztfreunde sind mit Frauen liiert, die selbst wiederum irgendetwas mit der Instandsetzung von Körpern zu tun haben. Dies leuchtet mir ein, denn man muss schon hart gesotten sein, um die Berichte vom Arbeitstag eines Krankenhausmenschen am Abend zu verkraften, ohne dass einem das Abendessen wieder aus dem Mund fällt oder – noch schlimmer: steckenbleibt. Ich würde wegen der Horrorstories ständig ohnmächtig werden, müsste ich mit einem Arzt oder Krankenpfleger zusammenleben. Wobei das nun wieder nicht so schlimm wäre, da ja gleich ein Retter mit am Tisch sitzt, der dann mit der Wiederbelebung starten kann. Der Lebensgefährte meiner Mutter lebt nur noch, weil er seinen Herzinfarkt bekam, als er mit drei Ärzten Tennis spielte. Es gibt mir ein Gefühl der Sicherheit, mit Ärzten fernzusehen. Aber wir waren bei der Gattin:
Der Frühling ist die Jahreszeit der Finger, sagte die Krankenschwester
Die Gattin kam also von ihrem blutigen Handwerk nach Hause und die vor dem Fußballfernseher versammelte Krankenhaus-Mannschaft fragte fröhlich: „Und, wie war dein Dienst?“
Ich dachte mir in diesem Moment: Was für eine Frage! Kann ja nur schlimm gewesen sein. Ich meine, sie arbeitet in einem Unfallkrankenhaus! Das ist kein Streichelzoo!
Die Krankenschwester aber antwortete: „Ach, alles harmlos.“ Tatsächlich sah sie entspannt und blühend aus. Aber dann schob sie noch ein Sätzchen hinterher: „Mei, es ist jetzt halt wieder Frühling.“
„Ach“, stöhnte hierauf gleich der Ehemann, „geht das jetzt mit den Fingern wieder los?“ Die Tonalität der Frage entsprach einem Satz wie: „Ach, kann der Kovac nicht mal den Hummels rausnehmen und einen schnelleren Abwehrspieler reinstellen?“
„Ja, ja“, sagte sie.
Frühling ist Kreissägenzeit: Hände, Finger, Fingerkuppen, das ist Standard
Alle nickten wissend. Ich aber war verwirrt. Die Finger? Was ist im Frühling mit den Fingern? Ich warf einen hastigen Blick auf meine eigenen. Dann tastete ich mich vorsichtig nach vorn: „Wieso, also, ähm – was ist denn mit den Fingern im Frühling?“
„Ach“, seufzte die Krankenschwester, „Frühling ist Kreissägenzeit. Da machen sie alle Holz und dann sägen sie sich die Finger ab.“
Ich schluckte. „Passiert das oft?“
„Praktisch täglich“, meinte ihr Gatte, der Arzt, fatalistisch. „Hände, Finger, halbe Finger. Das ist Standard im Frühling.“ Er gähnte, der FC Bayern spielte gerade nicht so gut.
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