Ein toter Schützenkönig und ein Täter im Gurkenkostüm sorgen für Wirbel auf dem Spreewaldfest. Im Werkstattbericht verrät Christiane Dieckerhoff, Autorin des Krimis „Verfehlt“, wie sie arbeitet.

Christiane Dieckerhoff gibt spannende Einblicke hinter die Kulissen ihrer schriftstellerischen Arbeit

30. Juni 2021 | Syndikat

Verfehlt

Was der Pawlowsche Reflex mit meinen Spreewaldkrimis zu tun hat

Jeder von uns kennt den Begriff Pawlowscher Reflex. Dem russischen Mediziner und Physiologen Ivan Petrovič Pavlov gelang es einem Hund einen bedingten Reflex anzutrainieren, indem er  den ursprünglichen Reiz durch einen anderen ersetzte und so den Hund konditionierte. Ich denke, Sie fragen sich gerade, was das mit der Arbeit einer Autorin zu tun hat, die überwiegend Spreewaldkrimis schreibt.

Schriftsteller*innen pflegen oftmals seltsame Schreibrituale

Viele kreative Menschen aus Wissenschaft und Kultur haben Rituale, um ihre inneren Quellen anzuzapfen. Friedrich von Schiller berauschte sich am Ethylen fauler Äpfel. Die Autorin Eva Menasse  arbeitet nach eigenen Angaben jeden Tag zur exakt gleichen Zeit am exakt gleichen Schreibtisch in der Staatsbibliothek Berlin, um nur zwei Beispiele zu nennen. Es gibt Autor*innen, die absolute Ruhe brauchen, und andere, wie die Bestsellerautorin Judith Merchant, die den Trubel eines Cafés benötigen, um die Geschichten in sich zu finden.

Mein Schreibritual: Ich schreibe auf dem Laufband – zuletzt 960 km

Ich selbst gehe, wenn auch nicht spazieren, sondern am Schreibtisch. Das klingt jetzt etwas merkwürdig, ist aber ganz einfach, wenn man wie ich einen Schreibtisch besitzt, der aus einem Laufband und einer Arbeitsfläche besteht. Kurz gesagt: Ich tippe gehend! Für mein aktuelles Buch „Verfehlt“, das im Aufbau Verlag erschienen ist, habe ich ziemlich genau neunhundertsechzig Kilometer zurückgelegt. Im Vergleich dazu: Von meinem Heimatort im Ruhrgebiet bis nach Lübbenau, dem Handlungsort meiner Geschichten, sind es fünfhundertzweiundsechzig Kilometer.

Albert Einstein hat eine ganz ähnliche Erfahrung wie ich gemacht

Über die Zeit hinweg habe ich bemerkt, dass es durchaus einen Unterschied macht, ob ich sitzend oder laufend schreibe. Bei ersterem fällt es mir sehr viel schwerer, in meinen Workflow zu kommen. Ich denke, das hat einerseits etwas mit dem bereits zu Anfang erwähnten Pawlowschen Reflex zu tun, andererseits aber auch mit der besonderen Funktionsweise unseres Gehirns. Diese Erfahrung hat auch Albert Einstein gemacht. Er soll einmal gesagt haben, ohne seine täglichen Spaziergänge hätte er die  Relativitätstheorie nicht entwickeln können.

Das Ganze hat mit den verschiedenen Aufgaben der Gehirnhälften zu tun

Unsere rechte Gehirnhälfte steuert in der Regel unsere linke Körperseite, und umgekehrt ist die linke Hälfte für die rechte Seite zuständig. Wenn wir gehen, sind also beide aktiv und weil wir die Aktionen unserer Körperseiten koordinieren müssen, herrscht ein reger Austausch zwischen beiden Gehirnhälften. Aber natürlich bewegt uns unser Gehirn nicht nur, es lässt uns auch mit Hilfe unserer Sinnesorgane die Welt erleben. Die linke Hemisphäre ist außerdem für Sprache und abstraktes Denken zuständig, während in der rechten Hemisphäre eher räumliches Denken und bildhafte Zusammenhänge verarbeitet werden.

Beim Schreiben muss ich für meine inneren Bilder Worte finden

Als Autorin arbeite ich mit Worten und Bildern. Mein Arbeitsplatz ist über fünfhundert Kilometer vom Handlungsort meiner Romane entfernt. Für „Verfehlt“ habe ich im Sommer 2019 das Spreewaldfest in Lübbenau besucht, weil die Geschichte dort ihren Anfang nimmt. Geschrieben habe ich das Buch im Jahr 2020. Wie die meisten Kolleg*innen habe ich Fotos gemacht und mit Menschen gesprochen. Doch wirklich wichtig sind meine inneren Bilder, weil nur in ihnen meine Protagonisten agieren. Und für diese inneren Bilder muss ich Worte finden, und ich merke mit jedem Buch mehr, das  ich auf meinem Laufband schreibe, dass es sehr viel einfacher für mich ist, diese Worte im Gehen zu finden. 

Auf dem Laufband gibt es kein Zurück – das gilt auch beim Schreiben

In der Proletenpassion der Schmetterlinge, einer österreichischen Folk-Links-Politrock-Band, die vor allem in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bekannt war, gibt es ein Lied mit dem Titel: Wir lernen im Vorwärtsgehen. Für mich müsste es eher heißen: Ich schreibe im Vorwärtsgehen. Denn eins ist sicher. Auf dem Laufband gibt es kein Zurück. Deshalb ist auch „Verfehlt“ nicht das letzte Buch der Reihe um Klaudia Wagner und ich freue mich schon auf jeden Schritt der vor mir liegt.

Der Inhalt von Christiane Dieckerhoffs Spreewald-Krimi „Verfehlt“:

Kommissarin Klaudia Wagner und ihr Team sind auf dem Spreewaldfest darauf eingestellt, Betrunkene aus dem Verkehr zu ziehen und Streitigkeiten zu schlichten, doch dann fällt der Schützenkönig ermordet ins Hafenbecken. Während die Rettungskräfte noch damit beschäftigt sind, die Leiche zu bergen, verfehlt ein Wurfmesser den alten Schiebschick, Klaudias väterlichen Freund. Es gibt sogar eine Beschreibung des Täters: eine Gestalt in einem Gurkenkostüm. Als Klaudia Wagner mit ihrem Freund reden will, findet sie ihn mit einem Messer im Rücken lebensgefährlich verletzt. Ganz Lübbenau ist in Aufruhr. Ist das der Beginn einer Mordserie?

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