Rosa knutschte mit einem Bodybuilder, Anja zog mir einen Arztsohn mit Vespa vor
Ich war mal aus Liebesverzweiflung Seemann. Daran erinnere ich mich jetzt, da über die Wiedereinführung einer allgemeinen Dienstpflicht für junge Leute diskutiert wird. Eigentlich hatte ich mir damals bereits eine Zivildienststelle bei einem behinderten Kind in München gesichert und auch schon verweigert. Aber dann stellte ich fest, dass Rosa, in die ich unsterblich verliebt war, parallel zu mir mit einem Bodybuilder knutschte. Und wenig später zog ich bei Anja wegen eines Arztsohns mit Vespa den Kürzeren. Ich hatte nur ein Fahrrad und mein Vater war kein Doktor, sondern tot. Das mit Anja empfand ich als besonders schlimme Niederlage, sie trug nämlich ziemlich interessante weiße Spitzenunterwäsche.
Liebeskranke junge Männer fahren zur See, hatte ich in einem Roman gelesen
Aber ich hatte ja mehrere Romane gelesen, in denen stand, dass unglückliche junge Männer Seeleute werden, um das Unglück hinter sich zu lassen. Und so zog ich meine Wehrdienstverweigerung zurück. Weil ich seinerzeit bei der Musterung aus Jux den Dienst bei der Marine angekreuzt hatte, erreichte mich wenig später der Einberufungsbefehl für Wilhelmshaven und die Fregatte Köln. Ich würde Seemann werden. Dieser Gedanke gefiel mir. Es klang nach Abenteuer, großer weiter Welt und natürlich auch nach großer Literatur. Mein Großvater fand die Idee nur mittelgut. Er war als Offizier im Zweiten Weltkrieg in Russland gewesen. Er hatte im Schützengraben die Fliegen von den verwesenden Leichen seiner Kameraden vertrieben. Er hatte seither eine Fliegenphobie und wollte mit Militär nichts mehr zu tun haben. Aber er hielt mich nicht von meinem Vorhaben ab.
Dass es sich nicht um einen Roman handelte, begriff ich, als der Typ uns anschrie
Dass es sich nicht um einen Roman handelte, in dem ich eine Rolle übernehmen durfte, begriff ich am Borkumer Landungssteg. Auf der Nordseeinsel sollte meine Grundausbildung zum Seemann stattfinden. Als die Fähre, gefüllt mit Rekruten und Touristen, anlegte, lief noch alles nach Roman-Plot. Aber kaum hatten wir Land unter den Füßen, baute sich vor uns ein kleiner Mann mit blondem Schnurrbart und in Marine-Uniform auf und schrie: „Moin, Rekruten! Maat Röding mein Name. Alles hört auf mein Kommando!“ Als einige lachten, brüllte er: „Ruhe, Matrosen! Stillgestanden! Augen geradeaus! Im Gleichschritt Marsch!“ Obwohl ich noch nichts über das Leben eines Soldaten wusste, begriff ich in diesem Moment, dass das Militär vom Stil her nicht so richtig zu mir passte. Wenn ich bis heute eines nicht leiden kann, dann ist es Geschrei.
Rasieren war bei der Marine Befehl. Allerdings hatte ich gar keinen Bart
Die nächsten Wochen bedeuteten für mich eine Leidensphase: Ich, mit einem zehn Jahre jüngeren Bruder praktisch als Einzelkind aufgewachsen, übernachtete fortan mit fünf anderen Jungs auf einer Kammer. Wir lernten es, unsere Hemden, Unterhosen, Soldaten-Pyjamas und Pullover präzise zusammen- und in den Spind zu legen. Wenn es auch nur einen Millimeter Abweichung gab, wurde man vor versammelter Truppe zusammengefaltet. Dies führte dazu, dass die meisten von uns immer das gleiche Hemd trugen. Ich lernte Schuhe zu wienern, dass man sich in ihrem Leder spiegeln konnte; ich lernte mich zu rasieren, obwohl ich praktisch keinen Bart hatte. Aber Rasieren war Befehl. Meine Oberlippe wurde ganz rot davon. Dem Toilettenputzen entkam ich, indem ich mich um das Maskottchen unserer Seemannschaftslehrgruppe kümmerte: Ich wurde der Ziegenpeter für Seeziege Olga.
Auf dem Schiff rauchte Sören mir die ganze Nacht das Bett voll
Irgendwann kam der Tag, an dem uns ein olivgrüner Bus nach Wilhelmshaven karrte. Die Fregatte Köln, mein neues Zuhause, beeindruckte mich sofort: 140 Meter lang, 200 Mann Besatzung. Ein Dorf auf dem Wasser. Jetzt schliefen wir zu zwölft auf einem Deck. Drei übereinander. Ganz unten Sören, der die ganze Nacht rauchte. Links von mir Störtebekker, der mal in der Jugendhockeynationalmannschaft gespielt hatte. Außerdem auf unserem Deck: Wuttke, von Beruf Bergmann im Kohlenpott; Manske, der sich wirklich nie wusch und dementsprechend roch; der kleine, rothaarige Eichhorn, der mal Lehrer werden wollte; Volpert, der wahrscheinlich schwul war, Rütli, der aus dem Grenzgebiet zur Schweiz kam und ein lustiges „ch“ sprach, Bernie, der jede zweite Nacht aus Heimweh heulte und all die anderen.
Waffen, Terror, Angst. Die Seefahrt war nicht ganz so romantisch wie gedacht
Das Militärische war auf dem Schiff zwar nicht mehr so schlimm wie in der Kaserne, aber insgesamt entpuppte sich die Seefahrt als eintöniger als ich sie aus den Romanen kannte. Null Seeräuber waren da und man musste ziemlich viel putzen und pönen, also malern. Klar fuhren wir bis in den nördlichen Atlantik und ins östliche Mittelmeer und klar besuchten wir allerlei fremde Häfen und entdeckten in dunklen Spelunken die Verlockungen des Seemannslebens. Aber wenn unser Schiff nur zwei Tage im Hafen lag, konnte es sein, dass wir gar nicht davon runterkamen, weil es ja jemand bewachen musste. Und dann war man wieder zwei Wochen auf dem Wasser. Eine zusätzliche Schärfe bekam die Zeit durch den Beginn des ersten Golfkriegs. Direkt durfte sich die deutsche Marine damals zwar nicht an Kriegshandlungen beteiligen. Aber wir übernahmen die Überwachung von Seegebieten im östlichen Mittelmeer. Und da verkehrten durchaus Schiffe, die illegale Waffen für die Kriegsteilnehmer an Bord hatten. Die mussten wir aufbringen. Außerdem gab es eine latente Terrorgefahr. Damit niemand desertierte, erfuhren wir immer erst nach Auslaufen aus dem Hafen, wo es als nächstes hingehen sollte. Meine Mutter ist in dieser Zeit vor Angst fast gestorben. Wir selbst haben unsere Furcht in Rum ertränkt, obwohl Alkohol in dem Gefechtszustand „Kriegsmarsch“, in dem wir uns nun befanden, verboten war. Man musste die Flaschen in weiten Hosen an Bord schmuggeln oder den Kollegen, der Wache schob, bestechen.
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