Herr Jamal, im Mittelpunkt Ihres Romans „Briefe an die grüne Fee“ steht ein Ich-Erzähler, der sich als Rosenverkäufer im Bordell und Burgerbrater durchschlägt, der ein ausschweifendes erotisches Leben führt, mit Pistolen hantiert und kein Blatt vor den Mund nimmt. Während er erzählt, steht er auf einem Hochhaus und überlegt, ob er hinunter springen soll. Wieviel vom echten Salih Jamal steckt in dieser Figur?
Hundert Prozent. Allerdings ist es eine Geschichte: über mich selbst, geklaut bei Bekannten und auch aus der Zeitung. Im Prinzip habe ich die große Kelle einmal kräftig in Abrahams Wurstkessel getunkt und die Suppe in die Seiten des Buchs gegossen.
Was gab Ihnen den Anstoß, diesen Roman zu schreiben?
Vor zehn Jahren hat eine kurze, heiße Flamme tatsächlich mein Herz versengt.
Der Liebeskummer war dann aber relativ schnell durch. Doch diese tiefe Stimmung mit all den Gefühlen, die musste ich festhalten. Also landeten drei bis vier Kapitel in der Schublade bei den anderen Manuskripten. In der Folgezeit, immer wenn diese Narbe mal wieder am Herz gescheuert hat, dann habe ich mich an dieses damalige Gefühl erinnert, das ich als zutiefst rein und pur empfunden habe. So kamen weitere Kapitel hinzu bis die Fee das Hauptprojekt geworden ist. Dabei habe ich diese Stimmung bewusst aufgefangen und auch manchmal mit Wein oder Bier und vielen Zigaretten in der Nacht verstärkt. Ich bin davon überzeugt, dass das was andere bewegt, vorher den Künstler berührt haben muss. Darum habe ich mich bemüht.
„Briefe an die grüne Fee“ ist, wie der Titel es schon nahelegt, in Briefform – oder ist es eher ein Tagebuch? – verfasst. Warum?
Nein, die Geschichte ist ganz bewusst als Briefroman angelegt, da ich so zwei Erzählstränge und zwei Zeitebenen zusammenführen konnte, ohne dass zu viel erklärender Text für Erläuterungen oder Einführungen die Stimmung des Buches stören würde.
Was hat es mit der „grünen Fee“ auf sich?
Die „grüne Fee“ ist ein Name, der in der Zeit der Belle Époque, also so um die Jahrhundertwende des letzten Jahrtausends, einem Wermut/Anis Schnaps, der eine grüne Farbe hatte, gegeben wurde. Viele Künstler haben sich daran berauscht und wie es mit allem so ist: zu viel ist ungesund. So entstanden dann Mythen über die grüne Fee, die einen süchtig macht, einnimmt, hinabzieht und zerstört. Oskar Wilde hat es in einem berühmten Zitat gut ausgedrückt: „Nach dem ersten Glas siehst du Dinge wie Du wünschst, dass sie wären. Nach dem zweiten Glas siehst Du die Dinge, wie sie nicht sind. Zum Schluss siehst Du die Dinge, wie sie wirklich sind und das ist das Schrecklichste auf der Welt.“ Genau dafür steht die Beziehung zu der Frau, in die sich der Protagonist verliebt.
Existiert die Adressatin der Briefe in echt oder nur in der Fantasie des Erzählers?
Ja, sie existiert, hoffentlich immer noch.
Der Ich-Erzähler ist ein Mensch mit bildhafter und überraschender Sprache: „Ich mag es verliebt zu sein. Dieses leichte Fieber, zart an der Schmerzgrenze und knapp unterhalb von 38 Grad. Wenn die Nervenenden mit Zuckerwatte verklebt sind und das Leben zeitlupenartig und ohne Schwerkraft ist“, heißt es an einer Stelle. „Wenn die Nervenenden wie Zuckerwatte verklebt sind …“ Das ist schön. Manche Passagen des Romans könnte man tatsächlich als Vorlage für Liebesbriefe verwenden. Was macht für Sie einen guten Liebesbrief aus?
Tief durchatmen, dann sich das blutende Herz rausreißen und auf den Tisch legen – und sich niemals schämen.
Mitunter drückt sich Ihr Held aber auch ziemlich derb und direkt aus. Über seine Exfreundin schreibt er etwa: „Kathie kleidete sich mitunter grauselig. Doch sie war nett, tolerant und gut zu ficken.“ Was bedeutet Ihnen dieses Wechselspiel mit den Sprachniveaus? Wechseln Sie im echten Leben auch so flott von grob zu elaboriert?
Erstmal erwähnen Sie nicht, dass Kathie im Buch durchaus gut wegkommt. „…sie war wie ein Zitronenkuchen mit einem cremigen Kern …“ Hinsichtlich des angesprochenen Wechsels im Sprachniveaus ist es doch auch im richtigen Leben so: um sich Gehör zu verschaffen, kann man laut und kräftig reden oder eben sehr leise sprechen. Am besten, im richtigen Moment beides. Beim geschriebenen Wort muss man das anders lösen, und anscheinend ist mir das gelungen. Ein weiterer Grund ist, dass mir bei vielen Büchern oft etwas gefehlt hat. Entweder waren die Texte überpoetisiert, zu derb oder zu flach. Meist haben die Geschichten nur einen einzigen Tenor. Vielleicht mit leisen Zwischentönen. Das geht von Hesse bis Bukowski. Das ist aber nicht das wirkliche, wahre Leben, das mit vielen Stimmungen spricht. Mein Ziel war es, den Erzähler so sichtbar zu machen, dass die Geschichte nach hinten tritt, dass der Leser oder die Leserin den Eindruck hat, es säße ein guter Freund bei einem Glas Wein in der Küche und man unterhalte sich über das Leben und die Liebe. Das geht nur mit einer ehrlichen Sprache, die vielschichtig ist.
