Im Angesicht des Wolfs – Jesper Juuls neues Erziehungsbuch

Der Familientherapeut Jesper Juul stellt sich der Öffentlichkeit immer wieder mit kontroversen Thesen zu Erziehungsthemen. In seinem neuen Buch „Leitwölfe sein – Liebevolle Führung in der Familie“ entwirft er ein Idealbild von Eltern und familiären Lebens, das nicht unbedingt im Einklang mit der herrschenden Meinung unter Familienberatern steht.

Im Angesicht des Wolfs – Jesper Juuls neues Erziehungsbuch

22. November 2016 | Tina Rausch

Leitwölfe sein

„Eltern, seid endlich wieder Leitwölfe!“

Was vielen Eltern im Beruf gut gelingt, bereitet zu Hause oft Schwierigkeiten, sagt Jesper Juul: Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen, auch Unpopuläres durchsetzen. Fehlende Vorbilder und die Angst, ihren Kindern Schaden zuzufügen, hindern Eltern daran, ihre Führungsrolle in der Familie auszufüllen. Dabei ist es genau das, wonach sich ihre Kinder sehnen: Sie wollen und brauchen Erwachsene, die die Führung übernehmen.

Was aber hat es nun mit dem Motiv der Leitwölfe auf sich? „Wölfe, das klingt nach Alphatier und Aggression und gerade nicht nach Harmonie und Ausgewogenheit“, räumt Juul selber ein. Doch jüngst habe sich das Bild vom Wolf auf faszinierende Weise gewandelt: „Früher galten Wölfe als böse und gefährlich, heute weiß man, dass sie über ein hohes Maß an sozialer Intelligenz verfügen.“ Dabei geht es weniger darum, einfach mal „Grenzen zu setzen“, sondern vielmehr eine Verantwortung zu übernehmen für die Autorität, die Eltern ohnehin innehaben. Diese ist bei Juul immer persönlich und nicht theoretisch begründet: Führung in der Familie ist geprägt von Empathie, Flexibilität und dem Wunsch, die Integrität des Kindes jederzeit zu schützen.

Der Schlüssel für erfolgreiche Familien

Juul geht auch auf spezifisch weibliche und männliche Aspekte von Führung ein und reflektiert die Abwesenheit von Vätern in einem immer noch klassischen Familienmodell. Anschaulich beschreibt er abschließend die wichtigsten Fallgruben für Familien, die keine, zu schwache oder negative Führungsmodelle pflegen.
„Es geht darum, seine Kinder kennenzulernen, ihre persönlichen Grenzen kennenzulernen, sich diesen gegenüber respektvoll zu verhalten und mit seinen Kindern so authentisch wie möglich umzugehen“, schreibt Jesper Juul in Leitwölfe sein. Dabei heißt der Schlüssel für erfolgreiche Familien bei Menschen wie bei Wölfen: Beziehung und Vertrauen.


Kinder wollen Erwachsene, die die Führung übernehmen

Von Jesper Juul

Woher wissen wir das? Wir wissen es aus Erfahrung: Kindern, die in Familien aufwachsen, in denen es keine oder nur ungenügende Führung durch Erwachsene gibt, geht es nicht gut, und sie können sich nicht richtig entwickeln. Dafür scheint es zwei Gründe zu geben. Der eine ist, dass Kinder zwar ihre Wünsche und Gelüste gut kennen, sie sich aber ihrer grundlegenden Bedürfnisse nicht bewusst sind. Der andere Grund ist, dass man qualifizierte Anleitung braucht, um sich an eine Kultur anzupassen – an welche Kultur auch immer, sowohl in der Gesellschaft als auch innerhalb der Familie. Mit anderen Worten: Kinder werden mit großer Weisheit geboren, aber ihnen fehlen praktische Lebenserfahrung, Überblick und die Fähigkeit vorauszudenken. Um diese Kompetenzen zu erlangen, brauchen sie Erwachsene. Wir müssen unbedingt begreifen, dass Führung und Erziehung völlig unterschiedliche Dinge sind, auch wenn die beiden Begriffe ständig miteinander verwechselt und im täglichen Sprachgebrauch sogar synonym verwendet werden. Um ein Kind aufzuziehen und zu erziehen, muss der Erwachsene die Führung übernehmen. Wenn er oder sie das nicht kann beziehungsweise nicht will oder wenn Führung auf destruktive Art und Weise ausgeübt wird, wird niemand Erfolg haben – der Erwachsene wird seine Ziele nicht erreichen, und das Kind wird nicht in der Lage sein, sich zu entfalten und seine Persönlichkeit zu entwickeln. Exakt formuliert müsste die Überschrift dieses Kapitels folgendermaßen lauten: Um fruchtbare und tragfähige Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern aufzubauen, müssen die Erwachsenen die Führung übernehmen. Every team needs a captain, jede Familie braucht ihre Leitwölfe.

