Ludwig Lugmeier

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Ludwig Lugmeier

20. Juni 2014 | Interview: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten


Ludwig Lugmeier über Waffen, Banküberfälle, Lebensglück und seinen berauschenden Lebensroman „Der Mann, der aus dem Fenster sprang“. 

 

Jörg Steinleitner:  Herr Lugmeier, Sie waren Bankräuber und sprangen während eines Prozesses aus dem 1. Stock des Gerichtsgebäudes. Doch nach Ihrer letzten Verhaftung wurden Sie im Gefängnis zum Schriftsteller. In Ihrem neuen Buch „Der Mann, der aus dem Fenster sprang“ schreiben Sie: „Auf dem Papier konnte ich noch mal von vorne beginnen. Wenn ich alles aufschreibe, dachte ich, bin ich zum Schluss bei mir und verstehe alles. Auch wieso mein Leben so ist, wie es ist.“ – Verstehen Sie nun, nachdem Sie Ihr Leben aufgeschrieben haben, alles?

Ludwig Lugmeier:  Alles mit Sicherheit nicht. Aber ich bin, nachdem ich mich durch Geröllwüsten der Sprache bewegt habe, doch auf Sätze gestoßen, bei denen ich den Eindruck hatte, hier bist du präsent. Es hatte vorher schon so Flashs gegeben bei einzelnen Gedichten zum Beispiel, aber den richtigen Zugang habe ich durch den Protagonisten meines ersten Romans gefunden. Mit dieser Gestalt musste ich bis in die Weimarer Zeit zurückgehen und vieles aufnehmen, was meine eigene Kindheit bestimmt hat: beispielsweise die dunkle, säuerliche Atmosphäre, die in den Räumen gestanden hat. Und so habe ich immer mehr zu verstehen begonnen, denn die eigene Geschichte beginnt ja schon weit vor der eigenen Geburt.

Jörg Steinleitner:  Beim Lesen Ihres Lebensromans, stellt sich einem ständig die Frage: Wieso wurde dieser offensichtlich hochintelligente Mann zum Räuber? – Was hat ihn dazu gebracht? Bei Ihrem ersten Einbruch in den Bauwagen …

Ludwig Lugmeier:  … war die Motivation eine Taschenlampe, die an der Wand hing, die mir wichtig und bedeutend vorkam. Und was mich gehindert hat, das war die Scheibe dazwischen und der verbotene leere Raum, in dem dieses Ding war. In den musste ich eindringen.

Jörg Steinleitner:  Also war es eine materielle Motivation?

Ludwig Lugmeier:  Nicht wirklich. Ich wusste, als ich diese Lampe besaß nicht, was ich mit ihr anfangen sollte. Sie hat etwas in mir selbst dargestellt. Es war die leuchtende Lampe.

Jörg Steinleitner:  Sie haben bereits als Jugendlicher sehr viel gelesen – darunter neben Homer, Heine und Hesse etliche Abenteuerromane. Spielten die Vorbilder daraus – Piraten, Cowboys, Draufgänger, Mafiosi für Ihren Lebensweg eine zentrale Rolle?

Ludwig Lugmeier:  Homer nicht und auch nicht Hermann Hesse, die habe ich nur anderen zum Gefallen gelesen. Aber was mich fasziniert hat, das waren Piratenbücher. Das waren phantastische Welten von Gefahr, Freiheit und Abenteurertum. Es waren Welten der Jagd und des Lauerns. Die Helden machten Jagd auf Schiffe, deren Bäuche voll waren mit Gold. Auch die Mythologie des Wilden Westens spielte eine Rolle: Er war für mich ein Raum der Freiheit, in dem fast keine Gesetze bestehen, in dem der Desperado machen kann, was er will.

Jörg Steinleitner:  Kann es sein, dass Ihre große Phantasie dazu führte, dass Sie die aufregenden Gefühle aus den Büchern auch im wahren Leben spüren wollten – und gleichzeitig die ganzen negativen Begleiterscheinungen ausblendeten?

Ludwig Lugmeier:  Das war am Anfang so. Denn ich habe kein Realitätsverständnis von jener Welt gehabt, in die ich eintauchen wollte. Meine Vorstellung war ausgefüllt von Fiktion und Bildern. Allerdings steckte ich dann bald sehr fest in dieser Welt und bemerkte, dass die Wirklichkeit eine ganz andere Dimension hatte als meine Phantasien.

