Herr Bliesener, der Held Ihres Romans „Die Watson-Legende“ erhält im Jahr 1964 den Auftrag, einen Agentenaustausch in Ost-Berlin durchzuführen. Doch schon bald wird diese Mission um ein nicht unbedeutendes Detail erweitert …
Ja, Carl Janson soll einen Mann töten. Das ist für ihn nun keine große Überraschung, denn er ist ja Geheimagent und Profikiller. Doch ist er von Berufs wegen misstrauisch. Deshalb hat er ein seltsames Gefühl, als ihm der britische Unterhändler den Auftrag für einen Agentenaustausch unterbreitet. Denn eigentlich gibt es für so etwas besser geeignete Experten. Carl Jansons Fachgebiet ist wie gesagt eher das Töten. Aber er nimmt den Auftrag aus persönlichen Gründen an und lässt sich entsprechend gut bezahlen. Denn eigentlich will er längst nicht mehr diese Drecksarbeit erledigen, vor der sich die offiziellen Regierungsbehörden und sogar die meist nicht zimperlichen Geheimdienste drücken.
Janson hat die Nase voll vom Töten …
… und er will nicht mehr länger den Kopf für andere hinhalten. Bald erfährt er, dass sein Instinkt ihn nicht im Stich gelassen hat. Denn statt schlicht einen westlichen Agenten gegen einen Spion aus dem Osten zu tauschen, haben die Strippenzieher im Hintergrund andere riskante Pläne. Einige davon folgen nur persönlichen Interessen, auch wenn sie unter dem Deckmantel von Staatsinteressen verfolgt werden. Und Janson sitzt bald zwischen den Stühlen der politischen Systeme, die unsere Welt damals in zwei Hälften teilen. Hier der kapitalistische Westen und dort der kommunistische Osten. Die Grenze verläuft zu dieser Zeit nicht nur durch das seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs geteilte Deutschland, sondern schneidet in Form der Mauer tief ein in das Fleisch Berlins.
Janson erledigt im Auftrag von Geheimdiensten Jobs, die andere sich nicht zutrauen. Er verfügt über außergewöhnliche Fähigkeiten.
Ja, er tötet Menschen für Geld und im Auftrag von Regierungen. Dass sein Auftraggeber dabei ein Geheimbund ist, den die westlichen Geheimdienste ins Leben gerufen haben, um nicht selbst die Schmutzarbeit machen zu müssen, ist ein Hinweis auf die Unmoral des Geschäfts mit Informationen dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs zu dieser Zeit. Und daran hat sich wahrscheinlich bis heute wenig geändert.
Wenn man Carl Jansons Kindheit anschaut, sieht man: Er wurde gezielt zu dem gemacht, was er ist. Aber er hat auch einen gewissen Berufsethos.
Stimmt. Er ist ein Killer mit einem Hauch von Anstand, der keine Unschuldigen, Frauen und Kinder tötet. Und wie Sie sagen: Er macht es nicht aus Freude, sondern weil er als junger Mensch dazu gedrillt wurde. Das unterscheidet ihn von anderen seiner Branche, für die das Geschäft des Tötens beinahe eine Passion zu sein scheint, eine Art Freibrief, um ihre niederen Instinkte auszuleben. So einer ist Janson ganz sicher nicht. Außerdem erfüllt er seine Aufträge am liebsten ohne Waffen, leise, geräuschlos und unblutig. Aber effektiv. Das bringt ihm den Ruf ein, einer der Besten zu sein. Das ist Segen und Fluch zugleich. Janson ist kein schlechter Mensch, kein böser Charakter. Aber ein Gutmensch ist er natürlich auch nicht. Aber das war James Bond in den Romanen von Ian Fleming auch nicht. Er trank viel zu viel Alkohol, schlug Frauen und tötete Menschen ohne mit der Wimper zu zucken. Und trotzdem wurde er zum Superstar.
Er arbeitet für einen Geheimdienst namens Central Secret Operation Service. Gab es so eine Institution wirklich?
Nein, zumindest wüsste ich nichts davon. Der CSOS ist komplett meiner Fantasie entsprungen. Aber dass Geheimdienste im Zweifel vor Tötungen nicht zurückschrecken, ist nicht neu. Da die Welt in den 60er-Jahren ein regelrechtes Pulverfass war – man erinnere sich an die Kuba-Krise – reichte damals ein Funke, um einen erneuten Weltenbrand zu entfachen. Deshalb dachte ich mir, dass es doch theoretisch möglich gewesen wäre, dass die Geheimdienste des Westens, die sich ja gerne in der Rolle der Guten darstellen, eine Organisation ins Leben rufen, die abseits von Bürokratie und gängigen Befehlsketten agiert. Und so habe ich den CSOS erschaffen, der ein Gegenstück zu Smersch sein könnte, der entsprechenden Abteilung des russischen KGB.
