Roman „Kleine Lichter“ – Interview mit Roger Willemsen

Home >> Schriftsteller >> Interviews >>

Roman „Kleine Lichter“ – Interview mit Roger Willemsen

9. Februar 2016 | Interview: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten


Roger Willemsen ist am 7. Februar 2016 gestorben. Der 1955 geborene, hochsensible Intellektuelle feierte Erfolge als Autor, Auslandskorrespondent, Literaturwissenschaftler und Kritiker, bevor er als Fernseh-Moderator (u.a. „Willemsens Woche“) und Bestsellerautor bekannt wurde. „Kleine Lichter“ war sein erster Roman. Jörg Steinleitner sprach mit ihm bei Erscheinen über dieses Buch, über die Liebe und Altersgrenzen.

Herr Willemsen, Sie haben einmal gesagt, Sie wollten ein Buch über die Liebe schreiben, ehe sie 60 Jahre alt sind. Sie haben bis zu diesem Termin noch ein gutes Liebes-Jahrzehnt vor sich – befürchten Sie nicht, Ihr Roman „Kleine Lichter“ könnte einige Wahrheiten über die Liebe ausgelassen haben?

Die größere Befürchtung lag darin, das Schreiben über die Liebe könnte jenseits der 60 etwas von einer Ersatzhandlung kriegen. Ich weiß nicht, was die alten Männer mit dem Stift machen, wenn sie sich der Liebe nähern, aber Schreiben allein ist das nicht. Was immer meinem Buch an Altersweisheit fehlt, kann ich vielleicht dadurch kompensieren, dass ich mich an die Pubertät noch gut genug erinnere.

Wieso setzten Sie sich selber diese Altersgrenze? Ist die Liebe nicht ein altersloses Phänomen?

Roger Willemsen:  Gewiss, aber im Alter bekommt sie leicht etwas Gutmütiges oder so ein Aroma von Feng Shui. Ich wollte lieber von einem Zustand der Hysterie und Unvernunft, von einer Verneinung des Praktischen, Realistischen erzählen, vom letzten Rest des Irrsinns und von der Wahrheitssuche.

Was ernüchterte Sie – als Ihre erste große Liebe zu Ende gegangen war – am meisten?

Der Pragmatismus der Geliebten, die das Ende der Geschichte behandelte wie einen emotionalen Insolvenzantrag, während ich immer noch an das délire á deux glaubte.

„Wer liebt, wechselt das Jahrhundert“, spricht Ihre Protagonistin Valerie in „Kleine Lichter“ ihrem im Koma liegenden Geliebten aufs Band. Können Sie uns sagen, was Sie damit meinen könnte?

Wir leben in einer ironischen Zeit, in der uneigentliche Sätze, nicht-gemeinte Aussagen triumphieren. Leidenschaft dagegen kennt kein Uneigentliches, sie meint alles ernst, und sie greift zu Worten, die außer Gebrauch gekommen sind. Diese ganze Aufwertung des Sensiblen, der Natureindrücke, der nuancierten Wahrnehmung eines anderen Menschen führt einen in Sprechformen des 19. Jahrhunderts zurück.

Warum schrieben Sie aus der Sicht einer Frau? Machen Sie sich damit nicht viel angreifbarer als wenn Sie aus männlicher Perspektive geschrieben hätten?

Was nicht angreifbar ist, ist belanglos. Hätte ich weniger angreifbar sein wollen, hätte ich einen Unterhaltungsroman aus dem Milieu von gegen ihr Gewicht anturnenden Yogalehrerinnen schreiben müssen. Aber ich muss nun einmal das tun, was mich am meisten interessiert. Begonnen hatte ich, den Monolog aus der Perspektive des Mannes zu schreiben, dachte aber dauernd: So denkt doch kein Mann! Die Perspektive der Frau lag mir einfach näher. Ich fürchte, Freud wäre sehr interessiert gewesen.

Die Liebenden, um die es in Ihrem Roman geht, lebten eine Liebe zwischen Tokio, Wien und London, eine Liebe auf Distanz, eine Liebe, wie sie heute von vielen gelebt wird. Haben solche Lieben, in denen Projektion und Illusion noch eine weit größere Bedeutung zukommt, überhaupt eine Chance auf Dauerhaftigkeit? Lebt Liebe nicht gerade auch von der körperlichen Anwesenheit des Geliebten?

