Ich war Weltmeister im Besorgtsein – Jojo Moyes im Interview

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Ich war Weltmeister im Besorgtsein – Jojo Moyes im Interview

23. Juni 2016 | Interview: Annika von Schnabel | Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten


Jojo Moyes im Interview – über Ihren Film „Ein ganzes halbes Jahr“, über ihre Kinder, Träume, das Buch ihres Lebens und wie es sich anfühlte, erfolglos zu sein.

Lachen, weinen, seinen Traum leben

Frau Moyes, die Verfilmung Ihres Romans ist jetzt in Tausenden Kinos zu sehen. Sind Sie aufgeregt?

Ja, es ist aufregend. Denn du steckst all deine Energie in die Produktion – wir haben drei Jahre lang an dem Film gearbeitet. Aber du weißt nicht, wie der Film aufgenommen werden wird. Wird das Publikum ihn lieben? Da wir nun aber im Zeitalter des Social-Medias leben, wache ich jeden Morgen mit Tweets von Fans aus unterschiedlichsten Ländern auf, wo der Film schon Premiere hatte; die Fans schicken mir Fotos wie sie lachen, weinen und mit Eintrittskarten posieren. Das fühlt sich so an, als hätte ich den Film selbst gesehen.

Wie intensiv waren Sie in die Entstehung von Thea Sharrocks Films involviert? Hatten Sie Einfluss auf die Besetzung der Rollen von Lou als Emilia Clarke und Will als Sam Claflin?

Man hat mich nach meiner Meinung zu dieser Besetzung gefragt. Hätte ich etwas auszusetzen gehabt – wer weiß, ob jemand meine Meinung ernstgenommen hätte? Spaß bei Seite: Ich war in alle wichtigen Entscheidungen eingebunden, was nicht unbedingt üblich ist. Aber insbesondere in Deutschland hat das Buch so eine große Leserschaft, dass es den Filmmachern wichtig war, so nah wie möglich an meiner Romanvorlage zu sein. Ich denke, dass es deshalb logisch war, mich so stark einzubeziehen.

Wenn es ein Erfolgsrezept Ihrer Bücher gibt, dann wohl die Verbindung von ernsten Themen mit diesem warmherzigen, offenen, gelassenen Blick auf das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. Sind Sie selbst eigentlich ein durch und durch optimistischer Mensch?

Neuerdings, ja. Ich glaube, vor dem Erfolg von „Ein ganzes halbes Jahr“ – Moyes spricht den Titel deutsch aus – war ich nicht so optimistisch. Ich würde aber auch nicht sagen, dass ich eine Pessimistin war. Wir hatten diesen Running Gag, dass ich ein „Katastrophist“ war. Also jemand, der auf das Schlimmste vorbereitet ist, aber sich das Beste erhofft. Sagen wir es mal so: Ich bin der Typ Mensch, der weiß, wo im Hotel die Notausgänge sind. Sie schmunzelt. Ich könnte Ihnen sogar erzählen, wo die Notausgänge in diesem Hotel sind. Diese Angewohntheit werde ich auch nicht mehr los. Alles scheint mir immer noch unglaublich – angefangen von der ersten Woche nach Veröffentlichung meines Buchs; und welche Welle es in den letzten viereinhalb Jahren ausgelöst hat – und nun darf ich an der Verfilmung mitwirken! Das alles hätte ich mir niemals erträumt. Aber jetzt ist der Film ein wichtiger Teil meines Lebens. Es war alles so unglaublich, dass sich meine ganze Denkweise geändert hat. Ich glaube nun viel stärker an das Gute im Leben.

Welches Buch hat Sie am meisten geprägt in Ihrem Leben und warum?

Zufälligerweise habe ich heute schon darüber gesprochen. Das Buch heißt „Kleines Mädchen, großes Herz” und wurde erfolgreich verfilmt mit der damals sehr jungen Elizabeth Taylor. In der Geschichte geht es um eine körperlich unscheinbare Reiterin, die davon träumt, das größte britische Pferderennen zu gewinnen, obwohl so ziemlich alles dagegen spricht. Aber sie vertraut auf ihren Mut und ihre Beharrlichkeit. Diese Geschichte ist so inspirierend! Ich erkläre meinen Kindern immer, dass meine Karriere geprägt ist von einem ständigen Wechsel aus Versuchen und Rückschlägen, Versuchen und Rückschlägen. Und ich glaube das hat sich bei mir festgesetzt. Aber natürlich liebe ich auch Pferde. Auch deshalb mag ich diese Geschichte.