Ihr Thriller spielt u.a. in Berlin, London und Helsinki. Sie erwähnen viele Originalschauplätze. Auch sonst ist Ihr Roman detailreich. Wie haben Sie recherchiert? Waren Sie auch vor Ort?
Ich bin ein großer Fan von Geschichten mit historischen Hintergründen, die vor entsprechender Kulisse spielen. Dazu gehört der Bezug zu Personen der Zeitgeschichte oder zu passenden Orten. Das macht die Recherche aufwendig. Ich habe mit vielfältigen Quellen in Büchern und aus dem Netz gearbeitet. Und Berlin kenne ich ganz gut. Außerdem macht Recherche Spaß und ich bin damit vertraut, da ich von Berufs wegen schon häufig Informationen zusammentragen und auswerten musste. Und so ein Besuch im Spionagemuseum unserer heutigen Hauptstadt ist auch spannend. Nicht zuletzt hatte ich das Glück, dass das Buch von Berlinern lektoriert wurde. Wichtig ist: Die Fakten müssen stimmen. Im Rest steckt dann doch die Freiheit des Autors.
Sie erwähnen an einer Stelle, dass die Epoche, in der „Die Watson-Legende“ spielt, auch die Zeit ist von Bubi Scholz und vom jungen Joachim Fuchsberger, von Old-Shatterhand-Verfilmungen mit Lex Barker und Edgar-Wallace-Streifen. Was bedeuten Ihnen die 60er-Jahre und ihre Kultur?
Ich bin zwar in den 70er-Jahren groß geworden, aber damals waren Edgar-Wallace- und Karl-May-Filme laufend im Fernsehen. Ich bin ein großer Kinofan, weshalb es mir Spaß macht, hier etwas von meinem Wissen einzustreuen. Übrigens ist am Anfang eine Passage, in der Sean Connery auftaucht. Ich lasse ihn an meinem Helden vorbei aus dem Hotel spazieren, in dem er mitsamt der Crew beim Dreh von „Goldfinger“ in Andermatt wirklich abgestiegen ist. Das ist meine Verbeugung vor den Romanen Ian Flemings und vor allem den Bond-Filmen.
Sie finden die 60er Jahre also spannend?
Ja, es war eine Zeit voller Angst und Paranoia. Die Nachwehen und die fehlende Aufarbeitung des letzten Krieges waren ebenso gegenwärtig, wie der Wunsch nach Normalität. Das Wirtschaftswunderland wollte seine Vergangenheit abstreifen und konnte sich ihrer doch nie entledigen. Völlig zu Recht, denn es ist im Rückblick unglaublich, wie sich nach dem fürchterlichen Krieg mit Millionen von Opfern die Nazi-Eliten wieder in die Spitzenämter von Politik und Wirtschaft schleichen konnten. Gleichzeitig hatten wir zwei Systeme, die sich feindlich gegenüber standen. Und die Front verlief damals quer durch das geteilte Deutschland. Für mich ist es erstaunlich, dass diese historische und brandgefährliche Konfliktsituation kaum eine Rolle in den gegenwärtigen Krimis und Thrillern spielt. Natürlich haben die Großmeister John le Carré, Ken Follett, Frederick Forsyth, Robert Ludlum oder Jack Higgins unzählige Geschichten über den Kalten Krieg erzählt. Aber ich wüsste da auch noch ein paar.
Das Wesen Ihres Helden ist ja geprägt durch ein traumatisches Kindheitserlebnis …
Na ja, zunächst hatte Carl Janson eine halbwegs normale Kindheit. Seine Eltern waren Diplomaten – das glaubte er jedenfalls. In Wahrheit jagten sie als Geheimagenten um die Welt und engagierten sich im Kampf gegen Hitler-Deutschland. Sie starben nach dem Krieg bei einer Flugzeugexplosion, die ihm als Unfall verkauft wurde. Nach dem Tod der Eltern zog sich Carl in sich zurück, wurde introvertiert. Ein Freund der Familie wurde sein Mentor, schickte ihn auf ein Internat in der Schweiz. Dort fing er an, sich für asiatische Kampfkünste zu begeistern und bereiste später Asien, wo er von einem Großmeister ausgebildet wurde. Als sein Mentor Wind von den Fähigkeiten Jansons bekam, beschloss dieser einen perfiden Plan und setzte seinen Schützling als Tötungsmaschine ein. Teils für die Ziele des Westens, teils aber auch für seine ganz persönlichen Interessen.
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