Leseprobe Die Geschichte des Wassers – Maja Lunde | BUCHSZENE

2017 unternimmt eine Umweltschützerin eine gefährliche Reise. 2041 leiden ein Vater und seine Tochter unter schlimmer Trockenheit. Maja Lundes „Die Geschichte des Wassers“ verknüpft zwei menschliche Schicksale mit der Rettung der Erde.

In Maja Lundes „Die Geschichte des Wassers“ begibt sich eine Umweltaktivistin auf eine riskante Reise

4. Februar 2018 | Redaktion

Maja Lunde
Die Geschichte des Wassers

Roman

Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein

Leseprobe:

SIGNE

Ringfjorden, Sogn und Fjordane, Norwegen 2017

Nichts hielt das Wasser auf, man konnte es den Berg
hinab zum Fjord verfolgen; vom Schnee, der aus
den Wolken fiel und sich auf die Gipfel legte, bis zum
Dampf, der aus dem Meer aufstieg und wieder zu Wolken wurde.
Jeden Winter wuchs der Gletscher, er sammelte den
Schnee, jeden Winter wuchs er, wie es sein sollte, und jeden
Sommer schmolz er, leckte, gab Tropfen frei, die zu
Bächen wurden und ihren Weg nach unten fanden, von
der Schwerkraft angezogen, und die Bäche sammelten
sich, wurden zu Wasserfällen und Flüssen.
Wir waren zwei Gemeinden, die sich einen Berg und
einen Gletscher teilten, wir hatten sie geteilt, solange wir
denken konnten. Die eine Wand des Bergs fiel senkrecht
ab, hier tosten die Schwesternfälle 711 Meter in die Tiefe,
zum See Eide, einem tiefgrünen Gewässer, das dem Dorf
seinen Namen gab und den dort lebenden Tieren und
Menschen Fruchtbarkeit brachte.

Eidesdalen, das Dorf von Magnus.
Die Leute in Eidesdalen sahen den Fjord nicht, sie
hatten keinen Salzgeschmack auf den Lippen, der
Salzgeschmack wurde nicht vom Wind weitergetragen, er
reichte nie bis dorthin, nie rochen sie das Meer dort
oben. So war er aufgewachsen.
Aber sie hatten ihr Wasser, Wasser ohne Geschmack,
Wasser, das alles zum Wachsen brachte, und er habe das
Meer nie vermisst, sagte Magnus später einmal.
Die andere Seite des Bergs war milder, sanfter abfallend,
hier sammelte sich das Wasser im Fluss Breio, dem
Fluss des Lachses und der Süßwassermuschel und der
Wasseramsel, es zwängte sich durch einen Spalt in der
Landschaft, formte ihn mit Millionen von Tropfen, mit
seinen Fällen und Stromschnellen und seinen ruhigen,
glatten Abschnitten. Wenn die Sonne schien, wurde er
zu einem leuchtenden Band.
Der Breio setzte seinen Weg fort bis nach Ringfjorden, und dort,
in der Gemeinde auf Höhe des Meeresspiegels, mündete der Fluss
ins Salzwasser, dort wurde das Gletscherwasser eins mit dem Meer.
Ringfjorden, mein Dorf. Von da an waren sie vereint, das
Gletscherwasser und das Meerwasser, bis die
Sonne erneut die Tropfen an sich zog, sie als Dampf in
die Luft hob, weiter hinauf, bis zu den Wolken, wo sie
die Schwerkraft überlisteten.

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