
Herr Scharrer, in Ihrem Roman „Dem Wahnsinn entkommen“ erzählen Sie von einer jungen Frau, die Opfer eines Stalkers wird. Wie wahr ist diese Geschichte?
Mein Roman entstand aus vielen wahren Erlebnissen, die mir vor allem Frauen im Laufe des Entstehungsprozesses des Buches geschildert haben. Man kann also berechtigt sagen, es sind Geschichten die erlebt, durchlebt und überlebt wurden. Meine Aufgabe war es, all diese schrecklichen Erlebnisse in Romanform zu fassen, weil sie genau den immer wiederkehrenden Mechanismen von Stalking aufzeigen. Damit sind diese Geschichten sozusagen ein Abbild des Martyriums, das betroffene von Stalking durchleiden müssen. Das war der Stoff, aus dem ein packender und emotional spannender Thriller geworden ist. Inspiriert von wahren Geschichten steht Sarah stellvertretend für so viele Betroffene von Stalking.
Sarah lernt auf einem Kreuzfahrtschiff den Millionär Max kennen und hat mit ihm Spontan-Sex in der Sauna. Danach hat sie noch kurz eine gute Zeit mit ihm, doch plötzlich kippt die Situation …
Für Sahra war es nur eine kleine Liebelei. Denn eigentlich wollte sie auch wissen, ob sie überhaupt noch attraktiv und begehrenswert erscheint. Besonders so kurz nach ihrer schmerzhaften Trennung der ersten Liebe. Das kennen wir doch alle zu gut.
Für Max ist das Ganze der Beginn eines Machtspiels.
Ja, aber durchaus eingebettet in das Gefühl der Verliebtheit. Er ist es gewohnt, das zu bekommen was er will.
Wie geht es weiter?
Es beginnt der schleichende Prozess von Stalking. Zuerst Liebesbekundungen, Geschenke, schöne Stunden zu zweit etc. Mit der Zeit merkt auch Max, dass sich Sarahs Zuneigung ihm gegenüber in Grenzen hält. Er entwickelt einen Besitz- und Kontrollzwang. Als auch dies nicht zum gewünschten Erfolg führt, ändert sich seine Zuneigung zu Hass, der das gesamte Lebensumfeld von Sarah einschließt. Für Sarah beginnt ein nicht enden wollender psychischer Terror, der sie in den Wahnsinn treibt. Sie schafft es nicht, sich von ihm zu lösen. Sie verzeiht ihm.
Das überrascht beim Lesen.
Diese Stelle im Buch war mir so wichtig! Auch wenn ich von Leserinnen und Lesern dafür auf Unverständnis stoßen sollte. Ich schrieb es, weil genau diesese Verzeihen millionenfach im zwischenmenschlichen Umgang da draußen passiert. Unabhängig vom Thema Stalking. Wer nicht eiskalt ist, gibt eine zweite Chance. Das ist bei Stalking leider der klassische Weg in die Katastrophe. Aus einer lebenslustigen und optimistischen jungen Frau wird ein verängstigtes und hilfloses kleines Wesen, das erst sehr spät seine Fehler erkennt.
Wird Sarah zufällig zum Opfer oder gibt es hier eine Logik, ein Muster?
Stalking kann jeden treffen. In den meisten Fällen entsteht Stalking aus Trennungen, bei denen ein Partner diese Trennung nicht akzeptieren will. Und ich gehe mal davon aus, dass jede/r im Laufe seines Lebens eine unschöne Trennung erleben musste. In vielen Fällen wird das „Nachstellen“ des Ex oder der Ex-Partnerin beendet, wenn der oder die Verlassene eine neue Partnerschaft findet. Aber leider nicht in jedem Fall. Dann entwickelt sich nach einem fast immer wiederkehrenden Mechanismus die Spirale des Stalkings, wie ich sie in meinem Thriller beschrieben habe. Stalking kann aber auch im Arbeitsumfeld, im Nachbarschaftsverhältnis oder in der eigenen Familie seine Wurzeln haben.
Max wird immer fordernder und seine Liebe äußert sich irgendwann in erschreckenden Aktionen …
Ich wollte in der Systematik der Stalking-Aktionen aufzeigen, dass sie ab einem bestimmten Zeitpunkt weit über Abi- Scherze hinausgehen. Zuerst werden viele Liebensgeschenke gemacht, Einladungen folgen, Besuche und Reisen runden diese Werbe-Phase ab. Spätestens, wenn der Stalker erkennt, dass sein Werben nicht den Erfolg zeigt, den er sich erhofft, beginnt die Phase der Kontrolle und totalen Vernichtung. Sein Ziel ist es jetzt, in jeder Beziehung Macht über sein Opfer zu erhalten, um es komplett zu beherrschen. So wird Max eines Tages das größte und intimste Geheimnis zwischen Sarah und ihrer besten Freundin Anna gegen sie verwenden. Zugang verschafft er sich vorher, in der Phase der Vertrautheit. Wie? Das verrate ich hier nicht. Auch grenzenlose, unberechtigte Eifersucht und Wutanfälle auf einer Reise nach Korsika machen Max zu einer Bestie.
