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Herr Sachs, der 20. März 2020 war der Tag der letzten Ausstrahlung einer Folge der „Lindenstraße“. Wie ging es Ihnen, als Sie vor Monaten davon erfuhren?
Das war natürlich erstmal ein großer Schreck. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir nicht damit gerechnet. Mein erster Gedanke war: Was wird nun mit meinen Freunden und Kollegen dort? Ich habe schnell mein Telefon ausgeschaltet und bin in die Produktion gefahren, um mit unseren Produzenten zu sprechen und meine Kollegen zu sehen, den Rest des Tages habe ich dann mit Pressearbeit verbracht.
Sie spielten, seit sie sieben Jahre alt waren – seit 34 Jahren also – die Figur des Klaus Beimer. Können Sie sich ein Leben ohne „Lindenstraße“ überhaupt vorstellen? Fällt man da nicht in ein sehr tiefes, dunkles Loch?
Bisher ist das Loch ausgeblieben. Das Abschiednehmen war schlimmer. Ich habe viel zu tun, auch weil die Lindenstraße mich noch immer beschäftigt, durch Medienarbeit, Abwicklung und so weiter. Aber ich muss zugeben, dass ich dahingehend schon Sorge hatte. Ich kann mich ja nicht einmal daran erinnern ohne die „Lindenstraße“ gewesen zu sein. Längere Drehpausen gab es immer mal wieder, einige Wochen ohne Dreh sind für mich also normal. Ich rechne fest damit, dass noch der eine oder andere harte Tag auf mich zukommt, wenn noch einige Monate ins Land gegangen sind.
Wie kamen Sie seinerzeit überhaupt zur „Lindenstraße“?
Ich wurde beim Spielen im Park von einer Fotografin auf der Suche nach Kindern für Film, Theater und Werbung für „süß“ befunden und fotografiert. Über dieses Bild rutschte ich zufällig in die Auswahl der Jungs, die für Klaus in Frage kamen.
Sie waren ein Grundschulkind, als Sie berühmt wurden. Man holte sie nach der Schule ab und Sie mussten den Nachmittag über drehen. Haben Sie sich jemals unter Druck oder gestresst gefühlt?
Natürlich, aber nicht durch den Dreh selbst. Das hat mir schon immer Spaß gemacht. Die riesige öffentliche Aufmerksamkeit im Kindesalter war da schon ein anderes Thema, das war nicht immer leicht. Mein Arbeitspensum wurde zum ersten Mal richtig stressig, als ich Zivildienst machte. Da habe ich viele Wochen, zum Teil Monate, ohne Pause und freie Tage durchgearbeitet, um beiden Jobs gerecht werden zu können.
Ihre Mitschüler waren zunächst nicht begeistert von Ihrer Rolle.
Nein, ich hatte durch meine Rolle eine Ausnahmestellung. Das mögen Kinder oft nicht. Ob zu dick, dunkler oder heller als die anderen, rote Haare, Brille, Streber oder eben Schauspieler … eine Abweichung von der vermeintlichen Norm führt oft zu Ärger. So war es auch bei mir. So wurde ich regelmäßig auf dem Schulweg angegriffen. Besonders heftig war es, als mir noch in der Grundschule ein Messer an den Hals gesetzt wurde.
Das ist ja krass! Die „Lindenstraße“ hatte viele Jahre lang zehn Millionen Zuschauer. Mit einem Mal kannte Sie praktisch jeder in Deutschland. Wie wirkte sich das auf Ihren Alltag aus?
Meine Bewegungsfreiheit war in der Zeit sehr eingeschränkt. Wo immer ich hinkam, musste ich damit rechnen, dass ich erkannt wurde und schlagartig im Mittelpunkt stand. In der Kölner Innenstadt konnte es schon mal eine Stunde dauern, wenige hundert Meter zurückzulegen. Die eine oder andere Veranstaltung musste unterbrochen werden, wenn ich da war, dann musste ich erstmal Autogramme schreiben.
Wenn Sie die Persönlichkeit von Klaus Beimer mit Ihrer eigenen vergleichen – wo sind Sie sich ähnlich, und wo gänzlich unterschiedlich?
Klaus und ich sehen zum Beispiel recht ähnlich aus. Wir sind im gleichen Alter und auch stimmlich sind wir nah beieinander. Er ist etwas ruhiger als ich, war lange eher ein Mitläufertyp, das bin ich beides eher nicht. Der Lebenslauf unterscheidet sich natürlich deutlich. Dreimal verheiratet, Ex-Nazi, alleinerziehender Vater, all das kann man von mir nicht sagen.
Meinen Sie, dass der Klaus, den Sie spielen mussten, auch Ihren Charakter als Moritz verändert hat?
Das ist für mich im Grunde nicht einschätzbar. Ich war zu klein, als ich als Klaus angefangen habe. Was, wer und wie ich geworden bin, lässt sich daher wohl nicht von meiner Tätigkeit als Schauspieler trennen. Ich bin mir sicher, dass es großen Einfluss auf mein Leben hatte, aber welchen genau – wie will man dies herausfinden? Umso spannender ist es für mich nun zu sehen, was ein Leben ohne „Lindenstraße“ mit mir macht.
Lassen Sie uns noch ein wenig über die Highlights und Katastrophen der 34 Jahre „Lindenstraße“ sprechen. Was waren für Sie die schönsten Episoden der Geschichte?
Für mich als Schauspieler sind natürlich Geschichten toll, in denen ich selbst etwas Spannendes zu spielen habe. Das war immer dann, wenn es für Klaus große Veränderungen oder Einschnitte gab. Als er zum Nazi wurde, zum Beispiel. Das war auch deshalb so spannend, weil es zeitlich genau mit den Attacken auf Flüchtlingsheime in Solingen, Rostock und Hoyerswerda zusammenfiel. Das war eine wichtige und aufregende Geschichte für mich. Allgemein sind natürlich der erste Aids-Tote in einer Serie und der erste schwule Kuss im deutschen Fernsehen zu nennen, die viel ausgelöst haben. Besonders ist mir die Licht-aus-Aktion von Benny Beimer in Erinnerung geblieben, in der wir gegen die Nutzung von Atomkraft demonstrierten. Aber um ehrlich zu sein, in 34 Jahren ist so viel passiert. Da könnte ich ewig weitermachen.
Und welche Episoden fanden Sie furchtbar?
Das waren sicher auch so einige, aber die habe ich meist schnell vergessen, im eigenen Interesse. Wenn wir allzu moralisierend wurden, war es jedenfalls nicht so toll. Dann gab es auch noch so manche Folge, in der man meinen konnte, dass das ganze Leben ein einziger Schicksalsschlag sei.
Ist Ihnen irgendetwas peinlich, was Sie als Klaus Beimer gemacht haben?
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