Frau Kalisa, in Ihrem Roman „Sungs Laden“ geschieht in einem Berliner Stadtviertel ein kleines Wunder. Beschreiben Sie doch bitte mal!
Das Wunderbare besteht vielleicht darin, dass aus einer kleinen und an sich wenig beachteten Begebenheit heraus in einer Art Schneeballeffekt unversehens eine Bewegung wird, die den Kiez Prenzlauer Berg, dem ja die Klischees von Latte Macchiato trinkenden Müttern und neureichen Penthouse-Bewohnern vorauseilen, tatsächlich in Bewegung bringt und die Beleuchtungsverhältnisse umkehrt. Jetzt stehen einmal die im Mittelpunkt, die sonst im Schatten der „Szene“ stehen – die Angehörigen der vietnamesischen Community, also die ehemaligen Vertragsarbeiter und deren Nachkommen, aber auch die „Urweinwohnerschaft“ des Prenzlbergs …
… in der DDR geboren und ausgebildet …
Genau, und jung umgeschult in ein anderes System, einigermaßen durchgekommen, mit guten und schlechten Erinnerungen an den alten, mit guten und schlechten Gefühlen für den neuen Staat. Sie sind Altersgenossen der ersten Vertragsarbeiter, und doch sind Ex-Vertragsarbeiter und Ex-DDR-Bürger einander auf engstem Raum fremdgeblieben. Genau dies ändert sich im Laufe der Erzählung. Sie kommen einander nah, die Neugier ist geweckt, man fasst Vertrauen zueinander. Aus dem Nebeneinander wird eine Nachbarschaft; Nachbarschaft im Sinne von neighbourhood: echte Kontakte, reale Verbindungen, gemeinsame Aktionen und Interessen.
Ihre Geschichte liest sich wie ein modernes Märchen. Wieviel Wahrheit steckt in ihr? Gibt es diesen Laden, von dem die „Puppenrevolution“ ihren Lauf nimmt, wirklich?
Ich muss Ihnen sagen, dass ich, als in den ersten Reaktionen auf meinen Roman, das Wort vom Märchen fiel, so erstaunt war, dass ich erst an eine Verwechslung glaubte. So wenig hatte ich selbst an ein Märchen gedacht, als ich den Roman schrieb. Sommermärchen – ja, das schon eher, mit den Bezügen zu der guten Stimmung wie sie in Berlin im Sommer manchmal zu haben ist. Denken wir an die WM 2006 oder den von Christo eingepackten Reichstag. Aber es ist ja auch sehr schön, sich von Reaktionen überraschen zu lassen, die man selbst nicht für möglich gehalten hat.
Was ist nun Wahres dran an Sungs Laden?
Es gibt, wie ich in einer Nachbemerkung geschrieben habe, etliche vietnamesische Läden, die mich inspiriert haben; darunter auch solche, die in ihrer Ausstattung Sungs Laden sehr nahekommen. Aber seine Geschichte und seine Inhaber sind erfunden. Wenn Sie mich danach fragen, wie viel Wahrheit in dem Roman steckt, so kann ich Ihnen sagen, dass mir sehr daran lag, den historischen Rahmen: Vietnamkrieg, Vertragsarbeiter, Wende authentisch zu erfassen. Und die Geschichte, die sich darin entwickelt, die habe ich für mich selbst immer als eine Übung in Sachen „Möglichkeitssinn“ angesehen. Robert Musil hat an einer berühmten Stelle seines Romans „Der Mann ohne Eigenschaften“ einmal gesagt, dass, wenn es Wirklichkeitssinn gibt, es auch Möglichkeitssinn geben müsse, und dass Möglichkeitssinn wiederum einen dazu bringt, das was ist nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist. Diese Überlegung hat mir schon immer sehr gefallen, und in „Sungs Laden“ habe ich versucht, diesen Möglichkeitssinn auszuprobieren, auszubuchstabieren.
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