Jörg Steinleitner:  Über Ihren Versuch, sich ohne Italienischkenntnisse in Palermo der Mafia anzuschließen, schreiben Sie: „Ich hatte mir alles so einfach vorgestellt, aber nun …“

Ludwig Lugmeier:  … als ich als Jugendlicher im strömenden Regen nach Palermo kam, habe ich sehr schnell gemerkt, wie die Stadt wirklich ausschaut. In meiner Vorstellung hatte ich mir alles so leicht vorgestellt, da hatte ich mich ja schon als Vollmitglied der Mafia gesehen. Und auf dem Rückweg stellte ich fest: Der Hunger ist etwas ganz Physisches und wenn man auf den Erdbeerfeldern die grünen Erdbeeren isst, dann kriegt man Durchfall davon.

Jörg Steinleitner:  Auf Ihrer ersten Fahrt ins Gefängnis waren Sie „beinahe froh“. Wieso?

Ludwig Lugmeier:  Mein Leben hatte endlich eine Richtung. Es war eine Befreiung, ich traf Leute, die mir ihre Geschichten erzählten und ich war in einer Gegenwelt. Ich hatte mich in meiner Kindheit in der Welt des Elternhauses, der Kirche und Schule sehr unfrei gefühlt und sehnte mich nach der dunklen, magischen Seite des Lebens. Da war ich nun.

Jörg Steinleitner:  Am Ende Ihres Buches schreiben Sie: „Um das Geld hat es mir nie leid getan, obwohl ich es in der Zwischenzeit manchmal hätte brauchen können.“ Welche Rolle spielte und spielt das Geld in Ihrem Leben?

Ludwig Lugmeier:  Ich habe natürlich heute nicht so viel wie damals. Ich weiß Geld zu schätzen, aber ich glaube nicht, dass ich damit das kaufen kann, was für mich wichtig ist. Ich kann heute mit geringen Mitteln das Leben weitaus besser genießen als früher. Ich muss nicht in ein teures Hotel zum Essen, sondern ich gehe zu meinem kleinen Vietnamesen. Als ich das viele Geld hatte, hatte ich keine rechte Beziehung dazu. Es war schnell gekommen und mit viel Gefahr. Es ist eine andere Art von Geld, die man durch Arbeit, durch Schreiben verdient als wenn man es durch einen Lottogewinn oder ein Verbrechen bekommt.

Jörg Steinleitner:  Ein sinnliches Verhältnis zum Geld …

Ludwig Lugmeier:  … hatte ich nach dem zweiten Überfall keines herstellen können. Es war ein Haufen Papier und ich hatte keine Vorstellung, was ich damit machen sollte. Ich wollte mich ausleben und Risiken eingehen, die Randbereiche erfahren. So gesehen ist das Geld nicht wirklich wertvoll für mich gewesen. Aber ich glaube das wäre auch nicht anders gewesen, wenn ich es im Lotto gewonnen hätte. Und ich glaube auch, dass das, was ich mir gekauft habe – das waren ja auch viele Skulpturen, Bilder, Kleider – für mich nicht wichtig war. Wenn jemand meint, er muss unbedingt eine Rolex haben und spart sich die zusammen, dann ist das für ihn etwas sehr Wertvolles. Wenn ich aber so viel Geld habe, dass ich mir die einfach so kaufen kann, dann habe ich sie eine Weile und kaufe mir dann die nächste. Das ist uninteressant.

Jörg Steinleitner:  Sie schreiben aber, dass sie die Waffen noch gerne hätten?

Ludwig Lugmeier:  Ich habe zu Waffen ein sinnliches Verhältnis. Das Zentrum der Waffe ist der Tod. Sie ist dazu da, um zu töten. Um den Tod herum entwickelt sich eine große Ästhetik. Wenn ich in den Tower gehe und sehe dort die alten Lanzen und Hellebarden, dann sind das für mich ästhetische Dinge. Auch Revolver und Maschinenpistolen, vor allem, wenn sie eine historische Patina wie die Waffen aus der Mexikanischen Revolution haben, faszinieren mich.

Jörg Steinleitner:  Meinen Sie, wenn Sie damals, als Sie unter Mithilfe des Botschafters der Vereinigten Arabischen Emirate Ihr beim letzten Raubüberfall erbeutetes Geld in einen Hotelkomplex auf den Bahamas investieren wollten, nicht aufgeflogen wären, hätte Ihr Leben plötzlich in einen bürgerlichen Rahmen passen können?

Ludwig Lugmeier:  Ich kann es mir vorstellen, aber ich halte es für sehr unwahrscheinlich. Ich glaube nicht, dass ich mich in diesem Rahmen wohl gefühlt hätte. Ich hätte mich sicher auf ein neues Abenteuer eingelassen. Damals bestanden für mich noch weit mehr Möglichkeiten. Ich hätte noch weit mehr Geld machen können.

Jörg Steinleitner:  Passt Ihr Leben denn heute in einen bürgerlichen Rahmen? Wie sieht Ihr Alltag aus?

