Herr Bergmann, mit Ihrem Roman „Der Trick“ gelingt Ihnen ein kleines Kunststück: Denn obwohl Sie eine Geschichte erzählen, in der auch die dunklen Kapitel des vergangenen Jahrhunderts nicht ausgespart bleiben, ist das Buch witzig und unterhaltsam. Im Mittelpunkt steht ein Junge, der in der Gegenwart lebt. Als sich seine Eltern scheiden lassen wollen, bittet Max in seiner Verzweiflung den Großen Zabbatini um einen Liebeszauber. Zabbatini ist ein alter jüdischer Trickkünstler, der das KZ überlebte und seine beste Zeit längst hinter sich hat. Wissen Sie noch, wie Sie ganz zu Beginn Ihrer Arbeit auf diese beiden Helden gekommen sind, die man sofort ins Herz schließt?
Max bin im Grunde ich selbst. So in etwa war ich als Kind. Trottelig, leichtgläubig, stur wie ein Bock und ansatzweise zickig. Es hat sich nicht viel geändert, an diesen Werten halte ich immer noch fest. In den Zauberkünstler Zabbatini ist natürlich auch viel von mir eingeflossen, im Grunde besteht er aus zwei Charakteren: Einmal als ein noch etwas naiver junger Mann im Europa des finsteren zwanzigsten Jahrhunderts und einmal als alter Mann in Los Angeles. Alte Menschen haben mich schon immer fasziniert. Sie sehen aus wie Muppets und meckern immer, das finde ich witzig. Ich freue mich schon drauf, selber alt zu sein und schamlos rummaulen zu dürfen.
Der alte Zabbatini ist eine sehr vielschichtige Person …
Für ihn gab es verschiedene Impulse: Einen alten und etwas traurigen Varieté-Künstler, den ich mal auf einer Bühne in einem heruntergekommenen Theater in Los Angeles gesehen habe, dessen zugegebenermaßen dämliche Show vom Publikum ignoriert wurde und der mir leid tat. Dann noch einen verschmitzten älteren Herrn, der einen entstellten Arm hatte … und einige andere. Ich kannte viele Zauberkünstler in Los Angeles, und von denen ist viel in die Figur mit eingeflossen. Beide Charaktere waren, nachdem sie jahrelang irgendwo in meinen Gedanken vor sich hinschlummerten, eines Tages einfach da, sie waren völlig greifbar. Manchmal erscheinen mir meine Charaktere im Traum und sprechen mit mir. Besonders Max hat mir eine Weile lang keine ruhige Nacht gegönnt, der Bengel!
Gibt es auch ein historisches Vorbild für den Großen Zabbatini?
Erich Weiss, auch bekannt als Houdini. Von dessen Leben war ich stets fasziniert. Hier in Los Angeles stehen noch die Ruinen seiner Villa, die irgendwann abgebrannt ist. Ich war oft dort und habe versucht, mit seinem Geist Kontakt aufzunehmen. Er hat mich aber ignoriert.
Ihr Roman ist auch ein Buch über alle möglichen Formen der Liebe – etwa jener zwischen Mann und Frau oder jener zwischen Eltern und Kindern. Wenn es einen Liebeszauber wie ihn der Große Zabbatini verspricht, wirklich gäbe – wie fänden Sie das?
Zeit meines Lebens habe ich mir nichts so sehr gewünscht, wie einen Liebeszauber, mit dem man tolle Frauen gefügig machen kann. Aber irgendwann habe ich ihn entdeckt, und das hat in der Tat alles verändert: Man muss einfach nett zu ihnen sein.
Sie schildern die Gedanken des elfjährigen Max ebenso glaubwürdig wie alles, was die Erwachsenen denken. Dadurch entsteht viel Witz. Aber woher wissen Sie das nur alles so genau?
Komischerweise ahne ich nie, was andere Menschen denken. Wenn mir jemand seine Gedanken verrät, bin ich immer wieder überrascht. Max denkt wie ich. Wie gesagt, ich habe mich seit meiner Kindheit nicht nennenswert weiterentwickelt. Auf die Fragen, die mir damals schleierhaft waren, habe ich immer noch keine überzeugenden Antworten, zum Beispiel, warum es überhaupt die Sterblichkeit gibt und wozu sie eigentlich gut sein soll.
Sie sind in Saarbrücken geboren, leben aber seit vielen Jahren in Los Angeles, wo auch ein wichtiger Teil der Geschichte spielt.
Ich liebe es, in Kalifornien zu leben, ich liebe das tolle Wetter, die Menschen aus aller Welt, das Chaos der Eindrücke und Kulturen. Aber mir fehlt Deutschland sehr. Außer wenn ich Deutschland bin, dann geht mir nach einer Weile alles auf den Keks. Die Deutschen sind immer so knurrig in der U-Bahn. Ich habe immer das Gefühl, zwischen zwei Stühlen zu sitzen.
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