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„Musik und Verbrechen gehören für mich eng zusammen“

Autor: Jörg Maurer (2013) Foto: Derek Henthorn. Das Foto ist honorarfrei für Presse und Werbung der S. Fischer Verlage. Bitte geben Sie den Bildnachweis an! (Buyout, "Felsenfest")

1. Dezember 2011 | Interview: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten


Jörg Maurer über seinen dritten Roman „Niedertracht“, das Scharteln und andere bayerische Gepflogenheiten.


 

Herr Maurer, der dritte Roman Ihrer Alpenkrimi-Reihe heißt „Niedertracht“. Schon in diesem einzelnen Wort steckt jede Menge Phantasie. Was hört Ihr musikalisches Gehör da alles heraus?

Im Grundbass höre ich da das ewige menschliche Streben nach Rache, Vergeltung, Blutdurst und Schadenfreude heraus – im Althochgotischen heißt „trahein“ nicht nur „tragen, ziehen“, sondern auch „zu Tode schleifen“. Dann, in der zweiten Stimme, klingt natürlich das altgermanische „traechig“ heraus – das ist das, was man zu tragen und zu ertragen hat, also zum Beispiel die Tracht Prügel, eine Lederhose oder was das Schicksal sonst für einen bereithält.

Und sonst?

Natürlich klingt da noch Arglist mit, Bösartigkeit, Böswilligkeit, Boshaftigkeit, Bosheit, Garstigkeit, Gehässigkeit, Gemeinheit, Gift, Heimtücke, Hinterlist, Infamie, Lumperei, Niedrigkeit, Ruchlosigkeit, Schande, Schikane, Schlechtigkeit, Schufterei, Schurkerei, Schweinerei, Teufelei, Tiefstand, Tücke, Übelwollen, Unverschämtheit, Verruf, um nur einiges zu nennen. Ich habe mich schließlich für „Niedertracht“ entschieden. Das trifft es am genauesten.

Den Alpenländler beschreiben Sie in Ihrem herrlich sprachwitzigen Krimi als „Anarchisten, Gegner jeglicher Staatswillkür, Feind größerer Zusammenballungen von Kapital, Schwerindustrie und Ordnungszwang.“ Jetzt muss man sagen, dass Sie als Alpenkrimi-König ja quasi das heimliche Oberhaupt dieser gefährlichen Spezies Mensch sind. Was kann man zur Beruhigung nicht-bayrischer Menschen sagen?

Ich bin CSU-Kreisvorsitzender vom Werdenfelser Land. Nein, war ein Spaß. – Das wäre zudem auch nicht so richtig beruhigend! – Aber zur Beruhigung nicht-bayrischer Menschen kann ich eigentlich gar nichts sagen. Denn gerade der alpennahe Oberbayer ist der Randale und der Revolution nicht abgeneigt. Ich nenne nur die bekannten Beispiele: Der Schmied von Kochel, der Räuber Kneißl, der Wildschütz Jennerwein. Was aber weniger bekannt ist: Der berüchtigte Serienkriminelle John Dillinger war deutschstämmig und hatte seine Wurzeln im Tegernseer Land, der Mafiaboss Charles „Lucky“ Luciano verbrachte seine Jugend am Chiemsee. Und das Kindermädchen des französischen Revolutionärs Maximilien Robespierre stammte aus Mittenwald, also ganz nah bei Garmisch-Partenkirchen. Noch Fragen?

Ja: Gibt es Gründe dafür?

Nur einen. Den Föhn.

Die wüsten Mordtaten in Ihrem Buch haben etwas mit dem alpinen Klettern zu tun. Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen: Sie schauen jetzt nicht aus wie der Reinhold Messner oder einer der extremkletternden „Huberbuam“. Auf welcher der beschriebenen Strecken haben Sie Ihr Leben riskiert? Wie war’s?

Ich habe ein Fernglas. Aber ich hatte einen guten Berater, der alles abgeklettert ist. Das heißt: Insgesamt waren es drei Berater. Von den ersten beiden habe ich nie mehr etwas gehört.

Ihr Täter teilt die Menschen in Kampf- und Fluchttypen ein. Welcher Typ sind Sie – und wie äußert sich das wann?

Das müssten Sie meinen Taekwondo-Trainer fragen.

Ein Computerfuzzi, eine Frau, ein Kind – Ihre Verbrechensopfer sind von recht unterschiedlicher Natur. Inwiefern ist es legitim, seine Position als Kriminalschriftsteller auszunutzen und dem einen oder anderen Hass-Subjekt aus dem echten Leben eins mitzugeben?

Computerfuzzis, Frauen, Kinder? – so habe ich das noch gar nicht gesehen! Nein, ich finde, es ist umgekehrt: Wenn man eine Gruppe von Menschen richtig hasst, dann bringt man sie nicht im Roman, sondern im wirklichen Leben um die Ecke.

Diesen Kurort, in dem Ihr Kommissar Jennerwein ermittelt, beschreiben Sie in etwa so: „Gestärkte und auf turboweiß gebleichte Spitzenvorhänge vor quietschend blank geputzten Fenstern“, dahinter „lauert oft das nackte Grauen“. Welches Grauen zum Beispiel? Bitte plaudern Sie aus dem Alpen-Nähkästchen.

