Herr Haug, der Untertitel Ihrer Autobiografie lautet „Wie ich den Froschkönig besiegte“. Was hat es mit dem Froschkönig auf sich?
Dabei geht es um ein frühkindliches „Trauma“, denn ich hatte als Kindergarten-Hauptdarsteller im Märchen vom Froschkönig meinen Text vergessen. Der bestand – wie ich Jahre später erfahren habe – lediglich in dem Wörtchen „Quak“! Damit fand damals eine hoffnungsvolle Schauspielerkarriere ihr jähes Ende. Das habe ich mir nun von der Seele geschrieben.
Sie sind 1955 in Stuttgart-Bad Cannstatt geboren. Was war das für eine Kindheit?
Es waren die Nachkriegsjahre, in denen es ganz allmählich aufwärts ging. Aber noch immer hatte nahezu jedes Haus in dem Stuttgarter Stadtteil Luginsland, in dem ich aufgewachsen bin, hinten im Garten seinen Hasen- und Hühnerstall. Und manchmal hat halt sonntags ein Hase im Stall gefehlt … Ansonsten war man sparsam bis zum Abwinken.
Woran machen Sie das fest?
Als Weihnachtsgeschenk gab‘s immer selbergestrickte Socken, die alljährlich im selben Geschenkpapier verpackt waren. Und zum Spielen hatte ich den Quellekatalog. Da habe ich mir dann ausgemalt, dass ich all die schönen Sachen, die da drin abgebildet waren, tatsächlichen besitzen würde. Das war in meiner Phantasie dann auch so – bis der Quellekatalog wieder zugeschlagen wurde – mit dem praktischen Nebeneffekt, dass alle Spielsachen damit auch schon aufgeräumt waren.
Sie haben später eine steile Karriere hingelegt – als Fernsehmann in verschiedenen leitenden Positionen beim SWF und SWR und als Bestsellerautor. Haben Sie als Kind davon geträumt, dass aus Ihnen mal etwas „Besonderes“ werden könnte?
Ich wollte, wie nahezu jeder Bub, Lokführer oder Kapitän werden. Dieses große Ziel habe ich leider nicht erreicht und dann blieb halt nur noch Journalist bzw. Schriftsteller.
Wer war der wichtigste Mensch Ihrer Kindheit und Jugend?
Das war meine Oma väterlicherseits. Die hat mich in meinen ersten Lebensjahren geprägt, denn meine Mutter musste arbeiten – und so hat mir die Oma all die schwäbischen Tugenden versucht, beizubringen: also sparen, schaffen, fleißig und ehrlich sein. Fürs Enkele ist dabei aber ab und zu auch mal ein Schleckeis um zehn Pfennig herausgesprungen.
Sie schwärmen vom Bäcker Hiesinger, dem Bäcker Ihrer Kindheit. Nicht nur wegen seiner Schokoladenbananen, sondern auch wegen seiner schwäbischen Brezeln. Was zeichnet denn eine richtig gute schwäbische Brezel aus?
Die müssen eine ganz knusprige Kruste haben, und wenn man hineinbeißt butterweich zerbröseln. Keinesfalls dürfen sie „kätschig“, also nicht knusprig sein – aber auch nicht so, wie die bayrischen Brezn: das sind ja eher so eine Art Salzstangerln. Doch wie gesagt, es gibt selbst in der ehemaligen Brezelhauptstadt Stuttgart kaum noch einen Bäcker, der eine gute schwäbische Brezel backen kann. Logisch, denn die meisten von denen beziehen ihre Teiglinge ja inzwischen aus Tschechien oder aus Vietnam!
Was bedeutet Ihnen Ihre schwäbische Herkunft, Ihre Heimat?
Das ist schon so eine Art Identifikationsfaktor. Mit dem schwäbischen Dialekt bin ich aufgewachsen, dann aber habe ich irgendwann mitbekommen, dass ich ja zu 50 Prozent auch fränkische Gene habe; meine Mutter stammt aus dem fränkischen Rothenburg ob der Tauber. Also wurde mir damit klar, dass ich in Wahrheit Halbschwabe mit fränkischem Migrationshintergrund bin. Die Gosch isch schwäbisch, aber der Kerle fühlt sich längst auch in Mittelfranken wohl. Im Laufe der Zeit habe ich an vielen Orten gewohnt und an viele denke ich gerne zurück – das alles sind meine kleinen Heimaten. Denn Heimat ist für mich da, wo man sich wohlfühlt und das Herz ein bisschen schneller klopft
Sie erwähnten die Sparsamkeit mit der Sie aufwuchsen. Auch in „Ohne Worte – Wie ich den Froschkönig besiegte“ schildern Sie sehr witzig die Sparsamkeit Ihrer Großeltern. Haben Sie davon etwas mitbekommen?
