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Tauchende Agenten, lügende Pfarrer und Bestattungsunternehmer

1. Juli 2016 | Interview: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten


Viele Menschen in Europa denken, in Bayern gäbe es keinen König mehr. Das ist natürlich grundfalsch. Tief in den Bergen gibt es nämlich noch einen, es ist der Alpenkrimi-König Jörg Maurer. Seit seinem unerhört witzigen Roman „Föhnlage“, regiert er über das Verbrechen im bayerischen Alpenland. Wir sprechen mit ihm über sein Werk „Oberwasser“.

„Die Mordgedanken bekommt man eigentlich nur mit einem Mord aus der Ehe.“

Herr Maurer, in Ihrem Krimi „Oberwasser“ jagen Sie uns in die Garmischer Höllentalklamm. In der Hölle würde man jetzt aber eher Feuer erwarten. Was ist denn das Höllische an dieser Klamm?

Nach einer alten Sage soll die Höllentalklamm der Sommersitz des Teufels sein. Sein „Castel Gandolfo“ sozusagen. In der kühlen Klamm erholt er sich a‘ bisserl von der Hitze des Höllenfeuers. Meine Oma hat mir übrigens die Geschichte immer erzählt und ich habe dann als Bub gesagt: „Wieso eigentlich Höllentalklamm, wohnt denn der Teufel da?“. „Nein, der wohnt in Rom“, hat meine Oma damals geantwortet.

Apropros Teufel, einmal deuten Sie an, der Pfarrer sei ein Lügner. Aber das ist doch jetzt wirklich Dichtung?

Nein, das ist keine Dichtung. Der heilige Augustinus hat einst schon darauf hingewiesen: dass ein Pfarrer schon ein paar lässliche Sünden begangen haben muss, um den Sünder an und für sich voll und ganz beurteilen zu können. Also der Pfarrer sollte einmal gelogen, einmal genascht, irgendwann einmal zuspät gekommen sein. Manche Pfarrer schaffen das an einem Tag in ihrem Studium, andere, übrigens die Gewissenhafteren, die verwenden ihr ganzes Pfarrerleben dazu, eine Sünde nach der anderen abzuarbeiten. So ist das, also wenigstens hier bei uns.

Weil in „Oberwasser“ zwei Menschen verschwinden, darunter ein BKA-Agent, sind die Ermittler um Kommissar Jennerwein gezwungen in die Gumpen und Höhlen der Klamm zu tauchen. Eine private Frage: Können Sie selbst eigentlich schwimmen? Werden Sie unter Wasser zum Schmetterling?

Mein zweiter Name ist Schmetterling! Also, ich habe den Freischwimmer-Schein, den Fahrtenschwimmer-Schein, den eisernen Pinguin, die Dauertauch-Karte in Gold, was habe ich noch … das gelbe Flipper-Trikot, die Kampftaucher-Nahkampf-Spange zweiter Klasse mit Eichenlappen. Was sich halt im Laufe der Zeit so ansammelt.

In welchen Situationen des Lebens verspüren Sie Oberwassser?

Oberwasser verspüre ich zum Beispiel, wenn ich beim Schreiben des letzten Kapitels des Romans angelangt bin und alles so funktioniert hat, wie ich mir das beim ersten Kapitel vorgestellt habe.

Ihr Garmischer Kommissar heiβt ja wie der berühmte Wilderer „Jennerwein“ und in „Oberwasser“ servieren Sie uns auch eine beinahe echte Wilderergeschichte. Jetzt verraten Sie uns doch eines: Haben Sie persönlich … schon mal … also … gewildert?

Das veröffentlichen Sie jetzt nicht, gell?! Also, ganz ehrlich gesagt, wenn … Ich meine, ich kann es vielleicht ganz offen sagen, denn in Garmisch verjährt das Wildern nach 14 Tagen und darum kann man schon darüber sprechen. Ich hatte sogar in der Verwandtschaft Wilderer. Mein Opa zum Beispiel, oder mein Ururopa, der hat das händische Wildern erfunden. Man muss sich das so vorstellen: Mitte 19. Jahrhundert, Bleikugeln waren rar, Gewehre waren teuer, und jetzt ist er im Winter in den Wald rausgegangen, auf eine zwanzig Meter hohe Tanne raufgestiegen, hat unten Kastanien hingestreut. Dann kam das Wild … Mein Opa hat sich heruntergestürzt und hat das Wild mit bloβen Händen erwürgt!

Also eine unglaubliche Geschichte, im wahrsten Sinne des Wortes!

Aber authentisch!

Das Böse, schreiben Sie einmal, neige zu Feinschmeckerei, das Gute zu Fast-Food. Jetzt passen Sie auf! Ich stelle Ihnen eine Fangfrage: Sind Sie häufig in Schnell-Restaurants?

