Man mag es ja gar nicht zugeben, aber manchmal ist das wahre Leben so spannend, dass man das Hörbuch, das man eben hört, stoppt und der Wirklichkeit folgt. Kürzlich stand ich in einer Sushi-Bar und wartete lauschend darauf, meine Bestellung aufgeben zu können, da erhielt die Frau hinter mir einen Anruf.
Sie war Ende vierzig, dunkelhaarig und durchaus attraktiv. Mit einem „Was ist?“, das mehr nach einem Befehl denn einer Frage klang, nahm sie den Anruf entgegen. Weil dieses „Was ist?“ sich so laut und böse anhörte, stoppte ich mein Hörbuch. Mit wem redet eine tolle erwachsene Frau derart ruppig? Die Frau sagte jetzt: „Na, das ist ja toll. Nö!“
Leider verließ sie jetzt das Lokal. Ich schaute nach draußen. Sie machte hektische Armbewegungen und ihr Gesichtsausdruck war finster. Es war Valentinstag.
Dann kam sie wieder rein und ihr Telefon klingelte erneut.
„Ja, was ist?“
Dieses Mal war ihr Tonfall wesentlich freundlicher, obwohl es ja fast die gleichen Wörter waren. Und dieses Mal verließ sie die Bar auch nicht. Ich schob meine Kopfhörer unauffällig vom Ohr.
Sie sagte: „Na, ja, da ist dieses Wochenende jetzt aber dein Vater zuständig. –
Ja, da kann ich jetzt auch nichts machen. – Dein Vater ist zuständig!“
Sie war definitiv sauer. Und ich kombinierte: Die Frau telefoniert mit ihrem Sohn. Der Vater, mit dem sie nicht mehr zusammen ist, hat den Sohn schnöde im Stich gelassen. Bei was auch immer.
„Warum hast du mich denn nicht reingelassen?“
Ich schob die Hörer ganz vom Ohr – sie hatte völlig recht: Warum hatte ihr dämlicher Sohn sie nicht ins Haus gelassen? Die Antwort folgte sofort:
„Achso, die Schließanlage ist kaputt. Dann bist du quasi eingesperrt.“
Schließanlage kaputt? Eingesperrt? Das war hier ein Hollywood-Film!
„Das wird ein Nachspiel haben für deinen Vater.“
Mein Herz klopfte. Ich verspürte Mitleid mit dem Vater. Sie würde ihn killen. Jetzt bemerkte die Frau vermutlich, dass ich zuhörte. Denn wie als Erklärung für mich, schob sie noch hinterher:
„Lässt seinen Sohn krank in der Wohnung eingesperrt – und der ist zu schwach, um sich selber was zu essen zu kochen.“
Allmählich begriff ich das Ausmaß des familiären Dramas, das sich hier live vor meinen Ohren abspielte. Aber es wurde noch besser.
Für den Chat bitte einloggen