Vermutlich ist das Verhältnis von Nähe und Ferne ein Grundproblem des Liebens. Denn eigentlich sind alle Lieben Fernlieben, alle müssen Distanzen überbrücken. Die räumliche Ferne macht, dass die Illusionsbildung wuchert, und die Liebe ist nun einmal auch eine Schwulstform der Bilder treibenden Phantasie. Insofern könnte ich sagen: Ich glaube weniger an das Überleben einer Liebe, die nicht irgendwo auch Distanzliebe bleibt.

Valerie stellt in der Nachbetrachtung fest, dass sie gerade im Augenblick des sexuellen Höhepunkts plötzlich, „satt von Lust“, ihren Liebespartner aus dem Sinn verliert. In welchem Verhältnis stehen aus Ihrer Sicht Liebe und Lust zueinander?

Ich glaube, es gibt einen Moment kurz vor dem Höhepunkt, da genügt die Lust sich selbst. Sie würde sich auch weiter steigern, wenn man ihr den Menschen nähme und statt seiner ein Glas Erdbeermarmelade hinstellte. Das ist aber nicht das Ende der Liebe, sondern alle Liebe muss durch die Anerkennung der tiefen Unpersönlichkeit zwischen den Menschen auch in der Lust hindurch und vollendet sich erst so.

Ihre Hauptperson beschwört an einer Stelle den Wahnsinn, das Urfeuer, die Raserei und Entgrenzung der Liebe und fragt sich, ob diese Zustände von allen Menschen im Rahmen einer allgemeinen Gleichmacherei zugunsten von Geilheit und Ablenkung behoben worden seien. Teilen Sie diese trübsinnige Weltsicht Ihrer Protagonistin?

Meine Protagonistin sieht erstaunt, dass alle glauben, das Persönlichste in der Liebe zu erleben, aber sie verwandeln diese Liebe in etwas so Allgemeines, dass sie aussieht wie eine mundgemalte Valentinskarte oder eine Versicherungsreklame. Wo die Liebe die Gefühle adoptiert, die der Markt bereit stellt, bringt sie sich um die Möglichkeit, ihre eigene Individualität zu erkunden. Im Kern aber ist Liebe radikal, und diese Radikalität habe ich gesucht.

Der Mann wird in Valeries Monolog auch als gefährliches Wesen dargestellt, das stets den „Ernstfall in sich trägt“ …

… die Liebe ist heroisch durch die Leiden, denen sie sich aussetzt. Mann und Frau bilden einen schlafenden Ernstfall für den anderen, denn sie besitzen Zerstörungspotential. Die Rohheit des Mannes im Sex kann auf den unbeholfenen Umgang mit der eigenen Kraft, kann auf die Erregung von Angstlust, kann auf die Steigerung des Fühlbaren durch Schmerz, kann auf Sadismus zurückgehen. Hundert Möglichkeiten, Gewalt und Liebe zu vereinbaren, hundert Möglichkeiten, sie zu interpretieren.

Wenn die Liebe „mehr ist als der Überbau für Fortpflanzung“, wie Valerie sagt, was mehr ist sie dann?

Sie ist Transzendenz, ein quasi religiöses Verhalten, der leidenschaftlichste Versuch, Einsamkeit zu überwinden, eine fühlbare Gemeinschaft zu begründen. Sie stiftet eine ganze Kultur und innerhalb dieser eine eigene Plausibilität, sie ist Inbegriff des Glücks, die letzte Antwort, der große Horizont.

Sie haben sehr früh Ihren Vater verloren. Meinen Sie, dass diese Erfahrung sich auch auf Ihre Fähigkeit zu lieben auswirkt?

Mindestens so interessant wie die Liebe scheint mir die Erfahrung des Mangels, die sie hervor treibt. „Wenn wir Gott lieben sollen, muss er ein hilfsbedürftiger Gott sein“, heißt es bei Novalis. Insofern hat der größte Verlust in meinem Leben, der ja auch ein Liebes-Verlust war, sicher das Bedürfnis herausbilden helfen, auf das ich in der Liebe eine Antwort suche.