Hat sich Ihr Leben und das Ihrer Familie seit Ihrem Mega-Bestseller gravierend verändert?

Ich glaube nicht, dass sich das Leben für meine Familie überhaupt verändert hat. Wir sind zwar umgezogen, damit die Kinder größere Zimmer bekommen. Das ist eine tolle Sache. Und ich mache mir nicht mehr so viele Sorgen. Früher war ich der Weltmeister im Besorgtsein. Aber mittlerweile akzeptiere ich Dinge so wie sie kommen. Ich habe jetzt auch viel weniger Zeit, was für mich eine große Umstellung bedeutet. Aber dafür kann ich nun mit großartigen Menschen zusammenarbeiten. Mein Leben fühlt sich so auch richtig an. Ich lebe augenblicklich meinen Traum. Ich weiß nicht, für wie lange das so bleiben wird, aber momentan genieße ich jeden Tag so, als wüsste ich nicht, was als nächstes kommt.

Wie erleben Ihre Kinder Ihren Erfolg – ist ihnen bewusst, dass ihre Mama eine „Star-Literatin“ ist?

Wissen Sie was? Meine Tochter war in ihrer Schulklasse das einzige Mädchen, das keines meiner Bücher gelesen hat! Sie meinte, dass sie es einfach nur komisch fände, meine Bücher zu lesen, weil sie dabei ständig meine Stimme hören würde, und dass es einfach nicht ihr Ding wäre. Aber als ich sie mal ans Filmset mitgenommen habe und sie den Hauptdarsteller Sam Claflin kennengelernt hat, da hat sie plötzlich Interesse an meinen Job gefunden. Und dann hat sie auch „Ein ganzes halbes Jahr“ gelesen. Danach fing sie auch an, meine ganzen anderen Bücher zu lesen. Sie hatte viel Spaß auf der Filmpremiere. Genauso wie meine zwei Söhne. Die haben sogar den Neville-Longbottom-Darsteller aus den Harry Potter Filmen kennen gelernt und waren total begeistert von dem Film. Meine Kinder sind keine begeisterten Leser. Die verbinden das Lesen zu sehr mit mir. Sie sehen mich immer in meinem kleinen Zimmer sitzen und dann sage ich sowas wie „Pscht! Lass mich das noch zuende schreiben, bin gleich soweit“ – während es ihnen im Film leichter fällt, die Magie zu sehen.

Seit „Ein ganzes halbes Jahr“ zählen Sie weltweit zu den erfolgreichsten Autoren, speziell in Deutschland erreichen Sie gigantische Auflagen. Erfolg bedeutet aber auch eine Vergrößerung der Fallhöhe: The higher they come … Gibt es manchmal Momente, in denen Sie denken: All das könnte plötzlich auch wieder vorbei sein?

So gut wie jeden Tag. Aus meiner Sicht war ich viel länger eine erfolglose Autorin als eine erfolgreiche, und ich bin mir absolut bewusst über die Höhen und Tiefen, die wir alle durchleben. Wenn es gut läuft, dann hält das Hoch etwas länger an. Ich bin ziemlich erstaunt, dass die deutschen Leser meine Bücher so sehr in ihre Herzen geschlossen haben. Dafür bin unheimlich dankbar. Keine Ahnung, wie lange das so bleiben wird. Meine Aufgabe ist es, so sehe ich das, immer alles zu geben für jede neue Geschichte, die ich erzähle – ob in Form eines Buchs oder Films. Und ich muss hoffen, dass mich meine Leser oder Zuschauer dabei begleiten. Etwas Schöneres kann ich mir nicht vorstellen.

Jojo Moyes

Geboren 1969, wuchs Jojo Moyes in London auf und studierte Journalistik. Sie war Taxifahrerin, half Blinden und schrieb für die Sunday Morning Post in Hongkong und den Independent in London.…
Zur Biografie von Jojo Moyes

Jojo Moyes

Geboren 1969, wuchs Jojo Moyes in London auf und studierte Journalistik. Sie war Taxifahrerin, half Blinden und schrieb für die Sunday Morning Post in Hongkong und den Independent in London.…
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