Jörg Steinleitner: Herr Biolek, Sie sind der berühmteste und erfolgreichste Fernsehkoch, der in Jura promoviert hat. Meinen Sie, dass die Juristerei einen Anteil daran hat, dass Sie Fernsehkoch wurden?
Alfred Biolek: Nein. (lacht) Mit Sicherheit nicht. Das hat nichts miteinander zu tun. Die Leidenschaft fürs Kochen habe ich von meiner Mutter geerbt. Ich habe zwar von ihr das Kochen nicht gelernt, denn so lange ich zuhause war, hat sie gekocht und Männer haben damals in der Küche nichts zu suchen gehabt, aber die Lust und die Leidenschaft fürs Kochen, die habe ich von ihr. Sie hat jeden Tag gekocht, es war ihr nie zu viel Arbeit, sie hat es geliebt und das habe ich geerbt von ihr. Sobald ich als Assessor der Rechtsabteilung des ZDF eine eigene Wohnung mit Küche hatte, habe ich dann selbst angefangen zu kochen.
Jörg Steinleitner: Jetzt habe ich Sie gar nicht bei Ihrem Doktortitel angesprochen, was unter Juristen ja eigentlich üblich ist.
Alfred Biolek: Nee, bei mir nicht. Auf meiner Visitenkarte steht nur Alfred Biolek.
Jörg Steinleitner: Gibt es denn irgendjemanden, der Sie noch mit Doktortitel anspricht?
Alfred Biolek: Ja, ja, das kommt schon noch vor, aber selten.
Jörg Steinleitner: Hat Ihnen Ihr Doktortitel jemals einen Vorteil gebracht oder war er Ihnen eher lästig?
Alfred Biolek: Lästig auf keinen Fall. Ob er mir einen Vorteil gebracht hat? Na ja, in der Fernsehwelt hat man mich zwar nicht damit angesprochen, aber man wusste, dass ich das habe und es hat doch so ein bisschen Respekt, glaube ich, bewirkt. Aber ich kann’s jetzt nicht konkret beweisen oder irgendetwas dazu erzählen.
Jörg Steinleitner: Sind Sie heute darauf noch ein bisschen stolz?
Alfred Biolek: Och, nach so vielen Jahren … das war für mich damals so eine Selbstverständlichkeit und das hat sich alles so ergeben: Ich war bei einem Professor im Seminar, der mich sehr mochte und der gut fand, was ich gemacht habe, und da hat er mir dann angeboten, bei ihm Wissenschaftliche Hilfskraft zu werden. Und das habe ich dann gemacht, ich durfte sogar schon vor dem 1. Examen Korrekturassistent bei ihm sein, was ungewöhnlich war, und dann habe ich nach dem 1. Examen nicht gleich mit dem Referendariat angefangen, sondern gleich bei ihm promoviert.
Jörg Steinleitner: Jetzt haben Sie sich aber damals schon für das Essen und das Kochen interessiert. Stand denn jemals zur Debatte, dass Sie beruflich irgendetwas mit Kochen zu tun haben könnten?
Alfred Biolek: Nein. Überhaupt nicht. Damals stand ja auch überhaupt nicht zur Debatte, dass ich je irgendetwas anderes machen würde als die Anwaltspraxis meines Vaters zu übernehmen. Wissen Sie, das sind die 50er-Jahre, das war nicht wie heute, wo jeder individuell sagt „Ich will das machen, ich will das machen …“ und dann war ja Fernsehen etwas, das es gerade erst so gab, wir zum Beispiel hatten gar keinen Fernseher. Auch den Begriff „Entertainer“ oder so, den gab es damals nicht. Dass ich als seriöser Sohn eines doch sehr konservativen Rechtsanwalts, dass ich irgendwas anderes als Jura machen könnte, das waren bei mir höchstens ganz geheime Unterbewusstseinsgedanken, weil ich mich schon immer als Entertainer verstanden habe.
Jörg Steinleitner: Sie haben Kabarett gemacht …
Alfred Biolek: … ja, Studentenkabarett, Juristenkabarett, ich habe eine kleine Showtruppe gehabt als Referendar, mit der wir immer bei Festen aufgetreten sind. Aber beruflich war immer nur die Juristerei und die Praxis des Vaters. Erst im letzten Referendarsjahr habe ich dann angefangen zu zweifeln, ob ich denn diese Praxis überhaupt übernehmen soll. Aber dass ich Jurist bleiben würde stand außer Frage.
Jörg Steinleitner: Und Sie waren ja auch ein sehr guter Jurist, d.h. Ihr Vater hat das auch toleriert, dass Sie sich neben der Juristerei her etwas Neues aufbauen.
