„Der Wille versetzt Berge“ – Interview mit Autorin Nuray Çeşme

„Der Wille versetzt Berge“ – Interview mit Autorin Nuray Çeşme

19. Oktober 2016 | Interview: Bernhard Berkmann


Nuray Çeşme legt mit Ihrem ersten Buch „Der Wille versetzt Berge“ ein großartiges Leitbild gelungener Integration vor. Im Mittelpunkt steht die Geschichte ihres Vaters, welcher zur ersten Generation der Gastarbeiter in Deutschland gehörte. Aus den ärmlichen Verhältnissen seines kleinen Dorfes in der Türkei reist er ins Ungewisse, lässt Frau und Kinder vorerst zurück. Seine Familie folgt ihm – zumindest zum Teil – nach Deutschland, aber die Türkei bleibt für ihn immer die eigentliche Heimat. Im Interview spricht Nuray Çeşme über die Entstehung ihrer Sammlung von Erinnerungen, sowie über die Schwierigkeiten zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen.

„Ich kann nicht sagen: Ich bin Deutsche oder ich bin Türkin. Ich bin Beides!“

Sie haben ein Buch über ihre Familiengeschichte geschrieben. Wie kamen Sie auf die Idee?

Die Idee zu einem Buch entstand, als mein Vater, der früher als Gastarbeiter der ersten Generation nach Deutschland kam, starb. Als das passierte, habe ich mir selbst gesagt: „Ich muss alles, was in meinem Leben passiert ist, notieren, damit ich ja nichts vergesse.“ Mein Vater und ich hatten eine sehr enge und gute Beziehung, daher begann ich alles aufzuschreiben, was in der Zeit passierte. Zuerst kleine Notizen und irgendwann wurden daraus kleine Geschichten und aus diesen dann wiederum Kapitel. Und aus den Kapiteln dieses Buch, das die Geschichte meiner Familie und insbesondere meines Vaters und seinem Weg nach Deutschland als Gastarbeiter erzählt.

Könnten Sie sich auch vorstellen, alles zurück zu lassen und in einem fremden Land ein neues Leben zu beginnen, so wie Ihr Vater es getan hat?

Ehrlich gesagt kommt es auf die Situation an. Ich bin momentan in Deutschland wirklich glücklich und ich lebe total gerne hier. Natürlich bin ich viel gereist und habe viele Länder gesehen. Aber diesen Umbruch zu wagen und das alte Leben und Land hinter sich zu lassen, kann ich mir nicht vorstellen. Mein Vater ist in ein Land gekommen, das er nicht einmal auf der Karte zeigen konnte. Er wusste weder, wo Deutschland liegt, noch welche Sprache dort gesprochen wird. Ich denke, das ist viel mutiger, als heutzutage auszuwandern.

Also hat sich die Entscheidung ihrer Eltern von damals für Sie gelohnt. Haben Ihre Eltern die Entscheidung nach Deutschland zu gehen je bereut?

Nein! Niemals. Mein Vater hat immer wiederholt, dass es das Beste war, was ihnen je passiert ist. Auch meine Mutter schließt sich dem an und steht auch heute noch dahinter.

Nun sind Sie ja zwischen zwei Kulturen aufgewachsen. Fühlen Sie sich eher als Deutsche oder als Türkin?

Ich fühle mich als Deutschtürkin. Ich würde auch niemals den türkischen Pass abgeben für den deutschen. Mein Herzenswunsch wäre es, beide Staatsbürgerschaften zu erhalten. Ich kann nicht sagen: Ich bin Deutsche oder ich bin Türkin. Ich bin Beides!

Ich bin mit beiden Ländern sehr verbunden. Eine Entscheidung würde mich zerreißen.

Und welche Sprache sprechen Sie zuhause?

Zu Hause spreche ich Deutsch. In Deutschland spreche ich deutsch und wenn ich in der Türkei bin, spreche ich natürlich Türkisch. Beide Sprachen spreche ich fließend. Beruflich bedingt spreche ich aber auch Englisch und gelernt hab ich Französisch.

