Was Kinder über ihre Eltern denken und erzählen – eine Kolumne von Jörg Steinleitner

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Was Kinder über ihre Eltern denken und erzählen – eine Kolumne von Jörg Steinleitner

14. Juli 2016 | Kolumne: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Vielen Kindern ist das Berufsleben ihrer Eltern ein Rätsel, wenn nicht sogar ein Geheimnis. Doch weil unsere Kinder nicht blöd sind, füllen sie diese mysteriöse Leere mit Phantasie. Eine Kolumne über Laser schießende Väter, faule Mütter und Eltern, die anderen Menschen den Bauch aufschneiden.

Joerg Steinleitner mit Sohn am Computer

„Mein Vater geht jeden Tag auf den Berg und schießt Laser in die Luft.“

Vielen Kindern sind ihre eigenen Eltern ein Rätsel. Von daher ist es zu begrüßen, dass Grundschulen und Kindergärten großen Elan an den Tag legen, gemeinsam mit den Kindern das Berufsleben der Eltern zu reflektieren. Auch bei meinem Sohn Leonhard, bald acht, war dieser Unterrichtsstoff mal wieder dran.

So weiß ich nun, welch ungewöhnlichen Tätigkeiten die Eltern der Klassenkameraden meines Sohns nachgehen. Josef etwa berichtet, sein Vater gehe jeden Tag auf den Berg und schieße Laser in die Luft. Ich sprinte, als ich dies höre, bereits zum Telefon, um das Verteidigungsministerium über die geheimen Machenschaften des Vaters des Klassenkameraden meines Sohnes zu informieren, da fügt letzterer noch an, dass Josefs Vater mithilfe der Laserschüsse das Wetter mache. Sofort gebe ich den Vorsatz auf, Frau von der Leyen zu warnen, spiele aber durchaus mit dem Gedanken, Josefs Vater mal ins Gebet zu nehmen. Schließlich liefert er in diesem Sommer ganz offensichtlich besonders miese Arbeit ab.

„Meine Mutter schneidet anderen Leuten den Bauch auf.“

Es gibt auch einige Kinder in der Klasse meines Sohnes, deren Eltern Ärzte sind. Diese Kinder erzählen, dass ihre Eltern die meiste Zeit des Tages damit verbringen, anderen Leuten den Bauch aufzuschneiden. Man nenne das operieren.

„Mein Vater drückt den ganzen Tag Knöpfe. Er ist Pilot.“

Der Vater von Ben dagegen ist Pilot. Sein Alltag besteht laut Auskunft des Sohnes aus Knöpfedrücken. Im Hubschrauber seien nämlich viele Knöpfe. Der Vater habe auch schon mal – Ben kann sich da nicht mehr ganz genau erinnern – jemandem das Leben gerettet.

Dies kann man von der Chefsekretärin, welche nebenbei noch Mutter von Annelie ist, nicht behaupten. Annelie glaubt, dass ihre Mutter „den ganzen Tag nix macht“. Immerhin arbeitet die Mutter von Elena, welche Physiotherapeutin oder Psychotherapeutin ist, ganz genau weiß es die Tochter nicht, „ganz normal“.

„Meine Eltern machen irgendwas auf dem Feld. Dann gibt’s Mittagessen.“

Hört man, wie die Eltern, welche dem Beruf des Bauern nachgehen, ihre Tage fristen, bekommt man unweigerlich schlechtes Gewissen: Hedi erklärt, dass die ganze Familie um fünf Uhr morgens aufsteht, dann irgendetwas auf dem Feld macht; dann Mittag isst; dann wieder irgendetwas auf dem Feld macht – oder sogar im Stall. Um fünf Uhr nachmittags muss die Pferdebox ausgemistet werden und dann gibt es Abendessen. Sogar das Essen ist für Bauern Pflicht und Arbeit.

„Mein Vater ist den ganzen Vormittag beim Einkaufen.“

Was mein Sohn über meine Arbeit als Schriftsteller erzählte, will er am Küchentisch nicht verraten. Ich erfahre es in der Sprechstunde. Er habe erzählt, so seine Lehrerin, dass ich den ganzen Vormittag mit Einkaufen verbringe. Und dann, wenn er nach Hause käme und Zeit hätte, mit mir Fußball zu spielen, begänne ich zu arbeiten. Dieses Arbeiten bestehe bei mir vornehmlich aus Telefonieren und Computersitzen. Nervig sei an meinem Job, so mein Sohn, dass man davon Rückenweh bekomme. Aber insgesamt sei Schriftsteller fast so cool wie Pilot.

„Glauben Sie nicht alles, was Ihre Kinder erzählen, wir glauben es auch nicht.“

Als ich der Lehrerin meines Sohnes erklären wollte, dass ich keineswegs jeden Morgen beim Shoppen sei, schnitt sie mir das Wort ab und meinte: „Glauben Sie nicht alles, was Ihre Kinder Ihnen über unseren Unterricht erzählen, dann glauben wir Ihren Kindern nicht alles, was Sie über Ihre Arbeit erzählen.“ Ich halte dies für einen guten Deal.

Jan Weiler

Im Reich der Pubertiere

ISBN Jan Weiler

176 Seiten, € 12,00

Kindler

Paul David Bühre

Teenie-Leaks: Was wir wirklich denken (wenn wir nichts sagen)

ISBN 978-3-548-37632-5

192 Seiten, € 9,99

Ullstein

Jesper Juul

Leitwölfe sein – Liebevolle Führung in der Familie

ISBN 978-3-407-86404-8

216 Seiten, € 16,95

Beltz

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
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