Meinen Sie dann auch manchmal: Aha, das ist jetzt aber eindeutig die Meinung des Autors? Oder: Ah, da erzählt er gerade aus seinem Leben! Dann sollten Sie jetzt bitte weiterlesen. Denn die Sache ist viel komplizierter.
Sie wollen wissen, ob meine Frau nackt im Haus herumturnt? Ich sage es Ihnen!
Ich muss das jetzt mal klarstellen: Weder macht meine Frau am hellichten Tag bei uns im Haus „nackte Gymnasiastik“, noch bin ich in Angelina Jolie verliebt. Auch träume ich keineswegs davon, dass mir die Gitti vom Kiosk, lediglich mit einem Tanga bekleidet, eine arabische Massage verpasst, während mir die Muschi von der Metzgerei ein eisgekühltes Bier aus dem Keller holt.
Was ich von Angelina Jolie halte?
Zwar kommen derlei Szenen in Büchern, die ich geschrieben habe, vor, aber das ist auch schon alles. Die Mutter, die nackte Gymnasiastik betreibt, entstammt dem Kinderbuch „Juni im Blauen Land“. Und die Gitti vom Kiosk und die Muschi von der Metzgerei bereichern das Figurenkabinett von „Aufgedirndlt“, einem meiner Anne-Loop-Krimis; und dass ebendiese Anne Loop, Polizistin in Bayern, aussieht wie Angelina Jolie, heißt noch lange nicht, dass ich Angelina Jolie toll finde! Im Gegenteil – nervt diese Supermutti nicht manchmal sogar ganz gehörig?
Die Arbeit des Schriftstellers beginnt mit einer arabischen Massage
Warum schreibe ich das? Zum einen, weil so viele Leser in der Begeisterung des Lesens die Person des Autors mit jener des Erzählers verwechseln. Sie denken, dass wenn der Autor einer seiner Figuren dummes, schlaues und unhaltbares Zeug über Politik, Frauen, Religion, eisgekühltes Bier oder was auch immer in den Mund legt, dass dies dann die Meinung des Autors widerspiegelt. Liebe Leserinnen und Leser, dem ist nicht so! Zwar lassen wir Autoren uns von der Wirklichkeit inspirieren, also von echten Frauen, die in echten Häusern vielleicht echte Gymasiastik machen. Oder eben von echten Polizeichefs und von echten Frauen und von echten arabischen Massagen. Aber das ist lediglich der Anfang unserer schriftstellerischen Arbeit. Was dann hinzukommen muss, damit aus einer Idee eine Geschichte wird, ist die Neuerfindung der Wirklichkeit.
Wie schreibt man eine richtig gute Geschichte?
Auf völlig neue Weise wurde mir dieses Problem am vergangenen Wochenende verständlich: Ich veranstaltete eine Schreibwerkstatt mit sechs sehr engagierten Autorinnen und Autoren. Sie meisten unter ihnen hatten noch nie einen literarischen Text verfasst. Unser Ziel war es, dass es jedem gelänge, innerhalb von zwei Tagen eine Kurzgeschichte gleich welchen Themas zu verfassen.
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