Nacktes Grauen: Blasmusik aus 0,5-Watt-Lautsprechern. Panierte, überbackene oder flambierte Weißwürste. Preußische Touristen, die versuchen, bayrisch zu sprechen. Warmes Weißbier. Jodelköniginnen. Die Bayern-Partei. Ist das nicht Grauen genug?

Ihr Buch weist einige Besonderheiten auf: Da sind Noten im Text verborgen. Da springt eine bildliche Gams durch die Seiten. Da verbergen sich Rätselfragen à la „Wer wird Millionär“ im Textfluss. Und schließlich gibt es anstatt Kapitelüberschriften Jodel-Sentenzen. Bitte klären Sie uns auf.

Jetzt mal im Ernst: Ein Buch ohne Noten – käme für mich nie in Frage. Musik und Verbrechen gehören für mich eng zusammen. Wie ließe sich sonst die Oper erklären? Die Gams: In der „Niedertracht“ spielt sie eine große Rolle, mit ihr ist das Böse verbunden. Mehr verrate ich nicht. Zu den Rätseln: Ich bin schon seit längerem Fragen-Autor für Jauchs „Wer wird Millionär?“ Einige Fragen wurden nicht genommen, wie zum Beispiel diese: „Wenn ich einen frisch eingerichteten Computer vollschreibe, wird der Computer dadurch a) schwerer, b) leichter, bleibt er c) gleich schwer, oder kommt es d) darauf an, welche Daten ich eingebe? Ich fand es schade um diese Fragen, darum habe ich sie im Roman verwendet. Und schließlich Jodeln. Gejodelt werden muss in einem Alpenkrimi, das versteht sich von selbst.

Wie gut jodeln Sie?

Naja, beim örtlichen Almsingen könnte ich nicht gegen die lokalen Jodel-Cracks bestehen. Aber ich habe in Barcelona mal in der Fußgängerzone, der legendären Ramblas, gejodelt, und da sind ein paar Leute stehengeblieben.

Die Mutter des Täters kommt demselben irgendwann auf die Schliche und malträtiert ihn mit der Schaufel. Was käme heraus, wenn ein Psychoanalytiker die Seele des Schriftstellers Jörg Maurer anhand dieser Szene analysieren würde?

Sigmund Freud schreibt in seiner Abhandlung über Mordwerkzeuge, „Die Wahl der Waffe und seine Beziehung zum Unbewussten“: „Die Schaufel als Tatwerkzeug zeigt den infantilen Charakter des Täters. Er steht nicht zu seiner Tat. Denn die Schaufel ist die einzige Tatwaffe, mit der man das Opfer nicht nur töten, sondern anschließend auch verschwinden lassen kann.“ Ich bin übrigens nicht ganz Freuds Meinung: Konzentrierte Salpetersäure leistet diese Doppelfunktion ebenfalls.

Waren Sie schon mal auf einer Couch? Wie war das?

Ja, schon oft, abends, beim Fernsehen. Wie es war, daran kann ich mich nicht erinnern, bei dem Programm schlafe ich meistens ziemlich schnell ein.

Vom Scharteln haben wir bis zur Lektüre Ihres Romans noch nie etwas gehört. Bitte erläutern Sie diese Liebestechnik – und geben Sie zu: Die haben Sie erfunden!

Nein, habe ich nicht! Das ist sogar eines der wenigen Dinge in der „Niedertracht“, die authentisch sind. Ein Großonkel von mir hat mir das erzählt. Also: Ein Liebespaar trägt ein Brett auf den Berg. Ein Zweitausender sollte es schon sein. Dieses Brett wird nun so platziert, dass es mit der einen Hälfte auf dem Boden liegt, mit der anderen über den Abgrund ragt. Der Bursch stellt sich auf das Brett, das Mädchen geht vorsichtig an ihm vorbei, bis zum freistehenden Ende. Jetzt werden luftige, aber umso ernsthaftere Liebesschwüre getauscht, dann geht das Mädchen wieder zurück – und man wechselt die Plätze. Wenn man sich wirklich liebt, was sind da schon ein paar Hundert Meter …

Eine letzte Frage. Wir fordern eine ehrliche Antwort. Es gibt auch eine Beichtszene in Ihrem Krimi. Wann waren Sie zuletzt im Beichtstuhl und was haben Sie gebeichtet?

Das sind aber jetzt wirklich intime Fragen! Also gut, wenn es denn unbedingt eine ehrliche Antwort sein soll: Vor ziemlich genau einem Jahr, da war ich in einem Beichtstuhl. Ich habe für die Niedertracht recherchiert, und wollte mal sehen, wie so ein Beichtvater auf dem Land auf ein kapitales Geständnis reagiert. „Vater, ich habe einen Mord begangen“, sagte ich in dem engen, dunklen Gestühl. „Sehr witzig!“, sagte der Pfarrer. „Sie sind heute schon der dritte Krimiautor. Raus hier!“

Jörg Maurer
Jörg Maurer

Jahrelang betrieb er die Kabarettbühne „Unterton“ in München. Heute lebt er in Garmisch-Partenkirchen und schreibt die Krimis um Kommissar Jennerwein.
Zur Biografie von Jörg Maurer

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Jahrelang betrieb er die Kabarettbühne „Unterton“ in München. Heute lebt er in Garmisch-Partenkirchen und schreibt die Krimis um Kommissar Jennerwein.
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