
Frau Wollschlaeger, in Ihrem Krimi „Elbschuld“ kommt eine Frau zur Polizei, weil sie denkt, ihr verstorbener Ehemann trachte ihr nach dem Leben. Als Beweis dafür bringt sie einen Gedichtband von Günter Kunert mit, der vor ihrer Haustür lag. Das müssen Sie uns erklären!
Dieser ominöse Gedichtband enthält eine Widmung, in Form eines Zitates von Kunert, die Hilde Deterding als Morddrohung versteht: „Fliegt Tag für Tag ein toter Hund um unsere Erde als Warnung“. Günter Kunert ist einer ihrer Lieblingsautoren, allerdings wissen das nur sehr wenige Menschen, u.a. ihr verstorbener Mann Arthur. Diese Gedichte wecken alte Erinnerungen in ihr. Außerdem bekommt sie Angst, dass man ihrem Hund Hektor etwas antun könnte. Denn was der Leser noch nicht weiß: Hilde Deterding hat ein Geheimnis, das sie unbedingt für sich behalten möchte. Philip Goldbergs Polizei-Kollegen dagegen glauben, dass ihr die Einsamkeit zu Kopf steigt. Auf so einem riesigen Obsthof mitten im Nirgendwo kann man schon mal auf seltsame Gedanken kommen.
Der Grund, weshalb die betagte Dame Hilde Deterding glaubt, dass ihr Mann von den Toten auferstanden sei, findet sich in seinen letzten Worten: „Ich komme wieder, und dann werde ich dir zeigen, wie das ist“, hat er ihr auf dem Sterbebett gedroht. Das hört sich erst einmal schräg und lustig an. Wieso übernimmt Hauptkommissar Goldberg trotzdem die Ermittlungen?
Philip Goldberg hat ein fast seismografisches Gespür für Menschen. Er ahnt, dass sich hinter der herrischen Fassade eine zerbrechliche Frau versteckt, die eine sehr reale Angst empfindet. Goldberg nimmt diese Empfindung ernst und möchte ihr helfen. Außerdem hat er in seiner Zeit in Berlin schon wesentlich verrücktere Sachen erlebt.
Wenig später erfährt Goldberg etwas, das seinen Verdacht erhärtet, dass Hilde Deterdings Wunsch nach Polizeischutz nicht vollkommen verrückt ist: Die Dame soll noch zu Lebzeiten ihres Mannes eine heimliche Affäre mit dem Pastor gehabt haben, der angeblich ein Kind entsprungen ist. Was ist dran an diesem Gerücht?
Hauke Thomsen, einer von Goldbergs Kollegen ist sich ganz sicher, dass der Pastor nichts damit zu tun hat. Doch da Hilde Deterding zu diesem Gerücht hartnäckig schweigt, ist sich Goldberg sicher, dass es da ein Geheimnis gibt. Und im Zuge der Ermittlungen zeigt sich, dass Hildes drei Kinder kein gutes Haar an ihrer Mutter lassen. Eine Tatsache, die ihn zusätzlich neugierig macht. Es ist die Faszination, die Hilde auf ihn ausübt. Goldberg muss hinter ihr Geheimnis kommen!
Und dann stirbt auch noch der Hund der alten Dame. Es handelt sich bei Hektor um ein sehr altes Tier. Trotzdem will Philip Goldberg, der ja aus Berlin in die Elbmarsch versetzt wurde, an dem Fall dranbleiben – was seine beiden einheimischen Kollegen vollkommen albern finden. Warum schätzt er den Fall anders ein als die Kollegen?
Hauke und Peter, Goldbergs Kollegen, zweifeln an Hildes Glaubwürdigkeit, weil sie eigenbrötlerisch und egozentrisch ist. Hauke zum Beispiel hasst diese Frau, weil sie ihn als Kind des Apfeldiebstahls bezichtigt hat. Natürlich völlig zu Unrecht, aber der Vorwurf sitzt tief. Goldberg dagegen kann neutral und unvoreingenommen sein und hat dadurch einen anderen Blickwinkel auf die Geschehnisse. Ein toter Hund mitten in der Küche kommt ihm unnatürlich vor, dazu das Buch, das jemand einfach so vor der Tür ablegt … All das kommt ihm seltsam vor. Für ihn gibt es keine Zufälle. Nicht zuletzt treibt ihn die Frage um, wer oder was Hilde Deterding solche Angst einjagt.
Die Gespräche zwischen den Dreien und auch zwischen Goldberg und anderen „Ureinwohnern“ wirken authentisch und sind liebevoll beobachtet. Es scheint, Sie mögen die Bewohner der Elbmarsch. Was sind denn ihre typischen Eigenschaften?
Das werde ich tatsächlich sehr oft gefragt, und um ehrlich zu sein, habe ich darauf keine Antwort. Ich selbst bin hier im Norden geboren und vielleicht fallen mir die typischen Eigenarten selbst gar nicht so auf. Ein Leser schrieb mir neulich, dass ich den nordischen Ton in meinen Büchern sehr gut getroffen hätte. Also, auch wenn ich persönlich glaube, dass diese regionalen Unterschiede innerhalb Deutschlands gar nicht so groß sind, muss da wohl doch etwas Wahres dran sein. Vielleicht ist es die ruhige, eher zurückhaltende Art der Menschen hier, die mir einfach im Blut liegt.
Goldberg kommt aus Berlin, der Krimi spielt in Kophusen in der Elbmarsch. Was verbindet Sie mit den beiden Orten?
Die Elbmarsch ist für mich so etwas wie ein Heimspiel, obwohl ich gebürtig nicht aus Kreis Steinburg komme, sondern aus Pinneberg, circa zwanzig Kilometer entfernt. Ich mag die Landschaft hier, die Gräben an den Straßen, aus denen das Schilf wächst, die flachen Wiesen und Felder. Und natürlich die Elbe.
Berlin dagegen war hauptsächlich eine dramaturgische Entscheidung. Goldberg kommt nach Kophusen, weil er Distanz braucht, deswegen fiel Hamburg raus. Außerdem halte ich Berlin für die lebendigste und aufregendste Stadt, die wir in Deutschland haben. Ich wollte einen Kommissar, der die Großstadt mit all ihren Facetten erlebt hat und so einen Gegenpol zu Kophusen bilden kann. Ich selber mag das Gegensätzliche, die quirlige Großstadt mit ihren Cafés, Theatern und Kinos und die Ruhe und Weite der Natur. Es ist mir wichtig beides zu haben.
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