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Tina Rausch rezensiert die Romane von Hanya Yanagihara und Alice Adams

Hanya Yanagihara und Alice Adams

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4. Juli 2017 | Tina Rausch | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Die Ausgangssituation scheint dieselbe, die Geschichten könnten unterschiedlicher kaum sein – zwei Autorinnen begleiten vier junge Freunde in die Erwachsenenwelt: „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara und „Als wir unbesiegbar waren“ von Alice Adams.


Nun liegt ihnen die Welt zu Füßen

Im Sommer 1997 fühlen sich Eva, Benedict und die Geschwister Lucien und Sylvie frei wie nie zuvor. Sie haben die Uni in Bristol absolviert, nun liegt ihnen die Welt zu Füßen. Ob man wie Lucien und Sylvie auf Reisen gehe, sich wie Eva ins Arbeitsleben stürze oder wie er eine Unikarriere als Physiker anstrebe, spiele im Grunde keine Rolle, sagt Benedict zu Sylvie: „Wir suchen doch alle nach Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Vielleicht findest du Erleuchtung in einem Aschram, und ich finde sie in einem Teilchenbeschleuniger, aber die Fragen sind die gleichen.“

„Als wir unbesiegbar waren“ entfaltet vier grundverschiedene Lebensläufe

20 Jahre, vom Sommer 1995 bis zum Sommer 2015, lotst Alice Adams in „Als wir unbesiegbar waren“ vier junge Menschen durch ihre Lebens-, Liebes- und Freundschaftsphasen. Den meisten Raum nimmt die als Jugendliche eher unscheinbare Eva ein. Nun legt sie eine Blitzkarriere in der Londoner Finanzwelt hin, während ihre hübsche, selbstbewusste und erfolgsverwöhnte Freundin Sylvie als Künstlerin versagt. Der heimlich in Eva verliebte Benedict gründet überstürzt eine Familie mit einer anderen Frau, und der lässige Lucien verdient sich sein Geld im nächtlichen Clubtreiben.

Oft liegen Monate zwischen den kurzen Kapiteln, denn Adams interessieren vor allem die Momente, in denen sich die Wege ihrer Protagonisten über die Jahre hinweg kreuzen. So bleibt einiges unerzählt, und doch entfaltet die Autorin in diesem Debüt vier grundverschiedene, schlüssige Biografien. Dabei kommen alle vier an einen Punkt, der ihren bisherigen Lebensentwurf tief erschüttert, sie auf sich selbst, ihre Freundschaft und die großen Fragen zurückwirft. „So ist das wohl, wenn man erwachsen wird. Alle treiben in unterschiedliche Richtungen davon“, sagt Eva zu Benedict. „Manchmal sehe ich mir meine Arbeit und meine Wohnung und mein Auto an und kann kaum glauben, dass die Leute mich für eine Erwachsene halten und ich das alles haben darf. Aber es stimmt, oder?“

Im Mittelpunkt von Hanya Yanagiharas Roman „Ein wenig Leben“ steht ein rätselhafter junger Mann

Einen noch größeren Zeitraum als Alice Adams umspannt Hanya Yanagihara in ihrem fast tausendseitigen Roman „Ein wenig Leben“. Yanagiharas vier Protagonisten Jude, Willem, Malcom und JB sind noch keine zwanzig, als sie sich im College in New England ein Zimmer teilen und über die nächsten dreißig Jahre einander eng verbunden bleiben. Im Mittelpunkt steht der rätselhafte Jude, der seine Herkunft sogar vor seinen Freunden verbirgt – „so als hätte es sie nie gegeben, als hätte man ihn auf dem College frisch ausgepackt und einen Schalter an seinem Halsansatz umgelegt, woraufhin er zappelnd zum Leben erwacht wäre“.

Ein Schauspieler, ein Künstler und ein Architekt in New York

Wie Adams verfolgt Yanagihara auch die Wege ihrer anderen Figuren; erzählt, wie Willem als Schauspieler, JB als Künstler und Malcom als Architekt in New York Karriere machen, sie sich in Frauen und Männer ver- und entlieben. Doch je weiter die Geschichte voranschreitet, desto enger zieht sie den Kreis um Jude und seine finstere, schmerzvolle Welt – bis man als Leser fast darin versinkt. Denn Yanagihara lässt nichts unerzählt. Immer tiefer durchdringt sie Judes Vergangenheit, entwirrt seine zwanghaften Gedankenspiralen, die seine Existenz und seine zwischenmenschlichen Beziehungen gefährden. „Ich glaube, der Trick bei Freundschaften besteht darin, Menschen zu finden, die besser sind als man selbst“, sagt Jude zu seinem Nachhilfeschüler Felix, „und sie dann für das wertzuschätzen, was sie dir beibringen können, und ihnen zuzuhören, wenn sie dir etwas über dich sagen, ganz egal wie schlecht – oder gut – es ist, und ihnen zu vertrauen, was der schwierigste Teil ist. Aber auch der beste.“

Torben Kesslers Lesung von „Ein wenig Leben“ ist unvergesslich gut

Von genau diesem Versuch Judes – sich anderen zu öffnen und dadurch verletzlich zu werden – handelt Yanagiharas unfassbar intensiver Roman. In den USA der Sensationserfolg 2015, landete er auch hier zu Recht sofort auf der Bestsellerliste. Und wer sich das vom Schauspieler und Sprecher Torben Kessler über 30 Stunden lange, ganz behutsam eingelesene Hörbuch anhört, wird diese gebrochene Hauptfigur wohl nie wieder los. „Ich bin der Welt abhanden gekommen“, singt der angehende Anwalt Jude einem Richter im Bewerbungsgespräch vor. Das Gedicht von Friedrich Rückert ginge auch als Motto des Romans durch. Alice Adams hat ihrem Buch hingegen ein Zitat von Albert Camus vorangestellt. Physisch und psychisch ausgebrannt flüchtet sich Sylvie aus London zu ihren Großeltern nach Frankreich. Dort entdeckt sie Camus‘ autobiografischen Essay „Heimkehr nach Tipisa“ und schöpft daraus neue Kraft: „Mitten im Winter erfuhr ich endlich, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer ist.“

 

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