Was ist Ihre schönste Erinnerung an die Türkei?

Es gibt sehr viele schöne Erinnerungen, aber eine meiner schönsten ist eine Szene aus meiner Kindheit, die ich nie vergessen werde: Meine Eltern lebten in der Türkei in einem Dorf. Unser Haus war auf einem Stück Land gebaut. Dort stand auf der einen Seite ein alter Kastanienbaum, der über einen Brunnen ragte. An dem Baum gab es für die Kinder eine Schaukel, die aus einem dicken Seil und einem Kissen bestand. Auf dieser Schaukel saß ich sehr oft und einmal hatten meine Eltern Tee, Oliven, Gurken, Tomaten und Brot vorbereitet. Es war wie ein Picknick. An diesem Tag wehte der Wind so schön, die Sonne schien und wir waren dort zusammen. Das ist eine der schönsten Erinnerungen für mich.

„Früher dachte ich, weil wir anders sind, denken meine deutschen Freunde vielleicht, dass die Art, wie wir leben, komisch ist.“

Das hört sich sehr schön und intim an. Hätten Sie gedacht, dass ihr Buch so intim werden würde?

Ja, das ist die Voraussetzung für das Schreiben. Es war ursprünglich nur eine Sammlung von Erinnerungen für mich persönlich. Da ist es nur logisch, dass dieses Buch sehr intime Geschichten enthält. Manche Dinge, die dort drin stehen, wussten nicht einmal meine Freunde, weil es mir früher einmal unangenehm war, darüber zu sprechen. Früher dachte ich, weil wir anders sind, denken meine deutschen Freunde vielleicht, dass die Art, wie wir leben, komisch ist. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie die Leser darauf reagieren werden. Diese Intimität gibt dem Leser das Gefühl mich kennenzulernen. Und das finde ich eigentlich sehr schön.

Und wo würden Sie die Leserschaft überhaupt sehen?

Auf der einen Seite ist es interessant für Türken, die sich vielleicht noch nicht so richtig integrieren konnten. Auf der anderen Seite ist es aber auch für Deutsche interessant, um zu verstehen, wie sich die Menschen fühlen, die aus einem fremden Land hier nach Deutschland kommen. Besonders hoffe ich auch, dass viele Jugendliche dieses Buch lesen. Ich denke, dass sie daraus noch sehr viel lernen können.

Gibt es Tipps, die Sie den Leuten geben würden, die neu nach Deutschland kommen?

Jeder kommt aus einer anderen Kultur. Ich denke, man müsste zuerst allen erklären und zeigen, wie die deutsche Kultur funktioniert, da diese ja auch eigen ist. Es prallen grundsätzlich zwei Welten aufeinander. Gerade zu Anfang gibt es oft kein Verständnis für den jeweilig Anderen. Ich würde den Menschen, die nach Deutschland kommen sagen, dass sie sich unter das Volk mischen sollen. Mein Vater meinte damals auch zu mir: „Geht los und sprecht die Leute an, guckt wie sie sich kleiden und was sie tun. Wieso bewegen sie sich und wie trinken sie ihren Tee?“ All diese Sachen gehören mit zu einer Kultur. Daher hat mir der Rat meines Vaters sehr geholfen. Ich denke offen zu sein für die neue Kultur ist das A und O.

Nuray Çeşme

Geboren 1976, wuchs Nuray Çeşme bei ihrer türkischen Familie in Deutschland auf. Ihr Vater ging noch vor ihrer Geburt als Gastarbeiter der ersten Generation nach Deutschland aber sie selbst wurde noch in…
Zur Biografie von Nuray Çeşme

Nuray Çeşme

Geboren 1976, wuchs Nuray Çeşme bei ihrer türkischen Familie in Deutschland auf. Ihr Vater ging noch vor ihrer Geburt als Gastarbeiter der ersten Generation nach Deutschland aber sie selbst wurde noch in…
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