Catharina Junk im Interview

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Catharina Junk im Interview

Catharina Junk

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27. September 2016 | Interview: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten


Catharina Junk hatte im Alter von 20 Jahren Krebs. Heute ist sie 43 und putzmunter – und legt einen so ernsten wie heiteren Roman vor. In seinem Mittelpunkt steht eine Heldin, der Ähnliches widerfährt wie es die Autorin selbst erlebte. Ein sehr offenes, intensives Gespräch über das Glück zu leben, die Angst vor dem Tod und die Liebe in Zeiten der Krankheit.


Frau Junk, Sie haben einen ergreifenden Roman über eine junge Frau geschrieben, die Ihre Krebserkrankung gerade erst überstanden hat. Sie wissen sehr genau, wovon Sie da erzählen, denn Sie hatten als Studentin selbst Krebs. Wie leicht fiel es Ihnen, auf vergleichsweise heitere Weise über ein so ernstes Thema zu schreiben, das so viel mit Ihnen selbst zu tun hat?

Die Stimme der Hauptfigur ergab sich eigentlich wie von selbst, denn es hat mich gereizt, neben den traurigen und tragischen Momenten, die es ja ebenfalls in meinem Roman gibt, auch die komischen zu finden. Zum einen, weil diese Perspektive mir damals während meiner eigenen Erkrankung sehr geholfen hat und zum anderen, weil der Text dadurch einen bestimmten emotionalen Rhythmus bekommt. Im Drehbuchjargon nennt man das comic relief, also das Lösen von Spannung durch Komik, bevor es dann wieder ernster weitergeht. Was mein eigenes Empfinden beim Schreiben betrifft, so wurden natürlich bestimmte Erinnerungen wieder wachgerufen und es gab Tage, an denen ich sehr mitgenommen war. Aber auch das war für mich eine positive Erfahrung, denn ich hatte einen gewissen zeitlichen Sicherheitsabstand und habe mich erzählerisch mehr getraut, als ich vielleicht direkt nach der Krankheit vor 20 Jahren gewagt hätte.

Die Geschichte beginnt damit, dass Ihre Heldin Nina nach vermutlich erfolgreicher Behandlung – so genau weiß man ja nicht, ob sie nicht einen Rückfall erleiden wird – aus dem Krankenhaus entlassen wird. Ninas Eltern beschenken sie mit einem eigenen Auto, was Nina wütend macht: „Aus meiner Sicht ist es völliger Schwachsinn, auch nur einen Cent in mich zu investieren. Kann doch sein, dass ich nächste Woche einen Rückfall habe.“ Wie war das bei Ihnen – wie lange brauchten Sie, um Ihrer Gesundheit wieder zu trauen?

Die Passage, die Sie ansprechen, entspringt einer tatsächlichen Begebenheit. Meine Eltern haben mir damals auch ein Auto geschenkt und ich habe ähnlich reagiert wie Nina: überfordertes Losheulen. Ich konnte es nicht ertragen, dass meine Eltern so fest an mein Überleben glaubten, weil ich Angst hatte, sie enttäuschen zu müssen. Dahinter steckte die pure Angst, bald nicht mehr da zu sein. Bei mir hat es mindestens zehn Jahre gedauert, bis ich nicht gleich bei jedem kleinen Schnupfen panisch geworden bin. Und auch heute, nach über 20 Jahren, bin ich durch einen geschwollenen Lymphknoten leicht zu verunsichern. Eine Krebsdiagnose ist eine unglaubliche Erschütterung und wenn man das große Glück hat, wieder gesund zu werden, gibt es trotzdem immer wieder Nachbeben.

Dieses Vertrauen in das eigene Überleben zu finden und zu bewahren, ist ein Problem, das auch viele Gesunde kennen. Haben Sie einen Trick, mit dem Sie sich und andere in zuversichtliche Stimmung bringen können?

Nein, weil dieses Vertrauen ja auch nicht wirklich gerechtfertigt ist. Eine schlimme Diagnose kann jeden jederzeit treffen. Eine Lebenskunst besteht wohl unter anderem darin, das Wissen darum entweder erfolgreich zu verdrängen oder sich bewusst zu machen, ohne daran zu verzweifeln. Welchen Weg man wählt, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Ihr Buch ist an vielen Stellen witzig. Was bedeutet Humor für jemanden, der wie Nina schwer krank ist?

