Hörbuch-Macher: Die Media-Paten im Interview | BUCHSZENE

Charlize Theron und George Clooney gehen bei den Media-Paten Mike Friedrich und Mike Götze ein und aus. Also jedenfalls die deutschen Stimmen dieser Stars. Ein Gespräch über die Kunst des Hörbuch-Machens.

Mike Friedrich und Mike Götze machen Hörbücher – im Interview erklären sie, wie das geht

15. April 2019 | Interview: Jörg Steinleitner

Titelbild Die Media-Paten

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Herr Götze, Herr Friedrich, es muss sich fantastisch anfühlen, wenn im eigenen Tonstudio Charlize Theron, George Clooney und Marlon Brando ein- und ausgehen!

Mike Götze (MG): Ja, das tut es. Aber das wirklich Tolle daran ist, dass alle Synchronsprecher ganz normale Menschen sind, mit denen man über ganz profane Dinge wie Urlaub, Kinder etc. sprechen kann. Am Telefon ist es dann nochmal was anderes. Da hört man ja die Stimme pur und hat kein Gesicht. Da habe selbst ich manchmal noch das Gefühl, mit Bruce Willis persönlich zu sprechen.

Wie schafft man es, derart prominente Synchronsprecher und Schauspieler von einer Agentur zu überzeugen?

Mike Friedrich (MF): Wir betreiben seit 2007 unsere Sprecheragentur mit angeschlossenen Tonstudios und vertreten unsere Sprecherinnen und Sprecher seitdem in allen Belangen rund ums Sprechen. Sie sollen das machen, was sie am besten können: vor dem Mikrofon schauspielern, Hörbücher einlesen, Werbung sprechen. Wir kümmern uns um den Rest. Wir haben das Vertrauen unserer Synchronschauspieler und das spricht sich rum.

MG: Wir betreuen ja auch viele Großkunden aus dem deutschsprachigen Raum, teilweise direkt, teilweise über Agenturen. Die meisten brauchen Sprachaufnahmen mit bekannten Stimmen für Werbung im TV, Online, Radio oder Kino. Auch intern kommen viele unserer Sprecher*innen zum Einsatz, sei es die Weihnachtsfeier bei Daimler Benz oder ein Mitarbeiter-Event einer Versicherung. All diese Anliegen müssen im Interesse der Sprecher*innen verhandelt, betreut und produziert werden, immer unter Berücksichtigung der verschiedenen Ansprüche und Arbeitszeiten.

Arbeiten Sie auch für Fernsehsender?

MG: Ja, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich und der Schweiz. Diese Sender und deren diverse Sparten-Kanäle bestücken wir mit unserem Sprecherteam. Sei es die Besetzung der Stationvoice oder die verschiedenen Trailer, die pro Sender zum Einsatz kommen.

Aber Sie haben ja längst nicht nur Hollywoodstars im Angebot?

MF: Stimmt. Unsere Agentur betreut rund 3.000 Sprecher*innen. Davon sind ca. 1.000 professionelle deutsche Sprecher*innen, die restlichen 2.000 verteilen sich auf Native Speaker. Hier arbeiten wir zu 99 Prozent mit Muttersprachlern aus den jeweiligen Ländern. Oft ist es nämlich so, dass z.B. ein Italiener, der seit 20 Jahren in Deutschland lebt, nicht mehr hundertprozentig so klingt, wie ein Sprecherkollege, der tatsächlich noch im Heimatland wohnt.

Und all diese tollen Sprecher*innen kann man dann bei Ihnen auch für Hörbücher buchen?

MG: Ja, natürlich! Aber es gibt auch Sprecher*innen in unserer Agentur, die für Hörbuchaufnahmen nicht zur Verfügung stehen. Es ist schon eine besondere Kunst, fünf Stunden am Stück still zu sitzen und ausdrucksstark vorzulesen. Aber wir wissen genau, wer Lust und besonders viel Freude an dieser Arbeit hat. Von daher sprechen wir auch schonmal eine Empfehlung an unsere Kunden und Verlage aus.

Einer Ihrer Spezialbereiche ist zudem die Hörbuchproduktion. Was sind für Sie die Hörbuch-Highlights, die in Ihren Studios aufgezeichnet wurden?

MF: Ehrlich gesagt ist für uns immer genau das Buch ein Highlight, das wir gerade vertonen. (Mike Friedrich lacht) Aktuell nehmen wir für Hörbuch Hamburg das Buch „Das Spiel des Barden“ auf, eine 28-stündige Fantasygeschichte, an der elf verschiedene Sprecher beteiligt sind. Da ist es schon ein Highlight, allen Verlags- und Sprecherwünschen gerecht zu werden. Aber wir haben es geschafft und sind mittendrin und sehr gespannt, wie sich das Endergebnis anhört. Tolle Bücher waren zum Beispiel „Der Bruder“ von Joakim Zander, gelesen von Ulrike Hübschmann, „Das Kartell“ von Don Winslow, gelesen von Dietmar Wunder oder auch „Chateau Mort“ von Alexander Oetker, gelesen von Frank Arnold.

