eBook-Händler räumt digitale Bibliotheken leer | BUCHSZENE

Verlieren auch Sie Ihre digitale Bibliothek? Im Sommer ist es für viele eBook-Fans so weit. Unser Kolumnist Jörg Steinleitner macht sich Gedanken über Bücherdiebe und zukunftssichere Privatbibliotheken.

Ein großer eBook-Händler wird im Juli die digitalen Bibliotheken seiner Kund*innen leerräumen

26. April 2019 | Kolumne: Jörg Steinleitner

eBook-Händler schließt im Juli

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Ein großer eBook-Händler räumt die Regale seiner Kunden leer

Jüngst las ich, dass einer der großen eBook-Anbieter seinen Bookstore schließen wird. Mit der Folge, dass wohl alle, die sich dort mit Lektüren eingedeckt haben, ab Juli 2019 vor leeren eBook-Regalen stehen werden. Ich kaufe meine Bücher ja hauptsächlich in der örtlichen Buchhandlung. Nun stelle ich mir vor, wie das wäre, wenn mein Buchhändler es wie dieser eBook-Store halten würde.

Man stelle sich mal vor, der eigene lokale Buchhändler bräche bei einem ein

Er würde eines Tages bei mir einbrechen. Er hätte vermutlich viele Kartons dabei und einen kleinen Lastwagen, denn ich habe einige Tausend Bücher. Und er würde anfangen, die Regale meiner privaten Bibliothek auszuräumen. All die guten Romane! All die interessanten Sachbücher! All die Kinderbücher, die ich mit meinen Töchtern und meinem Sohn viele Male gelesen habe!

Ich riefe um Hilfe, doch er würde seine Aktentasche zücken

Mit verbissenem Gesichtsausdruck würde er die Bücher in die Kartons räumen. Natürlich würde ich mich dazwischenwerfen. Denn ein Leben ohne Bücher ist sicherlich möglich, aber sinnlos. Doch er würde mich wegschubsen und wenn ich mich dann weiter wehren würde – ja, ich würde womöglich sogar um Hilfe rufen – dann würde er mit eiskaltem Lächeln in seine Aktentasche greifen.

Er würde sagen: Alle Bücher, die Sie gekauft haben, gehören Ihnen nicht

In dieser Aktentasche läge dann der Vertrag drin, den er mit mir vor langer Zeit abgeschlossen haben würde. Da würde drinstehen, dass ich all die Bücher, die ich bei ihm gekauft habe, zwar lesen dürfe, dass sie mir aber nicht gehörten. Wenn mich das störe, würde der Buchhändler süffisant anmerken, könne ich mich gerne an seinen Anwalt wenden. Aber natürlich sei das aussichtslos. Schließlich habe er, mein Buchhändler, diese Verträge schon so formulieren lassen, dass er mir jederzeit mein Bücherregal leerräumen könne und dürfe. Und jetzt tue er das eben. Basta.

Dies ist ein ganz reales Horrorszenario für Ihre digitale Bibliothek

Hört sich dieses Szenario für Sie an wie ein abwegiger Albtraum? Nun, wenn Sie Ihre Bücher beim örtlichen Buchhändler kaufen, dann ist es dies auch. Ihr lokaler Buchhändler wird den Teufel tun und bei Ihnen einbrechen, um Ihre Regale auszuräumen.

Im Sommer wird dieses Szenario für viele eBook-Besitzer Realität.

Aber all jenen, die ihre Bücher in digitaler Form erwerben, kann es eines Tages genau so ergehen. Der besagte eBook-Anbieter, der nun seine digitale Buchhandlung schließt, wird im Sommer sämtliche eBooks aus den digitalen Bibliotheken seiner Kundinnen und Kunden entfernen. Weil es sich um einen sehr großen, weltweit operierenden Konzern handelt, der um seinen Ruf fürchtet, wird er ihnen den Kaufpreis für jedes einzelne Buch erstatten. Dies natürlich nur aus Kulanz und ohne Anerkennung einer rechtlichen Pflicht. Die Verträge sind selbstverständlich so formuliert, dass er dies nicht tun müsste.

Ich halte dies übrigens für einen absolut untragbaren Zustand

Wegen mir kann jeder seine Bücher kaufen, wo er will. Aber alle, die sich eBooks kaufen, sollten sich bewusst machen, dass eines Tages auch ihr digitaler Buchhändler auf der Matte stehen und sein Eigentum zurückverlangen könnte. Denn auch, wenn wir jedes einzelne eBook bezahlt haben, so gehört uns keines von ihnen. Ich halte dies übrigens für einen untragbaren Zustand.

Aber da gibt es noch mehr, was mich ärgert

Auch ärgert es mich, dass die meisten eBook-Verträge es nicht erlauben, dass man gebrauchte eBooks verkauft, verschenkt, verleiht oder vererbt. Ich liebe jedes einzelne Buch, das ich von meinen Vorfahren geerbt habe. Es ist mir unvorstellbar, meine Bibliothek nicht an meine Kinder weitervererben zu dürfen. Auch möchte ich meine Bücher meinen Freunden schenken oder leihen, damit wir darüber sprechen können. Das Buch ist für mich ein Medium, das Gemeinschaft stiftet.

Nur eine Bibliothek ist vor digitalen Bücherdieben sicher

Wenn wir nun erstmals einen Fall erleben, in dem vielen begeisterten Leserinnen und Lesern die Regale ihres eReaders leergeräumt werden, sollte uns zu denken geben. Dass eBooks geringfügig billiger sind als Bücher zum Anfassen, kann mich nicht trösten. Wer eine zukunftssichere Bibliothek wünscht, sollte sich gedruckte Bücher kaufen, die man sich in echte Regale stellen kann. Die sind vor digitalen Bücherdieben sicher.

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.


Zur Biografie von Jörg Steinleitner


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