
Frau Barkhoff, Ihr Fantasyroman „Wächter des Meeres“ beginnt mit einer Geburtsszene. Wer ist es, der da geboren wird?
Hier erblickt Aro das Licht der Welt, der Kleinste des Wurfs mit der größten Aufgabe, die ein Hai nur haben kann. Er gehört zum Typ Antiheld, der seinen Platz eigentlich gerne einem anderen überlassen würde und doch lernen muss, sich durchzubeißen. Wobei Aro, obwohl er ein Hai ist, dafür eher seinen Verstand als seine Zähne benutzt.
Der kleine Hai Aro hat eine besondere Gabe.
Aro kann die Stimme des Meeres hören und ist ein sogenannter „Bewahrer“. Das sind Haie, die in der Lage sind, in die Seele des Meeres einzutauchen und dort ihr Bewusstsein beizubehalten. Andere Meerestiere, die es nur nach ihrem Tod betreten, verlieren ihr Ichbewusstsein. Man kann es also als Jenseits der Meerestiere betrachten.
Könnten Sie das, was die Bewahrer ausmacht, bitte noch genauer erklären?
Bewahrer können sogar das Herz des Meeres betreten, was auch kein physischer Ort ist, sondern der Mittelpunkt seiner Seele. Dort nehmen sie Verbindung mit der Quelle allen Seins auf und leiten die Energie anschließend an die physische Welt weiter. Das stärkt das Meer, das immer mehr unter der Umweltverschmutzung leidet. Ein kleines bisschen der Energie behalten die Bewahrer für sich, daher der Name.
Aros Mutter stirbt nach seiner Geburt und er und seine Geschwister bekommen bald Besuch auf dem Riff. Was wollen die fremden, erwachsenen Haie?
Silvan und Ardos wollen Aro zum Reich der Haie bringen. Aber nicht aus eigenem Antrieb. Sie erfüllen jemandem einen Wunsch, dessen Identität erst im zweiten Band aufgedeckt wird.
Was ist das Reich der Haie, in das ihn Silvan und Ardos bringen?
Ein Riff der – fiktiven – Insel Ruben Island. Es ist zudem ein Meeresreservat, in dem weder getaucht noch geangelt werden darf, weshalb die Haie dort von Menschen unbehelligt leben. Aro verbringt sieben Jahre im Reich und ist klippenfest überzeugt, dass es nichts Schöneres geben kann als dort zu leben. Da hat er sich gewaltig getäuscht.
Es gibt auch „Außermeerische“ in Ihrem Roman. In welchem Verhältnis stehen die Menschen zu den Haien?
Leider wie sie auch im realen Leben meistens zu Haien stehen. Auf wenige informierte Menschen, die sie respektieren, kommen tausende, die davon ausgehen, Haie seien eine schlechte Laune der Natur. Zu den Unterstützern der Haie in meinem Buch gehört die Organisation „Sharkwatch“, die von der realen Organisation „Sharkproject“ inspiriert ist. Ich bin Mitglied dieser Organisation. Leider hat Corona meine Mitarbeit ziemlich auf Eis gelegt.
Und was sind Meeresmare?
Damit sind selbst von Haien gefürchtete Raubtiere gemeint, nämlich die Orcas. Auf diesen, unter Haien nur furchtsam geflüsterten Begriff, kam ich vom englischen „Nightmare“ für Alptraum. Da Orcas sogar weiße Haie töten können sind sie praktisch ihr „Albtraum“. In diesem Punkt sind Haie wie Menschen. Beide fürchten ein Tier, das sie nicht verstehen und spinnen Horrorgeschichten darum. Fans dieser größten aller Delfine kann ich verraten, dass sie in meiner Dilogie einen Auftritt haben.
Im Laufe der Geschichte lassen Sie auch einen Menschenjungen auftreten – wer ist der 12-jährige Jonas und welche Rolle spielt er in „Wächter des Meeres“?
Jonas kann man als Verkörperung aller Menschen beim Thema Haie sehen. Er weiß nichts über Haie, wurde nie von einem gebissen, hat keine Freunde, die je von einem belästigt wurden und fürchtet sie doch. Eine Auswirkung reißerischer Berichte über Haiunfälle und Horrorfilme. Es war mir sehr wichtig, Jonas dafür nicht als unsympathisch darzustellen. Er verurteilt ein Tier, das ihm nie etwas tat, nun gut, aber was will man von einem 12-Jährigen erwarten, der nicht informiert wird? Mehr noch, dem von eben genannten Dingen vermittelt wurde, dass man über Haie sonst nichts wissen muss. Jonas ist quasi die verkörperte „Stunde Null“ einiger Leser, die vor diesem Buch vielleicht auch nichts über Haie wussten.
Zwischen den Zeilen liefern Sie viele Informationen über Haie und das Meer. Was an Haien finden Sie so faszinierend?
Oh, schwierige Frage. Nicht, weil mir so wenig einfällt, sondern so viel. Ich könnte ihre eleganten Bewegungen aufführen, doch das griffe zu kurz. Auch Raubkatzen, Schlangen und Adler bewegen sich sehr anmutig und doch hängt mein Herz an Haien. Oder schwimmt mit ihnen, besser gesagt. Nein, die Faszination rührt vielmehr von ihrem Durchhaltevermögen – sie überlebten fünf Massenaussterben – und ihren Fähigkeiten, womit ich nicht ihre Sinnesleistungen meine. Sicher ist es beeindruckend, wie gut Haie riechen können, aber die wirklich unglaublichen Dinge erfährt man erst, wenn man tiefer geht, pardon taucht. Was mich zum Beispiel enorm überraschte, war die Gabe der Epaulettenhaie außerhalb des Wassers auf ihren Brustflossen zu „gehen“. Oder der Grönlandhai, der sage und schreibe 400 Jahre alt wird. Oder weißgesprenkelte Bambushaie, die mittels Parthogenese ganz ohne Männchen trächtig werden und Junge austragen. Oder der Fuchshai, der mit seiner Schwanzflosse hart genug zuschlagen kann, um ein Wassermolekül zu spalten. Ich könnte noch viel mehr aufzählen …
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