Bandi „Denunziation“ Felicitas von Lovenberg im Interview | BUCHZENE

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8. Mai 2017 | Interview: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Im Interview verrät Piper-Verlegerin Felicitas von Lovenberg, wie sie an das einzigartige Werk kam, was sie über den anonymen Autor weiß und wie gefährlich für ihn diese Veröffentlichung ist.


Eine literarische Sensation – Felicitas von Lovenberg über Bandis aus Nordkorea geschmuggeltes Buch „Denunziation“


Bandi

Denunziation

ISBN 978-3-492-05822-3

224 Seiten | € 20,00

PIPER

Dieses Buch ist ein kleines Wunder: Der Erzählband „Denunziation“ des unbekannten Autors Bandi wurde heimlich aus Nordkorea herausgeschmuggelt und erscheint nun auf Deutsch im Piper Verlag. Es ist das erste literarische Werk, das an der strengen nordkoreanischen Zensur vorbei ins Ausland gebracht werden konnte. Im Interview verrät Piper-Verlegerin Felicitas von Lovenberg, wie sie an das einzigartige Werk kam, was sie über den anonymen Autor weiß und wie gefährlich für ihn diese Veröffentlichung ist.

Denunzation

© Evlakhov Valeriy

Frau von Lovenberg, Ihnen ist mit der Veröffentlichung des ersten literarischen Werks, das aus Nordkorea herausgeschmuggelt wurde, ein Coup gelungen. Das Land gilt als vollständig von der Außenwelt abgeriegelt. Wie sind Sie und der Piper Verlag an den Erzählungsband „Denunziation“ gekommen?

Der Autor hat in Nordkorea im Geheimen regimekritische Texte geschrieben und diese über Jahre aufbewahrt, bis sich durch die Flucht einer nahen Verwandten Bandis in den koreanischen Süden die Gelegenheit ergab, die Texte mit Hilfe eines Mittelsmanns über die Grenze zu schmuggeln. Wesentlich beteiligt daran war Do Hee-Yoon, der Vorsitzende der NGO „Solidarität und Menschenrechte für alle nordkoreanischen Flüchtlinge“. Er war derjenige, der den Mittelsmann geschickt hat, als er über Bandis Verwandte von den Texten erfahren hat. In den Westen gelangten die Texte über die international tätige Literaturagentin Barbara Zitwer, die Korea sehr gut kennt und schon viele Autor*innen von dort in die Welt gebracht hat (u.a. Han Kang, Kyung-Sook Shin). Uns hat ihre Münchner Subagententin Anoukh Foerg davon erzählt und wir fanden es wichtig, dieses Buch herauszubringen.

Das Pseudonym des Autors lautet „Bandi“. Was wissen Sie über ihn oder sie?

Hier ist unsere wichtigste Quelle Do Hee-Yoon, demzufolge 95 Prozent der Biographie von Bandi verändert wurden, einschließlich der Angaben zu seinem Alter oder zu seinem Wohnort. Das ist eine Maßnahme, die allein dem Schutz des Autors dient. Do Hee-Yoon weiter: „Die bleibenden 5 Prozent sind wahr: Er lebt als Schriftsteller in Nordkorea und schreibt weiterhin im Verborgenen.“ Wir wissen also über die Identität des Autors auch nicht mehr als die Öffentlichkeit oder Presse, und das ist auch wichtig, um ihn zu schützen

Hat sich Bandi durch dieses Buch nicht in eine massive Gefahr begeben? Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un ließ in der Vergangenheit auch engste Familienmitglieder hinrichten, wenn er das Gefühl hatte, sie könnten ihm schaden.

Ja, natürlich geht Bandi ein sehr hohes persönliches Risiko ein. Deswegen muss auch alles getan werden, um seine Identität zu schützen.

Wovon handeln die Geschichten in „Denunziation“?

Sie handeln von den Menschen in Nordkorea, die uns sonst immer nur als Teil einer großen Inszenierung vorkommen, weil die regimetreue Propaganda sie so darstellen möchte – und davon, wie sie unter dem strengen Regime leiden. Nehmen Sie zum Beispiel die Geschichte „Die Stadt der Gespenster“: Eine Mutter hat den Verdacht, dass die Konterfeis von Karl Marx und Kim Il-Sung, die groß und mächtig in das Zimmer hineinblicken, Alpträume bei ihrem kleinen Kind verursachen könnten. Sie zieht deshalb die Gardinen zu, obwohl zum selben Zeitpunkt eine Parade stattfinden soll – und wird prompt der Spionage verdächtigt. Das ist nur ein Beispiel, bei dem man sieht, dass Bandis Texte regimekritisch sind und das System anklagen.

Sie waren vor Ihrer Zeit als Piper-Verlegerin Literaturkritikerin. Welchen literarischen Wert haben Bandis Erzählungen?

Für unsere Lesegewohnheiten wirken sie möglicherweise zunächst eigenwillig und ein wenig ins Surreal-Absurde neigend, doch sind genau dies auch Stilmittel, die mir als Leserin einen Eindruck der Verhältnisse geben, von denen sie handeln. Ihr literarischer Wert geht daher über die Zeugenschaft und das Dokumentarische weit hinaus.

War es schwierig, die Texte ins Deutsche zu übersetzen?

Ki-Hyang Lee ist eine sehr gute Übersetzerin, sie hat auch Han Kangs hochgeliebten Roman „Die Vegetarierin“ übersetzt, ist in Seoul geboren und arbeitet als Verlegerin in München. Sie kennt Korea und die politische Situation gut. Insofern war das für uns ein Glücksfall. Die eigentliche Herausforderung ist hier, wie bei jeder Übersetzung, die Übertragung des Stils in eine andere Sprache.

Wieviel haben Sie für die Rechte bezahlt – und wird der Autor ein Honorar für sein Werk erhalten?

Hier lasse ich am besten die Agentin Barbara Zitwer zu Wort kommen lassen: “All the monies are sent to Mr. Do and he administers the funds for the Bandi Foundation, just started for North Korean defectors and others who suffer under tyranny … and he has a fund for Bandi’s family and him – should they be able to have it.”

Es heißt, es gebe auch einen Gedichtband von Bandi. Wird der auch bei Piper erscheinen? Wann?

Dazu kann ich noch nichts sagen, da uns dieser Band bisher nicht vorliegt.

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