Was ist Heimat? – Pierre Jarawan im Interview

Was ist Heimat? „An die Geschichten, die wir als Kinder gehört haben, erinnern wir uns das ganze Leben.“

Pierre Jarawan im Interview über seinen Roman „Am Ende bleiben die Zedern“

12. April 2016 | Interview: Tina Rausch

Pierre Jarawan

© Key Munich

„Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben“, schrieb die Schriftstellerin Joan Didion. Was bedeuten Ihnen Geschichten?

Das Schreiben und damit das Geschichtenerzählen hat in meinem Leben einen so dominanten Platz, dass ich sagen kann: alles. Das Schreiben von Geschichten gibt mir die Möglichkeit, mich künstlerisch mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen, das Lesen von Geschichten erlaubt mir, dieser Wirklichkeit zu entfliehen.

Der Ich-Erzähler Samir in Ihrem Roman „Am Ende bleiben die Zedern“ lebt als Sohn libanesischer Eltern in Deutschland und empfindet „eine unstillbare Sehnsucht“ nach dem Libanon. Wann waren Sie erstmals dort?

Mit ein, zwei Jahren und dann immer wieder, um die Familie zu besuchen. Zuletzt im Juli 2015, um den Roman abzuschließen.

Der Vater vermittelt Samir „die Idee vom schönsten Land der Welt“. Hat sich Ihr Blick auf den Libanon durchs Schreiben des Romans verändert?

Ja, weil ich gezwungen war, mich auch unangenehmen Aspekten –zurückliegenden und gegenwärtigen – zu widmen. Die blutige Geschichte, deren fehlende Aufarbeitung, die Spaltung der Gesellschaft, die wirtschaftliche und politische Situation. All das hat mir klargemacht, dass der Libanon ein wunderschönes Land ist, es dieser Schönheit aber immer weniger gelingt, ihre vielen Probleme zu kaschieren.

„Wer glaubt, er habe den Libanon verstanden, dem hat man ihn nicht richtig erklärt“, besagt ein Sprichwort. War es Ihr Anliegen, das Land in seiner Widersprüchlichkeit zu zeigen?

Ein großes Anliegen und eine große Herausforderung. Der Roman erzählt in erster Linie die Geschichte einer Familie, aber man kann nicht über den Libanon schreiben, ohne über Politik zu schreiben. In dem winzigen Land werden seit Jahrzehnten die Konflikte einer ganzen Region ausgetragen. Es sind ebendiese Widersprüche, die die Gesellschaft dort spalten und das Land immer wieder vor Zerreißproben stellen. Hierzulande wissen nur wenige etwas über den Libanon, in der deutschsprachigen Literatur ist er kaum präsent. Wenn meine Leser das Gefühl haben, eine tolle Geschichte gelesen und dabei etwas über das Land gelernt zu haben, wäre ich ziemlich glücklich.

„Es gibt keinen Plural für Heimkehr“, heißt es im Roman. „Weil man nur einmal wirklich nach Hause kommt.“

Das sagt eine Figur aus einer Geschichte des Vaters. Ich denke, er selbst würde dass, ohne zu zögern, unterschreiben. Ich bin anderer Meinung. „Zuhause“ oder auch „Heimat“ sind abstrakte Begriffe, die viel mehr psychologisch und emotional verankert sind als geografisch. Ich glaube, man kann sich an vielen Orten zuhause fühlen.

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