Philip Pullman hat Recht

Home >> Magazin >> Kolumnen >>

Philip Pullman hat Recht

27. Januar 2016 | Kolumne: Redaktion | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Vermutlich würden auch Sie so jemanden einen Idioten nennen.

Stellen Sie sich vor, Sie sind Sekretärin und man bietet Ihnen einen neuen Job an: Sie sollen einerseits Geschäftsbriefe schreiben, das wird bezahlt. Ferner sollen Sie Kundengespräche führen, dafür bekommen Sie aber kein Geld. Denn erstens ist dafür leider (!) keines da und zweitens bekommen Sie da ja auch ganz viel Positives zurück, wenn Sie es gut machen. Was würden Sie zu jemandem sagen, der Ihnen so einen Job anböte? Idiot?

Philip-Pullman-hat-Recht

Philip Pullman ist nun von der Leitung des Oxforder Literaturfestivals zurückgetreten, weil er kein solcher Idiot sein wollte. Pullman ist ein weltbekannter Autor, er schrieb erfolgreiche Bücher wie „Der Goldene Kompass“ und wurde u.a. mit dem Astrid-Lindgren-Preis ausgezeichnet. Warum riskiert so einer seinen Ruf, indem er eine ehrenvolle Aufgabe zurückweist?

Nun, es ist so, dass Pullman herausgefunden hat, dass viele der Autoren, die auf seinem Literaturfestival auftreten sollen, dafür kein Geld bekommen. Da sagte Pullman: „Ich finde es ungeheuerlich, zu erwarten, dass Autoren umsonst arbeiten.“

Dies zu lesen, hat mich berührt und gibt mir den Mut, diese Kolumne zu verfassen. Denn ich werde regelmäßig zu Lesungen eingeladen. Und wenn ich dann sage, dass das etwas kostet, ernte ich immer wieder staunende Blicke und höre Sätze wie: „Sie müssen doch froh sein, wenn Sie bei uns auftreten dürfen! Wir haben wirklich ein tolles Publikum! Da werden Sie viel Dankbarkeit und Begeisterung spüren! Das Vorlesen macht doch auch Spaß! Das wird eine tolle Werbung für Ihr Buch! Und eine Buchhandlung laden wir auch ein, dann werden Ihre Bücher sogar noch verkauft!“

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Natürlich bin ich froh, wenn ich vor einem tollen Publikum auftreten darf. Das macht in der Tat Spaß. Aber lassen Sie uns mal über Zahlen sprechen: Wenn eine meiner Lesungen sensationell gut läuft, dann verkauft der Buchhändler, der den Büchertisch macht, 60 Bücher am Abend. Einmal hat einer sogar 100 verkauft. Meist sind es aber eher nur 20 oder 30. Pro verkauftes Taschenbuch bekomme ich 50 oder 60 Cent. Hört sich wenig an, ist aber Standard in deutschen Verlagsverträgen. Ich bin übrigens bei einem der Topverlage unter Vertrag und ich verkaufe gar nicht so wenige Bücher. Die Gesamtauflage meiner Krimireihe liegt bei weit über 100.000 Exemplaren. Trotzdem: Gehen wir von einem sensationellen Abend aus, dann verkauft der Buchhändler 60 von meinen Büchern. Das heißt ich bekomme 60 mal 60 Cent, ist gleich: 36 Euro.

Würde ich also kein Honorar für meinen Auftritt verlangen, dann würde ich in tagelanger Vorarbeit die schönsten Stellen aus meinem Buch heraussuchen und arrangieren; ich würde das Vorlesen und Vorspielen üben, damit es kein Gestammel, sondern unterhaltsam wird; ich würde vielleicht sogar noch einen Musiker und eine Schauspielerin mit dazunehmen; wir würden monatelang proben; dann würden wir tanken, ein, zwei, drei Stunden im Auto sitzen, auf der Bühne alles geben – und am Ende könnten wir uns 36 Euro teilen. Gut, ich könnte das Ganze auch allein machen, dann wären die 36 Euro für mich allein. Vielleicht würde es fürs Benzin reichen.

Dass Philip Pullman vom Festivalvorsitz zurückgetreten ist, finde ich stark. Unsere britische Kollegin Amanda Craig schloss sich seinem Boykott sofort an und äußerte folgenden richtigen Satz: „Wir Autoren sind die einzigen, die nicht bezahlt werden, obwohl die Festivals ohne uns nicht existieren würden.“

Ich hoffe, Sie finden auch, dass das so nicht geht. Wir Autoren werden sonst alle Sekretärinnen. Schreiben können wir nämlich auch ganz gut.

P.S.: Es gibt zum Glück auch viele Veranstalter, die ganz selbstverständlich vernünftige Gagen bezahlen.

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

Share this post:
Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

Share this post:
Mehr zur Rubrik
Wie ich aus Liebeskummer zur See fuhr und ein anderer wurde
Ist ein allgemeines Dienstpflichtjahr sinnvoll? Eine Kolumne über Seemänner, Liebeskummer und das Leben
Kolumne Steinleitners Woche

Steinleitners Woche | 15. August 2018 | Jörg Steinleitner

Was macht ein junger Mann mit Liebeskummer? Zur See fahren, hatte unser Kolumnist in Romanen gelesen. Und es getan. Eine Kolumne über Abenteuer und die Sinnhaftigkeit eines Dienstjahrs für junge Leute.

Warum geht das Leben so schnell vorbei?, fragte mein Sohn
Wieso geht das Leben so schnell vorbei? Warum ist es endlich? Und was hat das mit Ferien zu tun?
Titelbild Kolumne Steinleitners Woche 152

Steinleitners Woche | 1. August 2018 | Jörg Steinleitner

Wieso die Zeit so schnell vergehe, fragte Jörg Steinleitners Sohn kürzlich. Und wieso das Leben endlich sei? Während er nach einer Antwort suchte, nahm sich der Kolumnist etwas für die Sommerferien vor.

Warum haben Männer größeren Hunger als Frauen?
Männer und Frauen – streiten Sie auch oft über das Essen? Auf den Spuren eines Ernährungs-Rätsels
Männer und Frauen Steinleitners Woche Kolumne

Steinleitners Woche | 18. Juli 2018 | Jörg Steinleitner

Warum haben Männer mehr Hunger als Frauen? Wieso lieben sie Fleisch und Frauen Joghurt? Und wieso gibt’s darüber immer wieder Streit? Steinleitners Woche heute über Männer, Frauen und Ernährung

Verlieren ist eher was für Loser, findet mein Sohn
Steinleitner spricht mit seinem Sohn anlässlich der Fußball-WM über das Verlieren
Titelbild Steinleitners Woche

Steinleitners Woche | 4. Juli 2018 | Jörg Steinleitner

Verlieren sei scheiße, sagt Steinleitners Sohn nach dem Ausscheiden der Deutschen bei der Fußball-WM. Verlieren sei was für Loser. Der Auftakt zu einem Krisengespräch mit versöhnlichem Ausgang.

Nach oben Zurück zur Übersicht

Mit der Nutzung von BUCHSZENE.DE erklären Sie sich damit einverstanden, dass unser Internetauftritt und unsere Tools/Plugins Cookies zu Zwecken wie der Personalisierung von Inhalten und für Werbung einsetzen. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.