„Der Sandler” von Markus Ostermair | BUCHSZENE.DE

Der Sandler ist eine fiktive Geschichte, die Obdachlose ins Zentrum stellt und trotz aller Fiktion ein realistisches und vielschichtiges Bild ihres Alltags auf den Münchner Straßen vermittelt. Einer von ihnen ist Karl Maurer.

„Der Sandler” von Markus Ostermair

20. Januar 2021 | Redaktion

Titelbild Bestseller Belletristik Der Sandler

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In „Der Sandler“ wird eine Geschichte erzählt, die eigentlich gar nicht erzählt werden darf. Denn sie handelt von der Scham des sozialen Abstiegs – und diese Scham macht die Betroffenen schweigen.

Karl Maurer mäandert durch die Stadt, besucht Suppenküchen und Kleiderkammern und manchmal wird er von den Bildern seines früheren Lebens eingeholt – von seiner Frau und seiner kleinen Tochter, der Zeit als Mathematiklehrer und dem Kind, das ihm vors Auto lief. Gleichzeitig durchstreift auch sein Freund Lenz die Stadt auf der Suche nach ihm. Lenz, ein Zettelschreiber und Utopist, merkt, dass es mit ihm zu Ende geht. Er will Karl seine unfertigen Notizen vermachen und, was noch viel wichtiger ist, den Schlüssel zu seiner Wohnung, die er geerbt hatte, in der er sich aber geweigert hatte zu leben. Lenz„ Tod ist ein Wendepunkt. Die Wohnung könnte Karls Chance sein, die diffusen, stets auf die lange Bank geschobenen Pläne, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, in die Tat umzusetzen. Gleichzeitig merkt auch Kurt, ein Haftentlassener, der stets den Angriff für die beste Verteidigung hält, dass er sein Leben ändern muss. Auch er sucht eine Bleibe, die er mit niemandem mehr zu teilen braucht. Der Sprachlosigkeit der Obdachlosen setzt Markus Ostermair eine Sprache entgegen, die nahe an ihr Leben heranführt, ohne dabei zu werten, zu romantisieren oder voyeuristisch zu sein.

TUKAN-Preis 2020 der Stadt München

„Wie moderne Gespenster streifen sie durch Brückengewölbe, Notschlafstellen und Kleiderkammern, unbeachtetes Treibgut der Wohlstandsgesellschaft. Obwohl mitten unter uns, blicken wir meist durch sie hindurch. Die Obdachlosen auf dem teuren Münchner Pflaster haben keine Stimme, um von ihrem täglichen Überlebenskampf zu berichten, davon, wie ihnen das Leben entglitten ist oder von ihrer Scham darüber, und wie sie einen verstummen, letztlich ganz verschwinden lässt. Für ihre Sprachlosigkeit und die der Stadt, die sie umgibt, findet Markus Ostermair in seinem Roman „Der Sandler„ eine so angemessene wie anspruchsvolle Form. Er spannt das Panorama einer Gegenwelt auf, die von Abgründen durchzogen ist, aber auch von Hoffnung und unerwartetem Zusammenhalt. Da ist Kurt, der aus dem Gefängnis kommt und sich ändern will, wie einst Franz Biberkopf auf dem Berliner Alexanderplatz. Da ist Lenz, der nicht mehr kann, doch unbedingt noch seinen Freund Karl finden muss, um ihm einen Schlüssel zu hinterlassen – und vielleicht eine letzte Chance. Karl war früher Mathe-Lehrer, Familienvater, bis er eine schwere Schuld auf sich geladen hat, die er seither durch die Straßen schleppt, halb flüchtend, halb suchend. So sehr er auch gegen sein altes Leben antrinkt, er wird die Sehnsucht nach einem Zuhause nicht los. Doch zwischen ihm und dem hell leuchtenden Schlüsselloch lauern noch seine Dämonen. Statt die harte Realität in wohlfeilem Realismus auszustellen, evoziert Markus Ostermair sie in einer präzise gestalteten, an Döblin geschulten Sprache, die seinen Figuren Würde gibt, ohne ihnen falsche Nähe aufzuzwingen, ohne zu urteilen oder zu verklären. Aus wechselnden Blickwinkeln, genauer Beobachtung und mäandernden Gedankenströmen, mal poetisch, mal rau verdichtet, schafft er die eindrucksvolle Innenschau einer gesellschaftlichen Außenperspektive. Ein wichtiger, kraftvoller Roman über Ausgrenzung und Selbstbehauptung – auf dem dünnen Firnis unserer so sicher geglaubten Welt.“

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Mitschnitt der Lesung in der Monacensia, München

Markus Ostermair

Markus Ostermair geboren 1981, arbeitet seit seinem Studium der Literaturwissenschaft als Übersetzer, Texter und Lehrer für …


Zur Biografie von Markus Ostermair



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