Nina schöpft Kraft aus ihrem Humor. Das ist ihre Überlebensstrategie. Vor allem in Situationen, in denen sie selbst nichts ausrichten kann oder besonders verletzlich ist. Die eigene Tragik erscheint ihr weniger bedrohlich, wenn sie die darin liegende Komik betrachtet. So fühlt sie sich trotz Todesangst weniger ausgeliefert und gewinnt wenigstens ein kleines bisschen Kontrolle über ihr Leben zurück. Dieser Humor hat aber auch einen leicht bitteren Beigeschmack, der ihr bewusst ist. Trotzdem hält sie an dieser Perspektive fest, weil sie ein bisschen Halt und Erleichterung verspricht.

Sieht man von Ninas Krankheit ab, so erlebt sie die normalen Situationen eines jungen Lebens – sie verliebt sich, sie küsst den Richtigen und verliert ihn, sie küsst den Falschen und muss ihn loswerden; sie verursacht Missverständnisse und hadert mit Sehnsüchten. Was ist sind für Sie die drei schönsten Dinge am Jungsein, an der Jugend?

Da ich heute noch dieselben Dinge liebe wie in meiner Kindheit und Jugend, nämlich mit Familie und Freunden zusammen sein, Lesen und Filme gucken, gibt es für mich eigentlich keinen Unterschied. Das einzige, was mir einfällt ist, dass das Zeitempfinden in jungen Jahren anders ist und dass, wenn alles gut läuft, mehr Lebenszeit vor einem liegt, als beispielsweise mit Anfang 40.

Kann man sich dieses kindliche Zeitempfinden bewahren?

Ich zumindest leider nicht. Aber durch meine beiden Söhne kann ich noch einmal ein bisschen daran teilhaben. Sie spiegeln mir, wie unterschiedlich wir beispielsweise die Länge eines Tages wahrnehmen. All die Ewigkeiten, die sie empfinden – das finde ich sehr rührend und schön.

Eine wichtige Rolle spielen in Ihrem Roman neben Ninas Liebhabern Ninas Eltern. Da gibt es viele Ängste, die zu Bevormundungen führen. Sie selbst sind heute auch Mutter. Inwiefern hilft Ihnen das, rückblickend die Sorgen Ihrer Eltern besser zu verstehen?

Durch meine Kinder habe ich nachträglich noch einmal einen anderen Blick auf die Zeit meiner Krankheit bekommen. Es gibt im Roman einen Moment, da sagt Ninas Mutter im Krankenhaus zu ihr: „Ich würde sofort mit dir tauschen, wenn ich könnte.“ Das ist eine Situation, die aus meinem Leben gegriffen ist, denn meine Mutter hat diesen Satz einmal zu mir gesagt, als es mir während der Chemotherapie sehr schlecht ging. Ich habe damals verstanden, was sie mir damit sagen wollte, aber heute weiß ich, wie sie sich dabei gefühlt haben muss.

„Nichts ist schlimmer als diese schreckliche Angst“, heißt es in Ihrem Roman. Was sagen Sie zu jemandem, von dem Sie erfahren, dass er akut an Krebs erkrankt ist?

Es ist mit Sicherheit davon abhängig, in welcher Beziehung ich zu dieser Person stehe. So eine Diagnose überfordert alle Beteiligten und die Unbeholfenheit sollte nachsichtig betrachtet werden. Jeder Satz, jede Berührung kann richtig oder falsch sein. Man muss ein Gefühl dafür entwickeln, was die betreffende Person jetzt braucht. Ablenkung, Ruhe, Nähe, Distanz, den Kopf zurechtrücken, den Kopf rasieren – Unterstützung kann in sehr unterschiedlicher Art und Weise gefragt sein. Geteiltes Leid ist meiner Ansicht nach nicht halbes, sondern gemeinsames Leid. Man kann versuchen, die Angst gemeinsam auszuhalten. Kleiner wird sie dadurch leider nicht.

Würden Sie jemandem, der gerade mit dem Krebs kämpft, Ihr Buch empfehlen?