Ihr Held ist ein Mensch, der sich nur im Rausch zu spüren scheint. Wie ist das bei Ihnen?
Oh, ich liebe die Klarheit am Morgen mit einem Gefühl, das sich vielleicht in klassischer Musik am besten ausdrückt. Vivaldi? Oder besser noch die
“Peer Gynt Morning Suite” von Edvard Grieg. Aber auch Lou Reeds „Perfect Day“ hat was für den Start in den Tag. Sie merken, auch Musik kann, nein, sie soll berauschen. Jede Hingabe ist doch eine Art Rausch. Es gibt da diese Werbung für einen Baumarkt. Da bastelt jemand, fast manisch an irgendwas rum, und dann – als er fertig ist – beguckt er sich beseelt sein Werk. Das geht mit fast allem im Leben. Die einen buddeln im Garten, andere brüllen im Fußballstadion und die nächsten heulen im Kino. Ich schreibe Bücher und lege alles und gerne im Rausch darein. Zu allem anderen: Ich trinke kein alkoholfreies Bier, weil das Entscheidende fehlt. Und sonst: Legalize it!
Geradezu mit Verachtung schreibt Ihr Held über das Durchschnittsleben: „Statt dessen findest du dich eines Tages … bei IKEA, zwischen Teelichtern und Untersetzern …, zusammen mit den anderen traurigen Ehemännern, die wie vergessene Turnbeutel darauf warten, von ihren Frauen wieder abgeholt zu werden, um auf der Schleimspur des Lebens die Familienkutsche wieder vom Parkplatz zurück in die Vorstadtsiedlung zu steuern. Dann Rasenmähen, Bundesliga, Würstchen-Grillen, Pflichtbeischlaf und Gute Nacht.“ Wie verbringen Sie Ihre Tage?
Ich bemühe mich, es zu schaffen, dass ich einmal pro Woche etwas mache, was ich noch nie getan habe. Das kann ganz profan ein neues Kochrezept sein, oder ich höre mir Musik an, von der ich glaube, sie sei nicht die meine. Jeder Theaterbesuch und jedes Museum gehören auch dazu. Und dennoch, die elendige Lethargie kann ganz schön nach einem greifen. Auch nach mir, und dann richtet man sich behaglich ein: mit Dingen. Leblosen Dingen, die Dich vom Leben lösen.
Mitunter ist Ihre Geschichte lustig. Etwa, wenn der Protagonist die Brieftauben eines Bekannten gegen dessen Willen zum Marihuana-Schmuggel von Holland nach Deutschland verwendet. Geht das wirklich?
Das habe ich im Internet gesehen. Da haben tatsächlich irgendwelche Leute Brieftauben mit kleinen Rucksäcken ausgestattet. Gab sogar ein Foto.
Ein anderes Mal raubt der Held den Tresor des Fastfoodrestaurants aus, in dem er arbeitet und erbeutet 12.000 Euro, die er auf den Kopf haut. Dafür verliert seine Chefin den Job, was ihn kalt lässt. Hier könnte man ihn auch herzlos finden. Oder finden Sie das in Ordnung?
Das ist natürlich nicht in Ordnung, aber der Geschichte dienlich. Kubrick vergewaltigt, Fitzek metzelt und Bosch hat das „Jüngste Gericht“ gemalt. Da ist der Verlust des Jobs doch vergleichsweise harmlos.
Muss ein literarischer Held political correct sein – oder gerade nicht?
Wo stünden wir denn, wenn Tabus unbrechbar wären?
Finden Sie, dass Literatur das Zeug hat, die Welt zu verändern?
Unbedingt und dreimal ja! Stimmungen, Gedanken und Sehnsüchte einer Gesellschaft finden in der Literatur ihren Ausdruck und damit einen Multiplikator, der sich potenziert. Sie hat zu allen Zeiten die Menschen bereichert. Im Herzen, im Geiste und zuletzt auch auf dem Teller. Renaissance und Humanismus, Aufklärung, Sturm und Drang oder die Romantik. Mit jeder literarischen Epoche hat die Menschheit einen Schritt nach vorne getan, hat sie reicher gemacht, hat einer Stimmung, einem zuerst fast unbemerkten Gefühl einen Körper aus Worten und damit eine Gegenwart oder etwas Gegenwärtiges gegeben. Das haben wir auch in Zeiten von Twitter. Wir können zum Beispiel #MeToo gut oder schlecht finden, aber dadurch, dass die Sau durchs virtuelle Dorf getrieben wurde, und wir uns damit beschäftigen, beginnt schon ein Prozess bei jedem einzelnen, und dadurch in hauchzarten Scheiben auch im kollektiven Bewusstsein.
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