Das wird ein Nachspiel haben!

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Das wird ein Nachspiel haben!

24. Februar 2016 | Kolumne: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Manchmal ist ein echter Ehekrach spannender als ein Hörbuch. Aber nur manchmal.

Man mag es ja gar nicht zugeben, aber manchmal ist das wahre Leben so spannend, dass man das Hörbuch, das man eben hört, stoppt und der Wirklichkeit folgt. Kürzlich stand ich in einer Sushi-Bar und wartete lauschend darauf, meine Bestellung aufgeben zu können, da erhielt die Frau hinter mir einen Anruf.

Kopfhoerer

Sie war Ende vierzig, dunkelhaarig und durchaus attraktiv. Mit einem „Was ist?“, das mehr nach einem Befehl denn einer Frage klang, nahm sie den Anruf entgegen. Weil dieses „Was ist?“ sich so laut und böse anhörte, stoppte ich mein Hörbuch. Mit wem redet eine tolle erwachsene Frau derart ruppig? Die Frau sagte jetzt: „Na, das ist ja toll. Nö!“
Leider verließ sie jetzt das Lokal. Ich schaute nach draußen. Sie machte hektische Armbewegungen und ihr Gesichtsausdruck war finster. Es war Valentinstag.

Dann kam sie wieder rein und ihr Telefon klingelte erneut.

„Ja, was ist?“
Dieses Mal war ihr Tonfall wesentlich freundlicher, obwohl es ja fast die gleichen Wörter waren. Und dieses Mal verließ sie die Bar auch nicht. Ich schob meine Kopfhörer unauffällig vom Ohr.
Sie sagte: „Na, ja, da ist dieses Wochenende jetzt aber dein Vater zuständig. –
Ja, da kann ich jetzt auch nichts machen. – Dein Vater ist zuständig!“
Sie war definitiv sauer. Und ich kombinierte: Die Frau telefoniert mit ihrem Sohn. Der Vater, mit dem sie nicht mehr zusammen ist, hat den Sohn schnöde im Stich gelassen. Bei was auch immer.
„Warum hast du mich denn nicht reingelassen?“
Ich schob die Hörer ganz vom Ohr – sie hatte völlig recht: Warum hatte ihr dämlicher Sohn sie nicht ins Haus gelassen? Die Antwort folgte sofort:
„Achso, die Schließanlage ist kaputt. Dann bist du quasi eingesperrt.“
Schließanlage kaputt? Eingesperrt? Das war hier ein Hollywood-Film!

„Das wird ein Nachspiel haben für deinen Vater.“

Mein Herz klopfte. Ich verspürte Mitleid mit dem Vater. Sie würde ihn killen. Jetzt bemerkte die Frau vermutlich, dass ich zuhörte. Denn wie als Erklärung für mich, schob sie noch hinterher:
„Lässt seinen Sohn krank in der Wohnung eingesperrt – und der ist zu schwach, um sich selber was zu essen zu kochen.“
Allmählich begriff ich das Ausmaß des familiären Dramas, das sich hier live vor meinen Ohren abspielte. Aber es wurde noch besser.

„Und ich kann dir auch sagen, warum du dich so schwach fühlst: Weil er dich wahrscheinlich wieder mit Medikamenten vollgepumpt hat. Nur, um dann mit dieser blonden Schlampe am Valentinstag rumzuziehen und essen zu gehen!“

Ich weiß nicht warum, ich stellte mir ein Coupé vor, einen braun gebrannten Frauenarzt von gut 50 Jahren, eine 27-jährige blonde Studentin mit kilometerlangen Beinen, ich stellte mir vor, wie sie schick was essen gehen, nachdem der Sohn vom Vater mit einer Ladung Beruhigungsmittel ins Bett geschickt worden ist.

Jetzt sagte der Sohn etwas. Woraufhin die Mutter noch einmal sagte:
„Das wird ein Nachspiel haben für deinen Vater!“

Ich fragte mich, ob sie über Schusswaffen verfügte.

„Ja, ruf Papa halt an!“, blaffte sie den Sohn an. „Nee, ich ruf den nicht an. Der soll mal schön mit seinem blonden Miststück den Abend verbringen. Die blöde Schlampe!“

Ich vermute, der Sohn hat hierauf so etwas geäußert wie „Du bist doch nur neidisch“, denn sofort schoss es zurück:
„Neidisch auf die Schlampe? Ich? Na, danke! Auf dieses Flittchen bin ich mal ganz sicher nicht neidisch!“

Sie musste nun wohl bemerkt haben, dass das Letztgesagte inhaltlich und auch vom Tonfall her ihrem Sohn, seinem Alter, seinem Hunger und seiner Krankheit nicht gerecht wurde, weshalb sie jetzt wieder von der mordlustigen und gekränkten Ex-Frau zur Mutterrolle zurückfand. Es war ja ihr Kind, mit dem sie da redete. Beinahe zart sagte sie: „Aber darüber brauchst du dir jetzt keine Gedanken zu machen. Das regle ich schon mit deinem Vater. Versuch mal zu schlafen, wir besprechen das morgen.“

Als sich unsere Blicke kreuzten, setzte ich mir schnell die Hörer wieder auf.

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

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