Man kann als Anwalt starten und dann noch die Kurve zum seriösen Kolumnisten kratzen
Unsere familiäre Situation hat sich gravierend verändert: Unser achtjähriger Sohn Leonhard hat mir gestern Abend eröffnet – ich schlug gerade Kirsten Boies „Thabo – Die Krokodil-Spur“ auf, um ihm daraus vorzulesen – dass er Philosoph werde. Nun ist es nicht so, dass ich der Ansicht bin, mein Sohn müsse unbedingt etwas „Anständiges“ lernen, wie man so sagt. Ich bin ja zunächst auch nur Lehrer und Rechtsanwalt geworden, ehe ich einen seriösen Beruf ergriff und Kolumnist wurde. Man kann also durchaus mit einem eher zweifelhaften Beruf anfangen und dann noch die Kurve kratzen. Aber Philosoph? Ich fühlte mich überrumpelt.
Affe war im Vergleich zu Philosoph doch ein bodenständiger Berufswunsch
„Warum denn Philosoph?“, fragte ich.
„Weil ich es gut finde“, war seine erhellende Antwort.
Die Buchstaben von Kirsten Boies leider nur mittelspannendem Krimi verschwammen vor meinen Augen. Philosoph! In diesem Moment wäre es mir lieber gewesen, er hätte wieder zurückgeschwenkt zu seinen früheren Berufszielen: Es gab Phasen in seinem Leben, da peilte Leonhard eine Zukunft als Affe bzw. Indianer an. Auch nicht toll, aber doch wohl besser als die Vorstellung, die nächsten Jahrzehnte einem zynischen Sloterdijk oder einem schlaumeiernden Richard David Precht Abend für Abend bei Wärmflasche und Kuschelhase Geschichten vorlesen zu müssen!
Wenn es um die Zukunft des Kinds geht, fährt man allerlei Argumente auf
„Du weißt schon, dass man, wenn man Philosoph werden will, erst mal die ganzen alten Philosophen lesen sollte?“, fragte ich.
„Was denn für alte Philosophen?“, wollte mein Sohn nun wissen.
„Na ja, halt die Werke von Sokrates oder Platon – und dann natürlich auch noch den ganzen Rest, der in den vergangenen zweieinhalbtausend Jahren von Philosophen so geschrieben wurde. Das ist ein Haufen Holz, mein Lieber.“ Leonhards Gesichtsausdruck war anzusehen, dass ich dabei war, ihm diese Schnapsidee auszureden. „Außerdem ist Philosophie lebensgefährlich“, legte ich nach. Doch das entpuppte sich als Fehler.
„Wieso denn das?“ Plötzlich wirkte Leonhard wieder interessierter. Für einen, der bis vor kurzem noch Affe beziehungsweise Indianer werden wollte, übte die Vorstellung von Todesgefahr offensichtlich einen gewissen Reiz aus.
„Nun, Sokrates wurde wegen seiner Philosophie zum Tode verurteilt.“
„Was?“, rief Leonhard staunend aus.
„Ja“, sagte ich. „Wegen Gottlosigkeit und weil man ihm vorwarf, die Jugend zu verderben. Vor allem aber, weil er ein sturer Bock war.“ Ich zögerte. Dann sagte ich: „Eigentlich genau wie du.“
„Ich bin kein sturer Bock!“, wehrte sich mein Sohn.
Ich verzichtete darauf zu sagen, dass man sture Böcke gerade daran erkennt, dass sie von sich behaupten, keine zu sein.
Da von mir nun gerade nichts mehr kam, meinte Leonhard: „Ich möchte trotzdem Philosoph werden.“
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