„Wenn Männer Liebesbriefe schreiben“, spricht Valerie auf Band, „dann melken sie all die Vokabeln, vor denen Ihnen sonst bange ist.“ Wir stellen uns vor, dass dieser Respekt vor dem Liebesvokabular auch stets im Kopf eines Schriftstellers mitschreibt, der dabei ist, einen Roman über die Liebe zu schreiben. Wie war das bei Ihnen?

Ich wollte keinen Text über die Liebe schreiben, sondern einen, der gewissermaßen „aus Liebe“ besteht. Das aber geht nur, wenn man das Peinliche im Liebes-Sprechen, den Kitsch, die Entgrenzung, die Lüsternheit, das Kindische, Verzwergte einbezieht. Insofern war mir meine Heldin manchmal peinlich, doch andererseits glaube ich, sie weiß so viel über die Liebe, dass man manchmal ganz froh ist, sie neben der analytischen Radikalität auch schwelgerisch zu erleben.

Valerie verlässt nach Ihrem Monolog den Geliebten, obgleich er noch immer im Koma liegt. Auf den ersten Blick ist das kein Happy End. Aber vielleicht auf den zweiten: Dadurch, dass er ihre Phantasie nicht durch einen falschen Satz durchbrechen konnte, lebt ihre Liebe weiter. Welche Liebe würden Sie vorziehen, wenn es nur die eine – die antwortlose Liebe im Kopf – oder die andere – mit der Gefahr der Enttäuschung durch das falsche Wort geben würde?

Eine Liebe, die sich der Wirklichkeit eines anderen Menschen nicht aussetzt, ist vermutlich eine Unterform von Narzissmus. Man muss im anwesenden Menschen den abwesenden herstellen können und umgekehrt, dann behält die Liebe beides: ihre Realität wie ihr Halluzinatorisches.

Roger Willemsen

Roger Willemsen, geboren 1955, beendete sein Studium mit einer Promotion über die Ästhetik Robert Musils. Nach Tätigkeiten als Universitätsdozent, Übersetzer und Korrespondent hatte er 1991 seine erste eigene, vielfach ausgezeichnete…
Zur Biografie von Roger Willemsen

Roger Willemsen

Roger Willemsen, geboren 1955, beendete sein Studium mit einer Promotion über die Ästhetik Robert Musils. Nach Tätigkeiten als Universitätsdozent, Übersetzer und Korrespondent hatte er 1991 seine erste eigene, vielfach ausgezeichnete…
Zur Biografie von Roger Willemsen

Mehr zur Rubrik
Friedrich Ani im Interview über seinen Kriminalroman „Der Narr und seine Maschine“
Titelbild der Narr und seine Maschine

Interviews | 26. November 2018 | Jörg Steinleitner

Ein Schriftsteller verschwindet aus dem Hotelzimmer, in dem er seit Jahren lebt. Tabor Süden heftet sich an seine Fersen. Friedrich Ani im Interview über seinen Krimi „Der Narr und seine Maschine“.

Klaus Heller und Mathias Heinrich im Interview über Thailands schönste Seiten und gute Thailand-Bücher
Thailand Bücher Klaus Heller

Interviews Slider posts | 20. November 2018 | Jörg Steinleitner

Was an Thailand ist schön? Was gefährlich? Wie ist es mit der Liebe? Wieviel kostet die Reise? Verleger Klaus Heller und Journalist Mathias Heinrich gewähren tiefe Einblicke in ein faszinierendes Land.

Babylon-Berlin-Autor Volker Kutscher im Interview über seinen Gereon-Rath-Krimi „Marlow“
Titelbild Marlow

Bestseller-Check Interviews | 16. November 2018 | Jörg Steinleitner

Volker Kutscher im Interview – über Geldhaie, den Morphium-süchtigen Göring und Erich Kästner, unsere gefährdete Demokratie, seine Fernsehserie „Babylon Berlin“ und den neuen Gereon-Rath-Krimi „Marlow“.

Andrea Russo im Interview – über das Glück, Lieblingsmenschen und ihren Roman „Spätsommerfreundinnen“
Titelbild Spätsommerfreundinnen

Interviews | 28. Oktober 2018 | Tina Rausch

Mit ihrem Roman „Spätsommerfreundinnen“ startet Andrea Russo eine neue Reihe über Frauen im besten Alter. Wie diese Zeit zur schönsten des Lebens wird, verrät sie im Interview mit der BUCHSZENE.