Karin Kalisa: Sungs Laden. Das Wunder vom Prenzlauer Berg

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Karin Kalisa: Sungs Laden. Das Wunder vom Prenzlauer Berg

6. Januar 2016 | Interview: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Frau Kalisa, in Ihrem Roman „Sungs Laden“ geschieht in einem Berliner Stadtviertel ein kleines Wunder. Beschreiben Sie doch bitte mal!

Das Wunderbare besteht vielleicht darin, dass aus einer kleinen und an sich wenig beachteten Begebenheit heraus in einer Art Schneeballeffekt unversehens eine Bewegung wird, die den Kiez Prenzlauer Berg, dem ja die Klischees von Latte Macchiato trinkenden Müttern und neureichen Penthouse-Bewohnern vorauseilen, tatsächlich in Bewegung bringt und die Beleuchtungsverhältnisse umkehrt. Jetzt stehen einmal die im Mittelpunkt, die sonst im Schatten der „Szene“ stehen – die Angehörigen der vietnamesischen Community, also die ehemaligen Vertragsarbeiter und deren Nachkommen, aber auch die „Urweinwohnerschaft“ des Prenzlbergs …

… in der DDR geboren und ausgebildet …

Genau, und jung umgeschult in ein anderes System, einigermaßen durchgekommen, mit guten und schlechten Erinnerungen an den alten, mit guten und schlechten Gefühlen für den neuen Staat. Sie sind Altersgenossen der ersten Vertragsarbeiter, und doch sind Ex-Vertragsarbeiter und Ex-DDR-Bürger einander auf engstem Raum fremdgeblieben. Genau dies ändert sich im Laufe der Erzählung. Sie kommen einander nah, die Neugier ist geweckt, man fasst Vertrauen zueinander. Aus dem Nebeneinander wird eine Nachbarschaft; Nachbarschaft im Sinne von neighbourhood: echte Kontakte, reale Verbindungen, gemeinsame Aktionen und Interessen.

Ihre Geschichte liest sich wie ein modernes Märchen. Wieviel Wahrheit steckt in ihr? Gibt es diesen Laden, von dem die „Puppenrevolution“ ihren Lauf nimmt, wirklich?

Ich muss Ihnen sagen, dass ich, als in den ersten Reaktionen auf meinen Roman, das Wort vom Märchen fiel, so erstaunt war, dass ich erst an eine Verwechslung glaubte. So wenig hatte ich selbst an ein Märchen gedacht, als ich den Roman schrieb. Sommermärchen – ja, das schon eher, mit den Bezügen zu der guten Stimmung wie sie in Berlin im Sommer manchmal zu haben ist. Denken wir an die WM 2006 oder den von Christo eingepackten Reichstag. Aber es ist ja auch sehr schön, sich von Reaktionen überraschen zu lassen, die man selbst nicht für möglich gehalten hat.

Was ist nun Wahres dran an Sungs Laden?

Es gibt, wie ich in einer Nachbemerkung geschrieben habe, etliche vietnamesische Läden, die mich inspiriert haben; darunter auch solche, die in ihrer Ausstattung Sungs Laden sehr nahekommen. Aber seine Geschichte und seine Inhaber sind erfunden. Wenn Sie mich danach fragen, wie viel Wahrheit in dem Roman steckt, so kann ich Ihnen sagen, dass mir sehr daran lag, den historischen Rahmen: Vietnamkrieg, Vertragsarbeiter, Wende authentisch zu erfassen. Und die Geschichte, die sich darin entwickelt, die habe ich für mich selbst immer als eine Übung in Sachen „Möglichkeitssinn“ angesehen. Robert Musil hat an einer berühmten Stelle seines Romans „Der Mann ohne Eigenschaften“ einmal gesagt, dass, wenn es Wirklichkeitssinn gibt, es auch Möglichkeitssinn geben müsse, und dass Möglichkeitssinn wiederum einen dazu bringt, das was ist nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist. Diese Überlegung hat mir schon immer sehr gefallen, und in „Sungs Laden“ habe ich versucht, diesen Möglichkeitssinn auszuprobieren, auszubuchstabieren.

Was hat Sie veranlasst, dieses Buch zu schreiben?

Als ich Ende der 1990er Jahre nach Berlin zog, fiel mir das distanzierte Nebeneinanderher von Berlinern und Vietnamesen auf. Dabei gab es so viele vietnamesische Läden: Obst und Gemüse, Blumen, Imbisse. Und man sprach von einer gelungenen Integration. Aber damit meinte man wohl vor allem, dass es vergleichsweise wenig Ärger gab, insbesondere in den Schulen. Als ich mir selbst dann im Laufe der Jahre klarmachte, dass wir hier Tür an Tür mit Menschen leben, die als Kind den Vietnamkrieg erlebt hatten, die als Vertragsarbeiter in die DDR gekommen waren, in einem sehr restriktiven Rahmen hatten arbeiten und leben müssen, während und nach der Wende in völlig ungeklärten staatlichen Verhältnissen mühsam eigene Wege hatten finden müssen, da dachte ich: Jetzt will ich es wissen: Nämlich wie es war und wie es noch werden könnte. Dazu brauchte es eben literarische Mittel.

Ihr Nachname Kalisa hört sich exotisch an. Verbirgt sich dahinter auch ein Wunder?

Kalisa rührt von Kalisz her, einer polnischen Stadt, bekannt durch die Herstellung von Musikinstrumenten, insbesondere den Klavierbau. Als Calisia ist sie schon im 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung erwähnt worden; sie lag an der „Bernsteinstrasse“, auf der Bernstein von der Ostsee in den Mittelmeerraum gelangte. Alt, aber gar nicht so exotisch.

Kann die Verwandlung, die die Menschen in Ihrem Buch durchleben, ein Modell für ganz Deutschland sein?

Ich denke nicht, dass ein Roman so schlichtweg ein Modell abgeben kann oder sollte. Die Umstände, die sozialen und politischen Hintergründe sind jeweils viel zu verschieden, als dass sich da etwas Einheitliches darüberstülpen ließe. Dennoch, wenn sich, eher im Sinne einer Parabel, Anregungen aus dem Roman ziehen lassen könnten, wie auch an anderen Orten das Nebeneinanderher von verschiedenen Kulturen sich aufbrechen ließe, nicht als ein verordneter Programmpunkt oder eine oberflächliche Veranstaltungspolitik, sondern eben ganz konkret vor Ort, aus nichts anderem als aus echtem Interesse am fremden Gegenüber, dann würde mich das riesig freuen. Denn echtes Interesse ist ansteckend, untergräbt Aggressionen, ist ungeheuer belebend und auf jeden Fall ein guter Anfang.

Karin Kalisa

Karin Kalisa, geboren 1965, lebt nach Stationen in Bremerhaven, Hamburg, Tokio und Wien seit einigen Jahren im Osten Berlins. Sowohl als Wissenschaftlerin als auch mit dem Blick einer Literatin forscht…
Zur Biografie von Karin Kalisa

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