Also, ich habe natürlich noch nie in einem Schnell-Restaurant etwas gegessen. Einmal bin ich reingegangen, aber zum Recherchieren. Ich hab gesagt, „Bitte, ich möchte zwei Big Macs.“ Und jetzt sagt der hinter der Theke, „Herr Maurer, verlassen Sie sofort das Lokal!“. Und ich sag‘, „Wieso?!“ und dann sagt er, „Sie sind doch nur hier, um etwas Negatives über uns zu schreiben!“  Dann sag ich, „Naah, bitte lassen Sie mich zwei Big Macs probieren! Vielleicht sind die ja gut.“ Es kam die Security, ich wurde rausgeschmissen. Seitdem esse ich lieber gut und bin böse.

Jetzt aber zum zentralen Lebensmittel in Ihrem Roman „Oberwasser“: Sie schreiben, es gäbe auch Diät-Leberkäse. Das ist doch erfunden!

Naah, des is‘ ned erfund‘n. Es gibt ja auch zum Beispiel Diät-Weiβwürste. Da ist dann statt dem Schweinefleisch Tofu drin, und die Haut ist aus Bananenblättern. Also sowas gibt’s schon. So ähnlich muss das auch beim Diät-Leberkäse sein. Und der Gemeinderat Toni Harrigl, der in meinem neuesten Roman wieder mit drinnen ist, der isst das. Vielleicht ist auch ein Glas frisch gepresster Orangensaft mit eingebacken? Ich weiβ es nicht … Erfinden kann man ja eigentlich nichts mehr. Immer, wenn man was erfunden haben will, steht es schon in der Bäckerblume oder in der Apotheken-Umschau.

Die kriminellen Bestattungsunternehmer Grasegger, die sich in Föhnlage in ein italienisches Mafiosi-Versteck abgesetzt haben, die kommen ja in „Oberwasser“ wieder zurück nach Garmisch. Das Heimweh … Herr Maurer, Sie sind ja auch so viel auf Reisen, haben Sie ein probates Mittel gegen Heimweh gefunden?

Also ich mach‘ es eigentlich immer so, dass ich ein Kübelchen Heimaterde mitnehme im Auto oder im Zug. Und da greife ich hinein mit meinen Händen und dann schreibe ich; darum sind meine Romane so erdig; darum schwingt da immer so a bisserl Heimatgefühl mit, wo auch immer ich bin.

„Kraftausdrücke, Beleidigungen, Mordgedanken, das sind Unterhaltungen zwischen Ehepaaren.“ Diesen Satz legen Sie dem Allgäuer Ermittler Stengele in den Mund. Also wer sowas schreibt, der verfügt ganz offensichtlich über groβe partnerschaftliche Erfahrungen. Herr Maurer, wie bekommt man die Mordgedanken aus der Ehe?

Die Mordgedanken bekommt man eigentlich nur mit einem Mord aus der Ehe. Das muss man schon so deutlich sagen. Ich empfehle übrigens – natürlich ganz offiziell in Zusammenarbeit mit dem Fremdenverkehrsamt hier in Garmisch – eine Reise ins Werdenfelser Land; es gibt hier einen Platz an der Törlspitze, nahe der Meilerhütte. Da geht‘s 400 Meter nach unten. Und die Stelle ist von nirgendwo her einsehbar. Das empfehle ich.

In jedem Ihrer Bücher erheben Sie seltene bibliothekarische Schätze. Wie bitte sind Sie auf das „Gothaer Handbuch für Artilleristen“ aus dem Jahr 1886 gestoβen, das Sie in „Oberwasser“ zitieren?

Ich habe ein Nikolaus-Kostüm gesucht. Ich sollte den Nikolaus für meinen Neffen machen. Bin also auf den Speicher gegangen und habe das Buch gleich als erstes gefunden. Da dachte ich mir, das hat ja überhaupt keinen Sinn, dieses Buch. Hat‘s  auch nicht. Aber jetzt hat’s einen.

Zum Abschluss eine Frage an den Alpen-Krimi-König: Was macht der Berg aus dem Menschen?

Also manche sagen ja, der Berg macht den Menschen erst zum Menschen. Zumindest der Reinhold Messner sagt es und der Luis Trenker. Andere sind da natürlich anderer Meinung. Aber so ist es oft, auch im Flachland!

Jörg Maurer
Jörg Maurer

Jahrelang betrieb er die Kabarettbühne „Unterton“ in München. Heute lebt er in Garmisch-Partenkirchen und schreibt die Krimis um Kommissar Jennerwein.
Zur Biografie von Jörg Maurer

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Jörg Maurer
Jörg Maurer

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