Jonas Winner: Die Party. Frau Bluhm liest. Kritik | BUCHSZENE

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26. September 2018 | Von Frau Bluhm | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Ein Mann lädt seine Freunde zur Halloween-Party. Es soll ein Revival nach 30 Jahren sein. Stattdessen finden sich die Gäste in Jonas Winners Thriller „Die Party“ eingesperrt in einem Horror-Haus wider.


Jonas Winners Thriller „Die Party” ist packend, unterhaltsam und hat doch eine große Schwäche


Jonas Winner

Die Party

ISBN 978-3-453-43918-4

368 Seiten | € 12,99

HEYNE

Ein Mann lädt seine Freunde zur Halloween-Party. Es soll ein Revival nach 30 Jahren sein. Stattdessen finden sich die Gäste in Jonas Winners Thriller „Die Party“ eingesperrt in einem Horror-Haus wider.


Frau Bluhm liest „Die Party“: 3 von 5 Blu(h)men


Was geschah damals wirklich auf der Halloween-Party?

1986, vor mehr als 30 Jahren, trafen die zehn Freunde Nick, Ashley, Donna, Henry, Janet, Kim, Louise, Ralph, Scotty und Terry zum letzten Mal in Schulfreund Brandons Haus während einer Halloween-Party zum letzten Mal aufeinander. Längst leben sie in alle Ecken des Landes zerstreut, gehen mehr oder minder erfolgreich ihren Berufen nach und sind mit unterschiedlichsten Beziehungsgeflechten verwoben. Doch nun, im Jahr 2018, möchte Brandon ein Revival ebendieser Party veranstalten, die damals der Wendepunkt ihrer aller Freundschaft bedeutete. Alle folgen der Einladung, möchte doch jeder gerne wissen, was damals wirklich geschah auf diesem Fest, das seinen Gastgeber für immer prägte und veränderte.

Zu Beginn des Fests wird der Gastgeber von einem Leuchter erschlagen

Ganz im Stil der 80er muss jeder Gast zunächst sein Handy abgeben und sich dann in stilechter Halloweenverkleidung in das gläserne Herrenhaus begeben, das früher Brandons Familie und heute dem Veranstalter selbst gehört. Doch kurz nach ihrer Ankunft passiert das Unvorstellbare: Brandon wird von seinem eigenen Kronleuchter erschlagen. Zunächst glauben alle zehn ehemaligen Freunde an einen fürchterlichen und tragischen Unfall, doch als kurz darauf die Lichter ausgehen und sich die Rollläden um das Haus schließen, meldet sich Brandon mit einer Videobotschaft aus dem Jenseits zurück: Er hat die Party in ein reales Mörderspiel verwandelt, das Haus ist in eine mit kreativen Vorkehrungen gespickte Todesfalle. Und eines ist von Anfang an klar: Nur der letzte, der überlebt, darf nachhause gehen. Die Jagd gegen die Zeit und gegeneinander beginnt, und während die einen noch versuchen herauszufinden, was die Ursache für diese Aktion ist, beginnen die anderen schon mit der Hetzjagd gegeneinander. Ein mörderisches Partyspiel beginnt und bald schon sind es nur noch neun Teilnehmer, doch wer hat den Zehnten getötet?

Zehn Menschen eingesperrt in einem Haus – eine schöne Thriller-Situation

Ich gebe zu, die klaustrophobische Idee dieses Klappentextes hat mich angezogen wie das Licht die Motte: Zehn Leute in einem abgeschlossenen Haus, nur einer kann überleben. Diese Ausgangsposition, die zu psychologischen und trickreichen Verwicklungen führen wird, ist fabelhaft. Fast schon wie in einem klassischen Whodunit-Thriller à la Sherlock Holmes oder Hercules Poirot, nur ins neue Jahrtausend befördert. Die zehn Figuren führt Jonas Winner alle gut und bildhaft ein. Da man sich mit elf Protagonisten natürlich erst einmal etwas schwertut, hat er eine Übersicht der teilnehmenden Personen am Ende angehängt. Die Idee, das Szenario um den Faktor „Verkleidung“ zusätzlich zu bereichern und somit die Möglichkeit zu Verwechslungen und mysteriösem Auftreten noch zu vervielfachen, finde ich auch sehr gelungen. Jonas Winner spielt gekonnt mit zehn Erzählperspektiven und ermöglicht es dem Leser in die Rolle des Ermittlers zu schlüpfen. Die Leute sterben wie die Fliegen und oft ist es genau die Person, die man verdächtigte, die als nächste den Löffel abgeben muss, so dass man am Ende überhaupt nicht mehr weiß, was man eigentlich noch glauben soll. Dabei wechseln sich die vom „Mörderhaus“ begangenen Morde und die Todesfälle, die durch einen der Partygäste verursacht werden, stetig ab, so dass man die innere Panik der Zurückgebliebenen wirklich gut nachvollziehen kann. Durch diese stetige Verwirrung und das sich immerfort verändernde soziale Konstrukt unter den ehemaligen Freunden entsteht ein Sog der Spannung, dem man sich schon bald kaum mehr entziehen kann.

Kann man diesen Schluss wirklich so erzählen? Geht das?

Doch leider ist diese spannende Grundidee verdorben durch das wirklich absolut merkwürdige am Ende der Geschichte. Letzten Endes ist dieses Buch wie der Sprung aus einem Flugzeug ohne Fallschirm: Die ersten 499 Meter sind spannend und adrenalingepeitscht, der letzte Meter ist aber einfach nur bescheuert. Die Auflösung am Ende und die wirklich hanebüchene Erklärung, die damit einhergeht, erscheint überkonstruiert, an den Haaren herbeigezogen und unrealistisch. Ich möchte überhaupt nichts verraten, aber jeder, der irgendwann in seinem Leben irgendwann mal Biologieunterricht hatte, wird mir zweifelsfrei zustimmen. Ich finde es wirklich schade, denn wie oben schon gesagt: Das Thema, das Setting und die Protagonistenentwicklung haben wirklich Potential. Potential, das leider am Ende nicht ausgeschöpft wird. Ich habe das Gefühl, der Autor hat sich zu sehr von seiner eigenen Art um die Ecke zu denken beeinflussen lassen. Oftmals sind es die einfachsten Lösungen, auf die keiner kommt und die einen Kriminalroman formvollendet dastehen lassen, nicht die fünfte unglaubliche Überraschung. Leider hat Jonas Winner diesen Kniff am Ende nicht hinbekommen.

Die Faktengenauigkeit kommt mir bei diesem Krimi zu kurz

Ich möchte gar nicht sagen, dass dieses Buch schlecht ist, bestimmt gibt es viele Menschen, die es mit der Faktengenauigkeit nicht so ernst nehmen, sondern einfach nur einen spannenden und unterhaltsamen Thriller lesen möchten. Meinen Geschmack hat Jonas Winner leider nicht getroffen, aber vielleicht trifft er ja euren.

Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf Lovelybooks.


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