Verlieren sei eher was für Loser, findet mein Sohn
Er verliere nicht gern, eröffnete mir Leonhard jüngst nach dem Spiel Deutschlands gegen Südkorea bei der Fußballweltmeisterschaft. Gewinnen finde er besser. Verlieren sei doch eher was für Loser.
Erst Tränen in den Augen – und dann: „Ich bin ziemlich gut, was?“
Ich gestehe, dass diese Aussage meines neunjährigen Sohns mich eher nicht überraschte. Auch in der Vergangenheit hatte er auf mich nicht den Eindruck gemacht, als bereite ihm das Verlieren Freude. In meinem Kopf ploppten Bilder auf: Leonhard, wie er die Spielkarten auf den Tisch wirft, weil er beim Gin Rommé verliert; Leonhard, wie er seine Torwarthandschuhe in die Hecke pfeffert und sich tot stellt, weil seine Mannschaft das 4 zu 0 kassiert; Leonhard, wie ihm die Tränen in den Augen stehen, als er beim Tischtennisturnier 10 zu 9 hinten liegt – beim Tischtennis spielt man einen Satz bis 11. Beinahe im selben Moment tauchte aber ein anderes Bild vor meinem inneren Auge auf: Leonhard, wie er denselben Satz im Tischtennis 14 zu 12 gewinnt. Plötzlich sind die Tränen weg. Und Leonhard sagt: „Ich bin ziemlich gut, was?“
„Man darf nie aufgeben“, sagte ich. „Man muss nach vorn schauen.“
An dieses Erlebnis versuchte ich Leonhard nun, da er mit der Niederlage der deutschen Mannschaft haderte, zu erinnern. „Du lagst zurück“, sagte ich. „Du hattest Tränen in den Augen.“ „Ich hatte keine Tränen in den Augen!“, schnauzte Leonhard mit an. Natürlich hatte er welche in den Augen, aber egal. „Und trotzdem hast du dich zurück ins Spiel gekämpft. Und gewonnen. Du hast nicht aufgegeben. Das war richtig. Man darf nämlich nie aufgeben“, sagte ich. „Man muss immer nach vorn schauen“, schob ich hinterher.
Zu verlieren sei scheiße, meinte mein Sohn. Und Müller ein alter Sack
Er habe keine Lust nach vorn zu schauen, antwortete Leonhard. Die Niederlage sei scheiße, der Müller ein alter Sack und der Gomez und der Khedira auch. Er hasse es zu verlieren, sagte Leonhard. Er wolle gewinnen. Immer. „Das geht nicht“, erwiderte ich. „Wenn man gewinnen will, muss man auch bereit sein zu verlieren. Gewinnen und Verlieren, das gehört zusammen.
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