Mit ihr sprechen wir über die Seelen fünfjähriger Kinder, Mütter und Verbrecher, das Schreiben und über spektakuläre Entführungen wie die Fälle Kampusch und Fritzl.
Entsetzt, berührt, amüsiert – die Autorin von „Raum“ erklärt die Hintergründe ihres Meister-Thrillers.
Mrs. Donoghue, in Ihrem Roman „Raum“ erzählen Sie die Geschichte des jungen Jack. Er wächst als Sohn einer gekidnappten Mutter in einem winzigen Raum auf, den er für die einzig wahre Welt hält. Inwieweit dienten Ihnen für Ihr Buch wahre Verbrechen wie die Fälle Fritzl oder Kampusch als Quelle der Inspiration?
Der Fall Fritzl war anfangs der Auslöser, letztendlich verwendete ich aber nur das Bild einer gefangen gehaltenen jungen Frau, die versucht unter erschreckenden Umständen so gut wie möglich ein Kind aufzuziehen; ich veränderte die Fakten und Schauplätze des Falls Fritzl so stark wie möglich, weil ich nicht über real existierende Personen schreiben wollte. Ich wollte auf etwas Einfaches und Universelles hinaus, das atmosphärisch fast märchenhaft wirken sollte. Bei meiner Recherche stieß ich auf viele Fälle – auch den von Natascha Kampusch –, konzentrierte mich aber auf keinen bestimmten. Seltsamerweise ähnelt meine Geschichte im Buch am ehesten dem Fall von JayCee Duggard aus Kalifornien, die aber erst nach der Fertigstellung meines Buchs entdeckt wurde: Manchmal imitiert das Leben die Kunst!
Sie haben für den kleinen Jack eine völlig eigene Sprache entwickelt, eine Sprache von ungeheurer Authentizität und Aussagekraft. Wie haben Sie diese Sprache gefunden – und war es leicht, sie so konsequent durch den ganzen Roman hindurch durchzuhalten?
Diese Sprache musste ich sehr sorgfältig konstruieren – ich studierte meinen damals fünfjährigen Sohn. Dabei achtete ich darauf, jene grammatikalischen Fehler von Kindern einzubauen, die für Erwachsene verständlich sind, nicht aber diejenigen, die verwirren. Außerdem fügte ich Eigenarten hinzu, wie etwa seine sonderbare Angewohnheit, die wichtigsten Gegenstände im Raum zu personalisieren. Als ich mir einmal über die Sprache im Klaren war, war es nicht mehr schwierig sie beizubehalten. Während des Schreibprozesses sah ich die Welt durch Jacks Augen, war also nie versucht in Erwachsenensprache zu verfallen.
Es ist beeindruckend, wie sehr es Ihnen gelingt, in die Perspektive des kleinen Jack zu schlüpfen. Gab es irgendetwas, das Ihnen half, den Blick des Kindes einzunehmen? Einen Trick oder Kniff?
Es half mir, dass ich meinen Sohn sehr gut kannte. Allerdings bin ich für andere Bücher auch schon in einen englischen Grafen aus dem 18. Jahrhundert geschlüpft, oder in eine Kinderprostituierte. Ich denke, eine der Stärken, die ich mir im Laufe meiner 20-jährigen schriftstellerischen Tätigkeit erarbeitet habe, ist es, mit aller Hingabe einen bestimmten Standpunkt zu verinnerlichen.
„Ich genieße es, meinen Leser auf einer Art ‚tonaler Messerschneide‘ balancieren zu lassen.“
Erstaunlich an Ihrem Werk ist, dass Sie dem Leser, obwohl Sie eine erschreckende Geschichte erzählen, viele Momente des Humors und der Komik schenken. Inwiefern war Ihnen dies beim Schreiben bewusst?
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