Logisch. Das ist ja die Schwäbische DNA. Bei mir ist es beispielsweise so: immer dann, wenn ich neue Sachen zum Anziehen kaufen muss, wandern die zunächst noch einige Monate (wenn nicht Jahre) in den Schrank. Denn die alten Sachen sind ja noch gut genug, die müssen erst einmal aufgetragen werden.
Ihre Großmutter war eine resolute Person. Einmal gab es da einen Zwischenfall mit einem Spülbecken-Pinkler …
Das war ein Untermieter, ein so genannter „möblierter Herr“, der aber nachts zu faul war, die Toilette zu benutzen, wenn ihn ein mittleres Bedürfnis geplagt hat. Und da hat er halt ins Waschbecken seines Zimmers gepinkelt – was meine Oma natürlich gerochen hat. Als er‘s nach der ersten gelben Karte nochmal getan hat, folgte sofort die rote Karte und er ist hochkant hinausgeworfen worden. Da gab‘s bei meiner Oma kein Pardon!
„Den nächsten großen Einschnitt in meinem Leben markiert ein gnadenloser Akt der Willkür“, schreiben Sie an einer Stelle Ihrer Biografie. „Das war, als ich im zarten Alter von achteinhalb Jahren auf die Schwäbische Alb verschleppt worden bin.“ Warum war das so einschneidend für Sie?
Weil die Schwäbische Alb damals noch Schwäbisch Sibirien war. Stellen Sie sich vor: als Großstadtkind kommst du da plötzlich in die Pampa, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, wo es eine Schule mit nur zwei Klassen gibt (die jüngeren und die älteren), wo Sie den harten Dialekt nicht verstehen und wo es (im Gegensatz zum milden Stuttgarter Klima) „drei Monate lang kalt und neun Monate lang Winter“ ist.
Sie waren in der Schule kein begnadeter Sänger, aber Sie zettelten 1973 einen Streik an?
Das war der Brezelkrieg. Als der örtliche Bäcker, der die Schule beliefert hat, meinte, seine Brezeln von einem Tag auf den anderen von 15 Pfennig auf 25 Pfennig verteuern zum müssen. Da haben wir von der SMV einen Boykott organisiert und er ist auf seinen Brezeln sitzengeblieben. Danach haben wir über die SMV billigere Brezeln aus einem Supermarkt organisiert: Einkaufspreis 16 Pfennig, Abgabepreis 20 Pfennig. So hat auch die SMV immer was für Schulfeste in der Kasse gehabt und dem Bäcker hatten wir gezeigt, wo der Hammer hängt. Wobei … die Brezeln aus dem Supermarkt haben grauenhaft geschmeckt.
Letztlich war der Brezel-Streik aber der Ausgangspunkt für Ihre spätere Karriere als Journalist.
Ja, damals hatte ich Kontakt zur örtlichen Zeitung und auch zum Fernsehen bekommen, die über uns berichtet haben. Und so bin ich in den Sommerferien mit 16 Jahren zur Zeitung und habe die gefragt, ob sie denn nicht eine Urlaubsvertretung brauchen. Sie haben mir dann eine Polaroidkamera in die Hand gedrückt und ich bin losgezogen. Mein erstes Foto in der Zeitung zeigte das Neubemalen eines Zebrastreifens in Münsingen. Das war der Beginn meiner journalistischen Karriere.
Sie wurden zunächst Lokaljournalist. Haben Sie da auch etwas fürs Leben gelernt?
Und wie: das habe ich später auch allen gesagt, die unbedingt gleich zum Fernsehen wollten: „Wer noch nie in seinem Leben spannend (!) von der Generalversammlung der Hasenzüchter berichtet hat, der weiß nicht, was Journalismus ist. Also bitte: eins nach dem anderen und nicht glauben, man sei was Besseres, nur weil da was über die Mattscheibe flimmert. Lokaljournalismus ist Basisarbeit – im besten Sinne des Wortes – und auch die beste journalistische Schule, die es gibt.
Wie gelang Ihnen der Sprung zum Radio und Fernsehen?
Man strebt ja seltsamerweise weiter und weiter – und ist nie zufrieden. Und als ich dann in Tübingen studiert habe, gab es da das Südwestfunk-Landesstudio. Da habe ich dann Radio gemacht und mir so mein Studium verdient. Später dann musste es natürlich unbedingt Fernsehen sein. Und bereits am ersten Tag dort war ich kreuzunglücklich. Ich dachte: Was für ein Scheißmedium. Denn bei Fernsehen ist ja das Bild die Nummer 1 und der Text muss sich unterordnen. Ich aber war und bin immer jemand gewesen, dem das Wort das Wichtigste war. Also bin ich dreimal vom Fernsehen wieder weggegangen – ein ständiges Hin und Her!


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