Chirurgen gehen eher fremd

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Chirurgen gehen eher fremd

2. Februar 2016 | Interview: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Bettina Plecher über die Giftigkeit von Weißwürsten, Experimente mit berauschenden Pilzen, ihre Ehe mit einem Medizinprofessor und ihren höchst unterhaltsamen neuen Kriminalroman, der natürlich im mörderischen Krankenhausmilieu spielt.

Frau Plecher, in Ihrem zweiten Roman „Isarlauf“ zeigen Sie Abgründe in den Seelen von Medizinprofessoren auf. Sie selbst sind mit so einem Professor verheiratet und verfügen daher über tiefe Einblicke in die geheime Welt der Ärzte. Verraten Sie uns: Wie gefährlich sind Medizinprofessoren wirklich?

Viele Leute haben eine gefährliche Seite – das gilt auch für Ehemänner von Krimiautorinnen. Wenn sie dann auch noch medizinisch vorgebildet sind und Zugang zu den verschiedensten potentiell tödlichen Stoffen haben, ist das durchaus beunruhigend. Ich versuche mich also tunlichst so zu verhalten, dass kein Mordmotiv entsteht.

Wie wirkt sich diese Erkenntnis auf Ihre schriftstellerische Arbeit aus?

In meinen Romanen stelle ich mir die Frage, was jemandem zustoßen muss, damit seine gefährliche Seite sichtbar wird. Ärzte, gerade Ärzte an der Universität, stehen beruflich unter enormem Druck. Die Arbeitsbelastung ist hoch, es herrscht extremer Konkurrenzkampf, im Umgang mit den Patienten geht es oft um Leben und Tod. Ich erhöhe diesen Druck ein wenig und lasse die Aggression an die Oberfläche treten.

Der neue Fall für Ihre beiden Ermittler – die junge Ärztin Frieda May und der erfahrene Toxikologe Quirin Quast – stellt einen Psychiater ins Rampenlicht, der mit psychoaktiven Pilzen experimentiert, sich jede Menge Liebesaffären leistet und bei einem Marathon auf mysteriöse Weise zu Tode kommt. Wie realistisch ist es, dass Ärzte mit Pilzen und Drogen experimentieren?

Sehr realistisch. Als mir ein befreundeter Psychiater von seinen „Pilzreisen“ an heimliche Orte im bayerischen Hinterland erzählte, war der Kriminalroman, an dem ich damals schrieb, schon weit gediehen. Was er berichtete, war jedoch so aufregend und unglaublich, dass ich einen großen Teil meines Textes wegwarf und von neuem zu schreiben begann. Dies sollte mir noch einige schlaflose Nächte bereiten – und doch hat mich die Geschichte mehr und mehr fasziniert. Vor allem deswegen, weil dieser Arzt so gar nicht dem Klischee einer drogen-affinen Persönlichkeit entspricht, sondern hocherfolgreich als Psychiater praktiziert und im Umgang seriös, ruhig und rational ist.

Sind Ärzte anfälliger für Liebesaffären als Vertreter anderer Berufsgruppen?

Ärzte haben Affären wie andere Leute auch, vielleicht haben sie durch ihre Nachtdienste und Überstunden aber mehr Gelegenheit zum Fremdgehen. Man sagt, dass bei den Chirurgen wesentlich mehr läuft als bei den Internisten, weil da mehr Testosteron im Spiel ist – aber vielleicht spricht aus mir auch nur die Hoffnung, weil mein Mann Internist ist.

Sie beschreiben die Wahrnehmungen eines Extasy-Pilz-Rauschs. Mit welchen Drogen haben Sie selbst schon Erfahrungen gesammelt? Jetzt sagen Sie bitte nicht, dass Sie zwar schon mal einen Joint in der Hand gehabt haben, aber nicht inhaliert!

Jedenfalls bin ich nicht auf Pilzreise gegangen. Auch wenn es mich kurzzeitig gereizt hat, waren mir die Risiken zu hoch. Aber wie gesagt: Ich hatte Informationen aus erster Hand.

Immer wieder geht es in Ihrem Werk auch um die Frage, ob Frauen zusammenhalten sollten in einer Männer dominierten Welt. Wie ist es denn aus Ihrer Sicht um die Gleichberechtigung bei uns bestellt?

Das ist ein weites Feld. Natürlich hat sich in den letzten 50 Jahren einiges getan, dennoch sind wir weit von so etwas wie Gleichberechtigung entfernt. Das lässt sich anhand von Zahlen klar belegen: Noch immer arbeiten fast 70 Prozent der Mütter in Teilzeit, wohingegen die Väter meist in Vollzeit beschäftigt sind, nicht einmal 6 Prozent der Vorstände von börsennotierten Unternehmen sind Frauen. Die Liste ließe sich ewig weiterführen. Was mich persönlich besonders frustriert, ist, wie Frauen miteinander umgehen. Die Vollzeit-Mütter hacken auf die Berufstätigen ein und umgekehrt. Wie man es macht, ist es falsch. Wir Frauen sollten endlich lernen unsere Lebensentwürfe gegenseitig zu respektieren und uns zu unterstützen statt zu torpedieren.

Weist die Medizinergesellschaft diesbezüglich Besonderheiten auf?

Die Medizinergesellschaft, wie ich sie beschreibe, ist die Realität der Unikliniken – und die sind immer noch stärker männerdominiert als andere Bereiche. Es ist fast unmöglich für Mütter, Kindererziehung, Forschung, Lehre und ärztliche Versorgung der Patienten unter einen Hut bekommen. Ich weiß von einigen Beispielen, in denen das klappt, aber das sind eher Einzelfälle.

„Kein Weißbier, keine Weißwürste, nicht mal Brezn“, beklagt sich Dr. Quast, als er dem Wald-Picknick einer Frauenvereinigung, die so etwas Ähnliches darstellt wie der Lions-Club, beiwohnt. Wie wichtig sind für Ihre eigene Arbeit Weißbier, Weißwürste und Brezn?

Essen als solches ist wichtig für mich. In unserer Familie wird viel gekocht und gegessen, weil wir gerne zusammensitzen. Das können dann durchaus auch mal Weißwürste und Brezen sein. Der Vorteil: Weißwürste werden seltener vergiftet als Pilzgerichte.

Bettina Plecher

Geboren 1969 in München, arbeitete Bettina Plecher nach ihrem Studium der Klassischen Philologie und Germanistik als Fremdsprachenassistentin, Lehrerin und Schulbuchautorin in Yorkshire, Würzburg und München. Heute lebt sie mit ihrem…
Zur Biografie von Bettina Plecher

Bettina Plecher

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