Viele Opfer erkennen diesen schleichenden Prozess zuerst nicht.
Auch Sarah übersieht die ersten Anzeichen der Kontrollübernahme von Max. Ich habe hier einen Charakter herausgearbeitet, der verzeihen kann. Viel zu lange versucht Sarah mit zaghaften Aktionen Max in die Schranken zu weisen – natürlich vergebens. Sein Druck wird immer größer, bis es klar zu erkennen ist, dass aus seiner Zuneigung Hass geworden ist. Dieses Schema wiederholt sich leider fast bei jedem Stalking-Fall.
Die Energie, mit der ein Stalker versucht, das Leben seines Opfers zu zerstören, ist verstörend.
Deshalb habe ich einige Beispiele dafür eingearbeitet: Verfolgen, Nötigen, Angst verbreiten, Verleumdungen, Lügen, üble Nachrede usw. All das muss Sarah durchleiden. Im wahren Leben ist damit noch lange nicht das Höllenspektakel, das sich Stalker einfallen lassen, ausreichend beschrieben. Perfide Aktionen, bei denen das Arbeitsumfeld, die Freunde und sogar die Familie vom Stalker für seine Zwecke missbraucht werden, sind an der Tagesordnung. Auf jeden Fall habe ich so viel Stoff, um ein weiteres Stalking-Buch schreiben zu können. Kein Drehbuchautor aus Hollywood, kann sich derartige Geschichten aus den Fingern saugen, wie sie das Leben manchmal schreibt!
Ist Sarahs Verhalten wirklich typisch für Stalking-Opfer?
Ich habe versucht, ihre Figur so anzulegen, dass sie ein klares Spiegelbild einer Betroffenen abbildet. Stalking trifft meistens Frauen, ca. 80 Prozent der Opfer sind weiblich. Und eines haben sie fast alle gemeinsam: Sie sind eingeschüchtert, verängstigt, fühlen sich allein gelassen und hilflos. Es ist für sie sehr schwer, sich Freunden oder der Familie zu öffnen. Denn viel zu oft werden sie dann mit pauschalen Floskeln wie „ach so schlimm wird es doch nicht sein“ oder „selbst schuld“ oder auch „das hört doch bald wieder auf“, abgespeist. Das Schlimmste ist dann erreicht, wenn sie glauben, dass sie an dieser Situation selbst schuld sind. Ich hatte vorhin schon mal erwähnt das Stalking, meistens nach einem gleichen Muster abläuft. Das trifft nicht nur auf den Stalker zu, sondern auch auf seine Opfer.
Die meisten Opfer verpassen Möglichkeiten, an dem sie einen klaren Trennungsschritt zu ihrem Peinigen vollziehen könnten.
Ein klares öffentliches, ausgesprochenes „Stopp“, am besten unter Zeugen, ist zwingend nötig. Zum einen, um dem Stalker zu signalisieren „bis hierher und nicht weiter“ und zum anderen um später bei einer gerichtlichen Auseinandersetzung auch beweisen zu können, dass man prinzipiell keinen Kontakt mehr wünschte. Denn erst bei diesem Punkt kann der § 238 auch greifen. Auch Sarah verpasst diese Gelegenheit und verzeiht viel zu oft und lässt sich durch Charmeattacken von Max immer wieder einwickeln. Dadurch wird sie von einer lebensbejahenden fröhlichen jungen Frau zu einer verängstigten, einsamen Frau voller Todesangst. Sie fühlt sich dem Psychoterror ihres Peinigers schutzlos ausgeliefert. Der Leidensweg der Betroffenen ist oft sehr lange, bis sie sich trauen Hilfe zu holen.
Max stellt Sarah jahrelang nach. Es ist eine Tortur für Sie. Warum geht Sarah nicht viel früher zur Polizei?
Das ist genau der Punkt, auf den ich bei meinen Lesungen quer durch Deutschland sehr oft angesprochen werde. Als Außenstehender kann man nicht nachvollziehen, warum Sarah nicht schon viel früher die Reißleine zieht und zur Polizei geht. In meinem Buch gebe ich darauf eine Antwort. Wenn man sich allein fühlt, von seinem Umfeld nicht ernst genommen wird und auch noch glaubt, dass man selbst schuld an der Situation ist, dann rutscht man in eine Abwärtsspirale des Stalkings, aus der man sich fasst nie allein befreien kann. Die Hoffnung, dass es alleine wieder aufhört, stirbt zuletzt und gibt einem den Rest. Erst wenn der Leidensdruck zu groß wird, gehen die meisten Betroffenen auf die Suche nach Hilfe. Leider gibt es viel zu wenig Anlaufstellen. Das war für mich der Grund, die Kölner Organisation „Aktiv gegen Stalking“ und die dazugehörige Homepage, 2018 ins Leben zu rufen.
Was genau machen Sie da?