Ich habe mit Leserinnen und Lesern meines Romans gesprochen, die in der Vergangenheit an Krebs erkrankt waren und wieder gesund geworden sind. Viele von ihnen machen eigentlich einen großen Bogen um Bücher mit diesem Thema, wie ich selbst übrigens auch. Die Reaktionen dieser Menschen waren sehr positiv, was mich besonders gefreut hat. Sie mochten den Humor, waren emphatisch und haben in der Geschichte viele Situationen und Emotionen gefunden, die sie selbst auch so oder ähnlich erlebt haben. Doch jemand, der sich noch mitten in der Behandlung befindet, hat erst einmal eine andere, sehr wichtige Hürde vor sich und sollte „Auf Null“ vielleicht lieber lesen, wenn diese genommen ist.

Sie zitieren immer wieder Songtexte. Haben Sie selbst einen Lieblingssong – und vielleicht auch ein Lieblingsbuch?

Meine Hauptfigur Nina ist aufrichtiger Taylor Swift Fan und lässt sich bereitwillig dafür belächeln, denn ihre Freundin Isabelle findet das uncool. Die Sehnsucht, der Herzschmerz und die Leichtigkeit spiegeln für mich Ninas Stimmung und ihr Alter wider und die Songs bilden eine Art Soundtrack zum Roman. Auch, was die Texte betrifft und da ganz besonders sowie doppeldeutig „Bad Blood“. Beim Schreiben habe ich deswegen oft das Album „1989“ gehört. So gibt es eben auch jede Menge anderer Songs, die für bestimmte Lebensabschnitte stehen und mir deswegen am Herzen liegen. Bei Büchern ist es ähnlich. Die Geschichten, die für mich eine besondere Bedeutung haben und die ich deswegen immer wieder lese, sind „Auslöschung“ von Thomas Bernhard, „Lolita“ und „Gelächter im Dunkel“ von Vladimir Nabokov, „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen, „Dies ist kein Liebeslied“ sowie „Regenroman“ von Karen Duve und alles von Wolfgang Herrndorf.

„Ich muss ihm sagen, dass ich ihn liebe“, nimmt sich Nina am Ende der Geschichte vor. Kann man sagen, dass eine schwere Krankheit dazu führt, dass man es wagt, offener mit anderen Menschen umzugehen?

Das gilt sicherlich nicht für jeden. Aber grundsätzlich ist ein gewisses Maß Offenheit vermutlich ein guter Weg, um in aufrichtigen Kontakt mit anderen Menschen und sich selbst zu treten. Eine schwere Krankheit kann einen dafür sensibilisieren. Aber es gibt bestimmt auch andere Wege zu dieser Erkenntnis, die hoffentlich nicht alle mit schweren Schicksalsschlägen verbunden sein müssen.

„Hat das Hamstermädchen etwa Mut mit Leichtsinn verwechselt?“, fragt Ihre Erzählerin. Bitte verraten Sie unseren Lesern: Warum nennt sich Nina „Hamstermädchen“ – und warum ist es okay, ein Hamstermädchen zu sein?

Diese Beschreibung bezieht sich auf die Hamsterbacken, die Nina noch als Folge der Cortison-Behandlungen hat. Nina stört sich daran und macht sich selbst darüber lustig. Nicht nur aus Eitelkeit, sondern weil die Krankheit sich so deutlich in ihren Körper eingeschrieben hat. Das gleiche gilt für Ninas Haare, die wegen der Chemotherapien ausgefallen sind und nun kurz gelockt von ihrem Kopf abstehen. Jeder Blick in den Spiegel erinnert sie daran, was sie gerade durchgemacht hat und dass sie zwar gesund, aber noch längst nicht geheilt ist. Nina muss sich mit diesen äußerlichen Spuren abfinden und lernen, dass es sich trotz dieser blöden Hamsterbacken und der ganzen Ungewissheit lohnt, offen für Liebe und Glück zu sein.

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Catharina Junk

Geboren 1973 in Bremen, studierte Catharina Junk Germanistik, Psychologie und Volkskunde an der Universität Hamburg.
Zur Biografie von Catharina Junk

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Geboren 1973 in Bremen, studierte Catharina Junk Germanistik, Psychologie und Volkskunde an der Universität Hamburg.
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