Gibt es Sprecher, mit denen Sie besonders häufig zusammenarbeiten?

MF: Es gibt durchaus ein paar Sprecher*innen, die öfter bei uns lesen als andere. Das liegt einfach daran, dass es Sprecher gibt, die hervorragende Hörbuchsprecher sind, dies sehr gern machen und fast täglich lesen. Zudem haben viele dieser Sprecher*innen eine große Anhängerschaft, Fans, die Hörbücher kaufen, weil diese von ihrem Lieblingssprecher gelesen werden. Das ist ein nicht zu unterschätzender Faktor für den Verkauf der Bücher.

MG: Ein gutes Beispiel hierfür ist Detlef Bierstedt, u.a. die deutsche Synchronstimme von George Clooney. Ein toller Sprecher, der praktisch fehlerfrei liest und neben seiner Beliebtheit bei den Hörbuchfans auch für eine Produktion viele Vorteile mitbringt. Dank seiner geringen Fehlerquote haben wir als Studio wenig Nacharbeit in der Postproduktion. Das ist für uns natürlich sehr gut, auf der anderen Seite erhöht es die Qualität der Gesamtproduktion, da kaum editiert werden muss.

Die Media-Paten

Was macht einen guten Hörbuch-Sprecher aus?

MF: Für das Publikum sicherlich der Klang der Stimme und wie es der oder die Sprecherin schafft, den Hörer in ihren Bann zu ziehen. Da muss eine Geschichte glaubhaft erzählt und Spannung erzeugt werden, den verschiedenen Charakteren muss Leben eingehaucht werden.

MG: Für uns als Studio sind aber auch andere Faktoren wichtig: Wie textsicher ist der Sprecher, wie oft verliest er sich pro Seite und wie lange hält er am Stück durch? Es gibt tatsächlich Kollegen, die prima vista lesen. Nicht, weil sie keine Lust haben, das Buch vorzubereiten, sondern weil sie sich in die Geschichte fallen lassen wollen, ohne das Ende zu kennen. Andere lesen das Buch vorab zweimal durch und machen sich in jedem Satz Notizen. Beides ist legitim – schlussendlich muss man sagen, dass ein gut vorbereitetes Buch in der Produktion oft reibungsloser läuft.

Was mögen Sie am Hörbuch als Medium?

MF: In unserer heutigen Zeit ist alles sehr hektisch und viele Menschen haben einen durchgetakteten Tagesablauf. Da bleibt wenig Zeit, um ein Buch in die Hand zu nehmen und selbst zu lesen. Wenn man aber nicht auf Literatur verzichten möchte, ist das Hörbuch ein wunderbares Medium, um mit wenig Zeit Literatur zu genießen bzw. sich weiterzubilden. Ein Hörbuch ist zu weiten Teilen ein Nebenbei-Medium – das ist ein Vorteil gegenüber dem klassischen Buch.
Egal, ob beim Autofahren, beim Bügeln oder zum Einschlafen, vielen Menschen eröffnet das eine völlig neue Welt. Hörbücher werden ja auch gerne beim Joggen oder früh in der U-Bahn gehört.

MG: Und – ganz wichtig: Das Hörbuch-Hören entspannt!

Wie läuft so eine Hörbuchaufnahme bei Ihnen ab?

MG: Wir bekommen meist eine Anfrage per E-Mail oder telefonisch, ob wir Zeit und Lust haben, einen bestimmten Titel zu produzieren. Manchmal hat der Verlag schon alles mit dem Sprecher geklärt, manchmal nicht. Wir kümmern uns darum, passende Aufnahmetermine zu finden und die Produktion durchzuplanen.

MF: Wichtig ist herbei, dass die Aufnahmetage nicht zu weit auseinanderliegen, damit Tonmeister, Regie und Sprecher im Thema bleiben. Nach der Sprachaufnahme beginnt der Tonmeister direkt mit dem ersten Edit und entfernt Schmatzer, Spratzler, Spuckebläschen, Magenknurren, Dopplungen, zu laute Atmer und alles, was den Hörgenuss stören könnte. Wenn diese Fassung fertig ist, beginnt unsere Korrekturhörerin, das Buch nochmal ganz genau abzuhören und erstellt ein Fehlerprotokoll. Das bekommt dann der Tonmeister zurück und bügelt alles nochmal glatt. Jetzt erstellen unsere Tonmeister die Master-Datei für das CD-Presswerk. Wird der Titel nur als Download zur Verfügung gestellt, muss die gesamte Aufnahme in kleine Stücke von maximal zwei Minuten zerteilt werden.

MG: Das sind bei einem 28 Stunden Hörbuch ganze 840 Audiodateien.

Sind berühmte Schauspieler*innen eigentlich schwierig?