In meiner ehrenamtlichen Arbeit biete ich betroffenen Frauen und Männern, kostenlos Hilfe und Unterstützung an. Workshops, individuelle Beratungen, Selbsthilfetreffen und vielen anderen Aktivitäten helfen den Teilnehmern. Für die Zukunft habe ich noch weitergehende Ziele. Zum Beispiel die Kostenübernahme von juristischen Beratungen. Das geht nur mit Spendengeldern. Sehr oft erleben wir, dass Betroffene erst dann den Weg zu uns finden, wenn bereits die letzte Stufe der Eskalation erreicht ist. Angst, Verzweiflung, Einsamkeit, Ohnmacht und Hilflosigkeit sind kein guter Berater, wenn es darum geht, eigentlich logische Schritte gegen seinen Stalker zu unternehmen. Darüber hinaus erfahren wir von fast allen Betroffenen, dass sie mehrmals bei der Polizei vorsprachen, diese aber nicht in der Lage war, konkrete Hilfe zu leisten. Sei es durch mangelnde Aufklärung oder durch das Fehleinschätzen gefährlicher Situationen. Das verängstigt noch mehr!
Der Weg eines Opfers, wie ich es im Buch dramatisch, und extrem spannend beschrieben habe, ist ein langer Weg des Martyriums. Es ist nicht in allen Fällen sicher, dass er gut ausgeht. Deshalb ist es wichtiger denn je, dass es viele Anlaufstellen für die Opfer geben sollte. Daran arbeitet unserer Organisation derzeit auch.
Eine Entscheidung von Sarah versteht man gar nicht: Wieso zieht sie, die weit weg von ihrem Stalker wohnt, in dessen Nähe?
Psychoterror endet nicht, weil es eine räumliche Trennung gibt. Flucht vor einem Stalker wird ihn nur noch dazu animieren, brutaler zu agieren. In der heutigen Welt kann man sich sowieso nicht verstecken, denn via Social Media, ist man überall sichtbar und damit angreifbar. Ein Stalker versucht alles, um Informationen jeglicher Art zu erhalten und diese gegen sein Opfer zu verwenden. Also nicht die Entfernung spielt eine große Rolle, sondern die Energie eines Besessenen, mit der der Stalker agiert. Meine Hauptfigur Max ist ein Beispiel dafür, wozu Täter in der Lage sind. Sarah wählt Hamburg aus nur einem Grund: Dort gibt es ihre favorisierte Schauspielschule, die sie besuchen will. Dass es auch die Heimatstadt ihres Stalkers ist, spielt bei Ihrer Wahl der Schule keine Rolle. Es ist schließlich kein 300-Seelen-Dorf, sondern eine Millionenstadt.
Sie sagten vorhin, Ihr Buch basiere auf wahren Geschichten. Wie haben Sie recherchiert?
Als offener und zugänglicher Mensch, der mit wachem Auge durch das Leben geht, sind mir öfters Frauen begegnet, die mir von ihren Stalking Fällen berichtet haben. Als eigene Erfahrungen dazu kamen, begann ich mich für dieses Thema zu interessieren. So fing ich an zu recherchieren. Dabei blieb mir die ungeheure Dunkelziffer von Betroffen nicht verborgen. Je tiefer ich in die Erfahrungswelt der Opfer eindringen durfte, desto unfassbarere Erlebnisse musste ich hören. Sie waren für mich der Anlass, über das Schreiben eines Buches nachzudenken, um die Missstände aufzuzeigen.
Erst als mich einige Betroffene baten, ihre Geschichte aufzuschreiben, damit andere Bertoffene nicht die Fehler begehen, die sie gemacht haben, nahm das Buch langsam aber sicher konkrete Formen an.
So entstand mitten aus aktuellem Leben und Leiden, dieses mit emotionaler Wucht und Wahrhaftigkeit geschriebene Buch, das zugleich unterhalten und aufklären soll. Die Vielzahl an positiven Reaktionen nach der Veröffentlichung gibt uns recht, wie dringend notwendig es ist, Stalking- Opfern in unserer Gesellschaft eine Stimme zu geben, und das Tabu-Thema aufzubrechen.
Haben Sie selbst auch Stalking-Erfahrungen gemacht?
Ja. Im Namen des Volkes, wurde ich jedoch im Februar 2018 vom Landgericht Köln, bei einer öffentlichen Verhandlung verurteilt, nie wieder darüber zu sprechen. Aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen. Obwohl ich in anonymisierter Form schrieb, reichte es nicht aus, die gewichtigsten Teile noch vor der Veröffentlichung meines Werkes vor dem Verbot zu schützen. Das Recht der freien Meinungsäußerung der Opfer, wird durch den ausufernden Persönlichkeitsschutz der Täter behindert. Das erschwert es den Opfern, ihre Erlebnisse aufzuarbeiten und der Öffentlichkeit zu erklären, wie Stalking das Leben zur Hölle machen kann. So nahm ich es in die Hand und es entstand in über vier Jahren Arbeit „Dem Wahnsinn entkommen – Ein Stalking Roman“. Er steht jetzt unangreifbar unter dem Schutz der Kunstfreiheit. Ermuntert durch diese einseitige Gesetzeslage, versuchte mein ehemaliger Stalker sogar – erfolglos – über seine Medienanwälte, einzelne Passagen meines Romans und damit eine komplett fiktive Auseinandersetzung mit dem Thema verbieten zu lassen.
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