Brüste, Lügen, Nazi-Vergleiche – wollen wir so leben? | BUCHSZENE

Jörg Steinleitners wütende Kolumne über Angelina Jolie, Donald Trump, Angela Merkel und Erdogan. Mit Buchtipps.

Brüste, Lügen, Nazi-Methoden – Jörg Steinleitners Kolumne ist ein Aufschrei

22. März 2017 | Kolumne: Jörg Steinleitner

Der Frühling ist da und Angelina Jolie zeigt einem Erzbischof ihre Brustnippel, Präsident Trump verweigert unserer Kanzlerin den Handschlag und der türkische Präsident beschimpft uns als Nazis. Wollen wir dies alles weiter mit ansehen und in naher Zukunft in einer Gesellschaft der Taktlosigkeit leben? Eine wütende Kolumne über Entgleisungen und die einzige Lösung.

Angelina Jolie interessiert sich auch für Politik

Was für ein herrlicher Frühlingsbeginn! Angelina Jolie beglückt, wie ich auf bild.de lese, den Erzbischof von Canterbury mit einem Besuch ohne Büstenhalter. „Das war so gar nicht Jolie“, meint bild.de pseudoempört. Tatsächlich sieht man durch den eigentlich züchtigen grauen Pullover Angelinas Nippel recht gut. Hätte doch nur sie anstatt Angela Merkel den neuen US-Präsidenten besucht! Garantiert hätte Donald Trump keine Sekunden gezögert, Angelina Jolie die Hand zu geben – und was noch alles. Angelina Jolie ist ja wieder zu haben. Und sie interessiert sich auch für Politik.

Angela Merkel dachte sich nur: „Was für ein Idiot!“

Angela Merkel trug beim Staatsbesuch vermutlich schon einen BH. Wer das Video ansieht, auf dem sie Donald Trump auf Bitte der Fotografen den Handschlag anbietet – woraufhin er so tut, als hätte er sie nicht gehört, woraufhin sie einen Gesichtsausdruck auflegt, der zwischen peinlich berührt und genervt liegt – möchte vor Scham im Boden versinken. Auf Facebook hat jemand gepostet: „Sie macht gute Miene zum bösen Spiel und denkt sich dabei nur: Was für ein Idiot!“

In derselben Woche wirft der türkische Präsident unserer Kanzlerin „Nazi-Methoden“ vor und Trump beschuldigt Obama, er hätte ihn vor der Wahl abhören lassen. Eine Behauptung, die von allen Geheimdiensten zurückgewiesen wird.

Lügen, Respektlosigkeiten, Geschmacklosigkeiten – wo führt das hin?

Unser Frühling also beginnt mit Lügen, Respektlosigkeiten, Geschmacklosigkeiten, Beleidigungen und Grenzüberschreitungen. Beinahe täglich schlagen wir die Zeitungen auf und lesen Unglaublichkeiten, die am Folgetag durch noch unglaublichere Unglaublichkeiten übertroffen werden. Ja, das ist unterhaltsam. Aber wo soll das hinführen? Wie wirkt es sich aus, dass Menschen, die so viel Öffentlichkeit genießen, sich so wenig um Werte scheren, die unser Zusammenleben überhaupt erst erträglich machen? Wie soll ich meinen Kindern erklären, dass sie fremden Besuchern, auch wenn sie keine Lust dazu haben, die Hand geben sollen? Dass sie ihr Kleidungskonzept je nach Anlass kritisch prüfen sollten? Dass man niemanden als Nazi beschimpft, der keiner ist, weil man damit Millionen Menschen, die von den Nazis umgebracht wurden, Unrecht tut und Verbrechen verharmlost? Dass man nicht lügt, weil Lüge jedes Vertrauen zerstört?

Wir müssen erziehen und Standhaftigkeit beweisen, sonst werden wir zu menschlichen Affen

Also: Wo soll das hinführen? Wir müssen uns an die eigene Nase fassen und uns bemühen, Vorbilder zu sein. Wieder ein bisschen mehr auf die Dinge achten, die unseren Alltag schön und lebenswert machen. Lachen, freundlich, höflich und ehrlich sein. Manieren zeigen. Wir sollten unsere Stimme erheben, wenn jemand lügt, beleidigt, respektlos ist. Und alle, die mit Kindern zu tun haben, müssen diese erziehen. Wirklich erziehen. Nicht nur vorschlagen. Sondern erziehen. Standhaftigkeit zeigen. Ansonsten werden wir in naher Zukunft in einer Gesellschaft leben, in der menschliche Affen das Sagen haben.

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.


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