Ich arbeite jetzt seit vierzig Jahren als Familienberater und Familientherapeut. Jede Zeit hat ihre Themen und Herausforderungen; in den letzten zwanzig Jahren bin ich einer ständig wachsenden Zahl von Eltern aus allen Gesellschaftsschichten begegnet, die sich über Themen wie morgens Aufstehen und Fertigwerden, Schlafen, Essen und Ähnliches beschweren. Diese Punkte sind nicht an sich »problematisch«, aber die Tatsache, dass so viele Eltern und Kinder mit ihnen zu kämpfen haben, ist ein klares Zeichen für zu wenig Führung. Das heißt nicht, dass elterliche Führung früher besser war – nicht in dem Sinne, dass sie dem Wohlbefinden und der gesunden Entwicklung von Kindern gedient hätte. Aber sie war klarer und konsistenter, und das sorgte dafür, dass es weniger offene Konflikte gab. Der heute so oft geäußerte Wunsch nach einer solchen elterlichen Führung klingt, als hätten heutige Eltern versehentlich den falschen Knopf gedrückt und müssten jetzt einfach den richtigen drücken. Wie Sie sicher wissen, ist es ganz so einfach leider nicht.

Doch es sind nicht allein die Eltern, die in Schwierigkeiten stecken. Vor einigen Jahren habe ich mich während eines Vortrags sehr kritisch zu einer in Mode gekommenen Erziehungsmethode geäußert, die nach dem Grundsatz verfährt, gehorsame und folgsame Kinder zu belohnen. … Fast beschämt erzählte mir in der Pause die Leiterin eines kleinen Kindergartens, dass sie in Absprache mit den Erzieherinnen ebenjene Methode eingeführt habe, die ich so deutlich kritisiert hatte. Der Grund: »Wir waren nicht in der Lage, die Kinder am Ende des Tages dazu zu bringen, die Spielecke aufzuräumen.« Meine Antwort lautete: Wenn es den Erwachsenen in einer Tageseinrichtung nicht gelingt, in einer Gruppe von Drei- bis Sechsjährigen eine Atmosphäre und Kultur von Mitarbeit und Teilnahme zu erzeugen, müssen sie dringend ihre zwischenmenschlichen Kompetenzen überdenken und sie zusammen mit ihrem Führungskonzept grundlegend ändern. Mit einer primitiven Methode, Kinder zu manipulieren, ist es jedenfalls nicht getan.

Wenn es um Führung innerhalb von Familien, in Schulen oder auch in Unternehmen geht, wird die Beziehung zwischen den Führenden und denen, die geführt werden, traditionellerweise als Subjekt-Objekt-Beziehung definiert – mit dem Kind oder dem Angestellten als Objekt. Inzwischen wissen wir, dass Subjekt-Subjekt-Beziehungen1 für alle Beteiligten besser funktionieren, dass sie konstruktiver und fruchtbarer sind und dass sie mehr Gemeinsamkeit schaffen. Sie fördern den Erfolg einer Beziehung im Sinne von Zufriedenheit, Gesundheit und Produktivität. Mir wurde klar, dass diese Erkenntnis einem neuen Paradigma die Tore öffnete, für das es noch keinen Begriff gab. Ganz grundsätzlich geht es um die gleiche Würde, die jedem Menschen zugestanden wird; sie ist entscheidend für die Qualität einer Beziehung. So entschied ich mich für den Begriff der »Gleichwürdigkeit« – sowohl zwischen Mann und Frau als auch zwischen Erwachsenem und Kind.2 Die ideale durch Erwachsene ausgeübte Führung ließe sich folgendermaßen beschreiben: Sie ist proaktiv, empathisch, flexibel, dialogbasiert und fürsorglich.

Proaktiv zu sein bedeutet, dass man als Erwachsener in der Lage ist, seinen eigenen Werten und Zielen entsprechend zu handeln, anstatt lediglich auf das, was das Kind sagt oder tut, zu reagieren. Empathie ist die Fähigkeit, einen anderen Menschen wirklich wahrzunehmen. Flexibel sein bedeutet, dass man in der Lage und willens ist, Veränderungen und Entwicklungen beim Kind und bei sich selbst zu berücksichtigen – im Gegensatz zu der Haltung, immer »konsequent« zu sein. Fürsorglich und dialogbasiert sein heißt, die Wünsche, Bedürfnisse, Gedanken, Ideen und Gefühle des Kindes ernst zu nehmen und zu berücksichtigen – auch dann, wenn sie den eigenen entgegengesetzt sind. Für Erwachsene, die auf diese neue Art und Weise Führung ausüben, ist der allerwichtigste Aspekt die persönliche Autorität. Diesen Begriff werde ich im folgenden Abschnitt näher erläutern.

Im Großen und Ganzen kann man sich eine Familie als einen Raum vorstellen, in dem jedes Familienmitglied so viel wie möglich von dem bekommt, was es für die bestmögliche Qualität seines Lebens braucht – und so wenig wie möglich von dem, was nicht gut dafür ist. Will man Führung ausüben, die auf der Gleichwürdigkeit aller Familienmitglieder basiert, muss man dafür sorgen, dass es ein ungefähres Gleichgewicht gibt zwischen den Bedürfnissen der Gemeinschaft und den Bedürfnissen jedes einzelnen Familienmitgliedes. Natürlich gilt das ebenso für Kitas, Schulen und Fußballvereine: Hier wie dort geht es um ein Austarieren individueller und gemeinschaftlicher Bedürfnisse.

„Kinder wollen Erwachsene, die die Führung übernehmen“ ist ein Auszug aus Jesper Juuls Bestseller „Leitwölfe sein“.

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