Sibylle Berg: GRM – Brainfuck. Rezension | BUCHSZENE

Die Welt ist eine digitale Diktatur in Sibylle Bergs Roman „GRM – Brainfuck“. Die Menschen sitzen in Häusern und leben im Internet. Doch vier junge Leute widersetzen sich der Autokratie der Algorithmen.

Sibylle Bergs Roman „GRM – Brainfuck“ versetzt in eine gar nicht so unwahrscheinliche Zukunft

8. Juli 2019 | Bernhard Berkmann

Titelbild GRM - Brainfuck

© Leifstiller shutterstock-ID: 28705144

Geschlossene Postämter, geschlossene Supermärkte – und Insassen

Mit ihrem Roman „GRM – Brainfuck“ katapultiert Sibylle Berg uns in eine Welt der vermutlich gar nicht so fernen Zukunft. Diese Welt ist gekennzeichnet durch „geschlossene Postämter, geschlossene Supermärkte. Das Zeug braucht man nicht mehr, denn es ist die Zeit des Internets. In dem man jeden Film streamen kann. Alle notwendigen Lebensmittel, sprich Margarine und Weißbrot, kaufen kann.“ Die Waren werden direkt in die Häuser geliefert. Ihre Bewohner, die Sibylle Berg nicht ohne List „Insassen“ nennt, „hätten aber auch genauso gut Tapete mit Salz bestreuen und verzehren können.“

Sibylle Berg erzählt im atemlos-kühlen Stil eines Pop-Romans

Im atemlosen und dabei kühlen Stil eines guten Popliteraturromans beschreibt die Autorin diese Brave New World: Wie die einst demokratischen westlichen Nationen sich nach und nach in Autokratien verwandeln. Wie die erdrückende Macht der Computer-Algorithmen das Leben bestimmt und Menschen eigentlich nur noch als Konsumenten gebraucht werden.

Immer wieder springt einer aus dem Hochhaus in die Tiefe

Im britischen Rochdale ist man mit der Entwicklung bereits besonders gut vorangeschritten. Hier wohnen in sieben Hochhäusern, den Seven Sisters, jene, die das wirklich interessante Leben führen. Hier ist jede Woche etwas los: „Was meist mit dem Ableben eines Menschen zu tun hatte … In den Seven Sisters wurde im großen Stil mit Drogen gehandelt, da erschlugen sich Familienmitglieder, und immer wieder sprangen oder – sagen wir – glitten Menschen aus einem der oberen Stockwerke in die Tiefe.“

GRM ist der Kanal, der permanent neue Stars hervorbringt

Außerdem gibt es Grime, kurz GRM. Es verkörpert die spektakulärste musikalische Revolution der vergangenen Jahrzehnte. In Rochdale, wie an vielen anderen Stellen der Welt, läuft es den ganzen Tag. Als Musik zum Lebensgefühl. „Wobei Kinder nicht von einem Lebensgefühl reden würden – es war ihr Leben. Wenn man erwachsen war, betäubte man aufkommende Gefühle mit Drogen, wenn man jung war, hörte man Musik. Und betäubte sich im Anschluss mit Drogen. Grime war wütende Drecksmusik für Kinder in einem Drecksleben.“ Grime bringt permanent neue YouTube-Stars hervor und versorgt die emotional verarmten Menschen mit immer neuen Idolen und damit Sehnsüchten.

Vier Kinder entschließen sich zum Widerstand gegen die Datendiktatur

Aber nicht alle, die in dieser Welt vor sich hinvegetieren, haben sich bereits aufgegeben. Es gibt hier auch noch vier Kinder. Obwohl sie kein anderes Leben kennen als jenes in einem gescheiterten Staat, steckt in ihnen ein Funken Hoffnung. Dieser Zündstoff gibt ihnen den Impuls, sich aus der gewohnten Welt herauszureißen und nach London zu ziehen.

Sybille Bergs „GRM“ fragt: Können Menschen gegen Algorithmen siegen?

In London geschieht Aufregendes: Jeder, der sich einen Chip unter die Haut setzen lässt, hat Anspruch auf ein Grundeinkommen. Die Nebenwirkung der totalen Überwachung, den der Computerchip mit sich bringt, akzeptiert man. Wer den Chip nicht hat, ist Bodensatz und zum Abschuss freigegeben. Die vier wollen den Chip nicht. Sie wollen etwas anderes. Eine Art Revolution. Aber können Menschen wirklich gegen Algorithmen siegen?

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