Ludwig Lugmeier:  Geregelt. Ich stehe um halb sechs auf und fange um sieben an zu schreiben. Am Nachmittag laufe ich spazieren, am Abend lese ich. Ich habe keinen Fernsehapparat, gehe gerne ins Kino und ins Theater, bin gerne mit Freunden zusammen und koche gerne. Es ist ein geregeltes Leben, aber eine Existenz am Rande, als Beobachter. Auch wühle ich intensiv in der Vergangenheit. Ich fühle mich nicht der Gesellschaft zugehörig. Ich gehe nicht zur Wahl, weil es keine Partei gibt, zu der ich gehöre. Für mich gibt es keinen Platz in der Gesellschaft, sondern einen daneben – in einer offenen Gesellschaft ist das ja Gott sei Dank möglich.

Jörg Steinleitner:  Wie hat Sie die Zeit im Gefängnis geprägt?

Ludwig Lugmeier:  Ich habe mir selbst beigebracht mich durch Schreiben zu disziplinieren. Mein eigenes Leben spielte sich auf dem Papier ab, nicht im Gefängnis. Ich wollte von diesem Apparat nicht assimiliert werden. Ich habe versucht, das Gefängnis von mir abzutrennen, bin zurückgetreten, um zu beobachten, habe viele Lebensgeschichten notiert. So hart und unfrei und eng die Zeit war, war es doch auch eine Zeit der Bereicherung, in der ich vieles über mich herausfinden konnte. Man lebt allerdings nicht ein Jahrzehnt zwischen Mauern, ohne dass man sich auf sich selbst zurückzieht. Es dauerte nach meiner Entlassung eine lange Weile, bis ich wieder von innen nach außen gehen konnte. Ich kam mir vor wie ein wandelndes Gespenst, das in einer Welt lebte, die ihm sehr fremd geworden war.

Jörg Steinleitner:  Was war der Augenblick in Ihrem Leben, an dem Sie sich am glücklichsten fühlten?

Ludwig Lugmeier:  Ich glaube das waren Momente und Stunden in der Kindheit, wenn ich ganz intensiv da war, ohne mir dessen bewusst zu sein. Ich erinnere mich an einen Nachmittag an einem Tümpel. Ich hatte mir aus einer Nadel einen Angelhaken zu Recht gebogen, um Stichlinge zu fischen. Nach Stunden bekam ich endlich einen zu fassen. Das war intensiv. Solche Tage gab es oft in meiner Kindheit und ich glaube, sie sind es gewesen, was mir die Lebenskraft gegeben hat.

Jörg Steinleitner:  Ist der Moment nach einem gelungenen Überfall kein euphorischer Augenblick?

Ludwig Lugmeier:  Nein, da gibt es keine Glücksmöglichkeiten: Der Überfall hat geklappt, wenn man das Geld hat, aber damit beginnt die Flucht. Und dann sackt man in sich zusammen. Das sind eher Momente des Triumphs. Diese Glücksmomente des intensiven Daseins, die haben damit nichts zu tun.

Jörg Steinleitner:  Wieso macht man einen Überfall „immer alleine“ und wieso ist die „Zeit ein Feind, der sich nicht fassen lässt“?

Ludwig Lugmeier:  Weil man mit seiner Angst allein ist. Aus der hilft einem keiner raus. Da vereinzelt jeder in sich selbst und wenn man sich in diesem Zustand befindet, dann streckt sich die Zeit. Und dann nähert sich die Gefahr, ganz langsam, und mit ihr die Möglichkeit des Todes. In dieser Zeit gibt es nichts, das man angreifen kann, man ist allein und schrumpft in sich zusammen und muss immer wieder versuchen, sich ins Leere hinein zu behaupten.

Jörg Steinleitner:  „Da liegt, was ich will: Reisen, Frauen, Meer“, beschreiben Sie Ihr Gefühl nach einem gelungenen Überfall im Anblick des erbeuteten Geldes. Von was träumen Sie heute?

Ludwig Lugmeier:  Ich träume davon, einen festen Platz auf dem Papier zu haben. Dass ich kontinuierlich schreiben kann und dass ich die Zeit habe, noch möglichst viel von den Hausaufgaben, die ich mir gegeben habe, zu machen. Ich träume von den Ländern Süd- und Mittelamerikas – irgendwann möchte ich wieder in ihren Städten sein, wieder in ihre wunderbaren Barockkirchen gehen. Und ich träume davon, dass das Leben auf eine epikureische Art sich im Laufe der Zeit noch intensiviert.

Jörg Steinleitner:  Herr Lugmeier, vielen Dank für das Gespräch.

Ludwig Lugmeier

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