MF: Eigentlich nicht. Die meisten berühmten Kolleg*innen mögen klare Regieanweisungen, mit denen Sie arbeiten können. Die Hörbuchregie muss also voll im Stoff stehen, um der Sprecher*in jederzeit den Subtext, die Haltung, Aussprache oder eine bestimmte Situation erklären zu können. Einen Text vorzusprechen ist übrigens keine Regieanweisung. Darauf reagieren viele Sprecher*innen oft nicht so begeistert.

MG: Da wir gelegentlich auch mit älteren Sprecher*innen arbeiten, die teilweise 90 Jahre alt sind, gibt es durchaus einige Besonderheiten. Einige von ihnen stehen nur wenige Stunden pro Tag zur Verfügung oder brauchen öfter eine Pause. All das wissen wir natürlich vorab und berücksichtigen es bei der Disposition bzw. der Gesamtplanung für das jeweilige Hörbuch.

Sitzen Sie auch selbst mit im Studio?

MF: Eher selten. Unser Job ist es, alles soweit vorzubereiten, dass die Sprachaufnahme inklusive der Nachbearbeitung reibungslos abläuft. Das jedes Rädchen im Produktionsablauf zur richtigen Zeit greift und alles zum gewünschten Zeitpunkt fertig wird. Ich schaffe es nicht, jedes einzelne Buch anzuhören, aber wenn ich zwischen unseren beiden Standorten Berlin und Leipzig pendle, läuft schon das ein- oder andere Hörbuch in meinem Auto.

Mit welcher Technik zeichnen Sie die Hörbücher auf?

MG: Wir sind der Überzeugung, dass der Raum für die Sprachaufnahme genauso wichtig ist, wie die Auswahl des Sprechers. Von daher legen wir extrem großen Wert auf den Klang des Raums – nicht zu trocken aber auch nicht verhallt. Die Aufnahmesituation muss für die Sprecher*in komfortabel sein.

MF: Tageslicht, Frischluft und Klimatisierung sind sehr wichtig, wenn man für mehrere Stunden in einem Raum sitzt. Alle unsere Studios sind mit dem nötigen Komfort ausgestattet, so dass bequem über mehrere Stunden aufgenommen werden kann. Dass die Sprecher sich wohl fühlen und eine angenehme Zeit haben, ist ein Muss.

MG: Auch bei den Mikrofonen setzen wir technisch auf hohe Qualität: Wir benutzen das Neumann U87 AI und das Neumann TLM 103. Als Mikrofonvorverstärker sind unsere Studios mit einer Manley Voxbox ausgestattet.
Zusätzlich haben wir einige alternative Mikrofone und Vorverstärker, die wir bei Bedarf einsetzen bzw. austauschen.

Die media-Paten Studio 4

Welchen Service bieten Sie Verlagen über die Aufnahme eines Hörbuchs hinaus noch an?

MG: Im Grunde versuchen wir, den Verlagen die Arbeit so einfach wie möglich zu machen. Wir kümmern uns um Sprecherdisposition, Recherche, Aussprache, Honorarverhandlungen, Produktion, Postproduktion und Korrekturhören.

MF: Der Verlag kann bei uns einfach das Skript abgeben und wir organisieren alles bis hin zum finalen Hörbuch. Erfahrungsgemäß haben die meisten Verlage aber eigene Workflows, so dass z.B. die Regie oder das Abhören auf der Verlagsseite passiert. Das wird von Projekt zu Projekt einzeln abgestimmt.

MG: Als kleinen Bonus für die Verlage führen wir, dem Einverständnis der Sprecher*innen vorausgesetzt, noch ein Interview vor der Kamera und erstellen für die Sozialen Medien einen kurzen Clip zur Bewerbung des Buchs.

Das hört sich ziemlich teuer an – ist Ihr Angebot dann eher was für die ganz Großen der Branche?

MF: Da machen wir keinen Unterschied. Wir haben einen marktkonformen Herstellungspreis, der natürlich mal schwanken kann, aber grundsätzlich auch für kleinere Verlage interessant ist. Der Preis hängt allerdings auch von der „Komplexität“ des Buchs ab. Denn es gibt durchaus Unterschiede im Schreibstil der Autor*innen. So hat man z.B. in einem Buch mit vielen Fremdwörtern einen höheren Aufwand bei der Recherche zur Aussprache. Ähnlich verhält es sich bei Büchern mit komplexen Satzstrukturen. Hier ist gute Vorbereitung das A und O, damit in der Aufnahme weniger häufig neu angesetzt werden muss.

MG: Es kommt auch vor, dass Sprecher*innen vom Verlag gebucht werden, die wenig oder keine Erfahrung im Lesen von Hörbüchern haben. In diesem Fall kann man davon ausgehen, dass der Aufwand etwas größer ist. Einfach dadurch, dass die Sprecher*in deutlich mehr Zeit braucht, um eine vorgegebene Textmenge zu lesen.

MF: Aber wir haben für derlei Probleme noch immer eine Lösung gefunden. Wir sehen uns als Partner der Verlage, eben als „Die Media-Paten“, die sich wirklich um alles kümmern.