Der Deutsche Meister und ich

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Der Deutsche Meister und ich

15. Januar 2015 | Kolumne: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Wie mein Sohn mal etwas lernte – über das Berühmtsein, den Fußballer Manuel Neuer und den Schriftsteller Ian McEwan

Jüngst fragte mich mein sechsjähriger Sohn, warum es nicht in der Zeitung stehe, wenn unsere Familie wandern gehe. „Weil es keinen interessiert“, erwiderte ich verständnislos. „Was ist denn das für eine komische Frage?“

„Aber du und Mami, ihr habt doch kürzlich darüber geredet, dass in der Zeitung stand, dass ein Schriftsteller demnächst bei uns in der Nähe wandern geht. Warum steht das drin, wenn der wandern geht, aber nicht, wenn wir wandern gehen? Das ist doch ungerecht.“

Der Schriftsteller, von dem mein Sohn sprach, ist Ian McEwan. In einem Interview mit der Frauenzeitschrift Brigitte hat McEwan gesagt, er werde das nächste Mal von Murnau am Staffelsee aus wandern gehen. Er liebe die Maler des „Blauen Reiter“. Meine Frau Helena und ich freuten uns, dies zu hören, denn Ian McEwan zählt zu unseren Lieblingsschriftstellern.

literaturfußball

„Was ist jetzt?“, drängelte mein Sohn. „Warum steht der in der Zeitung und wir nicht?“

„Weil es Ian McEwan ist“, erklärte ich. Meine Stimme hatte einen autoritär väterlichen Ton angenommen. „Ian McEwan ist einer der größten Schriftsteller der Welt. Er ist berühmt. Nur wenn berühmte Leute wandern gehen, steht das in der Zeitung.“

„Ich kenne den aber nicht“, meinte mein Sohn. Er war sichtlich unzufrieden mit meinen Erklärungen.

„Berühmtsein ist relativ“, sagte ich. „Leute, die gerne lesen, kennen McEwan.“

„Ich lese gerne!“ Jetzt war mein Sohn empört.

„Ja schon, aber andere Bücher“, erwiderte ich. „Du liest gerne Räuberbücher oder Bücher über Kinder, die Erwachsenen Streiche spielen oder Bücher über Affen und so was. Solche Bücher schreibt aber ein Ian McEwan nicht.“

„Wieso sagst du ‚ein Ian McEwan‘, Papi?“ Ich blickte meinen Sohn erstaunt an. Ja, wieso hatte ich eigentlich „ein McEwan“ gesagt?

Langsam und nachdenklich antwortete ich: „Ich glaube, das ist auch so etwas, was man nur bei Berühmten macht. Da sagt man dann anstatt ‚der‘ ‚einen‘, obwohl man eigentlich ‚der‘ meint. Man sagt das, weil sowieso jeder weiß, dass man diesen einen bestimmten Ian McEwan meint, weil er berühmt ist. Bei Leuten, die nicht berühmt, aber zumindest wichtig sind, sagt man das, glaube ich auch. Vor allem sagt man das aber bei Fußballern. Man sagt zum Beispiel ‚Ein Manuel Neuer hätte den Ball gehalten.‘ Den Manuel Neuer kennst du ja …“

Mein Sohn überlegte kurz, dann meinte er: „Wer ist berühmter, der Neuer oder der Mann aus dem Flugzeug?“ Mit dieser Frage erinnerte mich Leonhard an ein unangenehmes Erlebnis. Wir waren nämlich kürzlich mit dem Flugzeug nach London geflogen. Wegen einer Panne bei den Sicherheitskontrollen hatten wir als letzte Passagiere unsere Plätze erreicht. Weil alle auf uns zu warten schienen, hatte ich hastig die Klappe des Handgepäckfachs aufgerissen und unsere Koffer hineingedonnert. Dann hatte ich mich nassgeschwitzt, aber erleichtert auf den Sitz fallen lassen. Die Kinder und meine Frau saßen auch. Unendliche Erleichterung. Doch da sagte eine wütende Männerstimme:

„Also, ich würde die Jacke in London schon gerne noch anziehen können! Aber wenn da natürlich jemand einen Koffer darauf ablagern muss, kann ich die wahrscheinlich kompostieren.“

Dann rumpelte es und aus dem Augenwinkel beobachtete ich einen großen, sportlichen Mann, der das Handgepäcksfach wieder aufriss, meinen Koffer herausnahm, in den Mittelgang donnerte, eine Jacke, die offensichtlich unter dem Koffer gelegen hatte, herauszog, meinen Koffer wieder verräumte, die Jacke vorsichtig oben drauf legte und das Gepäckfach wieder zuknallte.

In diesem Moment war mir sehr heiß geworden. Denn der Mann, dessen Jacke ich beinahe demoliert hätte, war ein ehemaliger Fußballer, den jeder kennt: Europameister, mehrfacher Deutscher Meister, Pokalsieger. Ich war so geschockt, dass ich es nicht mehr schaffte, mich zu entschuldigen, ehe das Flugzeug abhob. Mit hochrotem Kopf saß ich wie gelähmt auf meinem Sitz und fühlte mich schlecht. Natürlich wäre es schon peinlich gewesen, irgendeinem Menschen die Jacke zu ramponieren, aber dann auch noch diesem Fußballidol! Was sollte ich tun? Nachdem ich eine Stunde lang an nichts anderes hatte denken können, stand ich auf, beugte mich unterwürfig dem Starfußballer zu und entschuldigte mich. Aus heutiger Sicht muss ich sagen: Ein Ian McEwan hätte das vermutlich schneller hinbekommen.

„Und wer ist jetzt berühmter – der Neuer oder der Dings aus dem Flugzeug?“, holte mich mein Sohn in die Gegenwart zurück. „Also“, hob ich an, „erst kommt Manuel Neuer. Dann kommt der Fußballer aus dem Flugzeug und dann kommt Ian McEwan.“

„Und dann kommen wir?“

„Und dann kommen wir“, antwortete ich, obwohl dies nicht stimmte, aber ich wollte endlich Ruhe.

„Oh Mann, Papi, wir sind nur vierter!“ Mein Sohn war enttäuscht. Ich hätte ihm gerne noch erklärt, dass es in diesem Fall viele Vorteile hat, „nur vierter“ zu sein. Aber da war Leonhard schon draußen in unserem Garten im Blauen Land. Genau dort, wo demnächst Ian McEwan wandern wird.

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

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1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
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