Alfred Biolek: Ja, das hat er toleriert, weil er wusste, dass ich mein 1. Examen als drittbester in Baden-Württemberg gemacht hatte, das zweite nur mit vollbefriedigend, aber vollbefriedigend war ja auch noch eine ganz gute Note damals – aber zu jener Zeit ließ dann so langsam die große Begeisterung für die Juristerei schon nach. Im letzten Referendarsjahr habe ich damit kokettiert, vielleicht mal als Kulturbeauftragter einer Stadt zu arbeiten, das waren ja auch oft Juristen; so wie ja auch viele Theaterregisseure früher Juristen waren. So ungewöhnlich war das nicht. Und da habe ich mir manchmal gedacht – weil mich Kultur sehr interessiert hat –, dass das vielleicht auch etwas wäre. Aber das waren eher so zaghafte Überlegungen. Eigentlich war die Juristerei schon noch ziemlich stark im Vordergrund.
Jörg Steinleitner: Dann sind Sie aber doch zum Fernsehen.
Alfred Biolek: Ja, und zwar kam ich durch den späteren Generalbundesanwalt Rebmann zum ZDF in die Rechtsabteilung. Und dort habe ich die ganzen Programmleute kennengelernt. Und die waren alle ohne Familie da, weil sie von anderen Sendern abgeworben worden waren, sie wohnten in möblierten Zimmern, wie man das damals nannte, und abends ging man in Restaurants essen und ich bei dieser Gelegenheit habe die alle unterhalten. Und so kam’s, dass irgendwann mal einer sagte: „Was machen Sie eigentlich in der Rechtsabteilung? Sie müssen ins Programm!“
Jörg Steinleitner: Das ZDF war frisch gegründet.
Alfred Biolek: Am 1. April 1963 begann das ZDF zu senden, aber nur so von acht bis zehn und dann irgendwann von sieben bis zehn; und dann gab’s ab Herbst ’63 so Servicesendungen für Hausfrauen, u.a. eben auch eine, die hieß „Tipps für Autofahrer“. Und die hat man mir dann angeboten.
Jörg Steinleitner: Ihre allererste Sendung. Wäre das denn heute überhaupt noch denkbar, dass man als Jurist einer Rechtsabteilung anfängt und nach relativ kurzer Zeit vor die Kamera wechselt?
Alfred Biolek: Schwer natürlich. Man darf ja nicht vergessen, dass das eine Art Goldgräberzeit war. Denn es gab ja nur ein paar Sender, die von der ARD, und die waren auch nicht so groß wie heute. Und es gab nicht viele Fernsehexperten. Der Unterhaltungschef vom ZDF, der allererste, der kam aus dem Musical- oder Theaterbetrieb, die Journalisten waren vorher bei Zeitungen. Seiteneinsteiger gibt es heute natürlich auch, aber ganz selten. Damals würde ich sagen, war fast die Hälfte aller, die im Programm tätig waren, vorher nicht beim Fernsehen.
Jörg Steinleitner: Was hat Ihnen in der Juristerei gefehlt, was Ihnen das andere gegeben hat?
Alfred Biolek: Also mich hat ja immer die Idee, Anwalt zu werden und die Praxis meines Vaters zu übernehmen fasziniert – ein Jahr lang habe ich sie ja auch in meinem letzten Referendarsjahr als ministeriell bestellter Vertreter geführt. Besonders hat mich dabei der Anteil der Anwaltsarbeit interessiert, der sozusagen auch Entertainment ist: Nämlich im Talar vor dem Gericht aufzutreten und ein Plädoyer zu halten, das ist ja schon fast ein bisschen Showbusiness. So wie mich an der katholischen Kirche auch das Showbusiness interessiert hat. Ich habe ja als Kind schon Priester gespielt im Gewand und wenn Sie in so ein Hochamt gegangen sind, mit Weihrauch und schönen Gewändern und mit Musik … da sind ja alle Sinne verwöhnt worden; und bei der Juristerei war es eben nicht der nüchterne Regierungsrat, sondern der Anwalt oder auch der Richter, der im Talar dasitzt. Das hat mich gereizt und es war nicht so, dass ich nicht gerne Jurist war, sondern es war so, dass sich mir einfach diese Chance, vor anderen sich als Unterhalter zu präsentieren, geboten hat und ich habe sie genutzt.
Jörg Steinleitner: Hat Ihnen in Ihrer ganzen Zeit beim Fernsehen Ihre juristische Ausbildung irgendetwas geholfen?
Alfred Biolek: Ich denke ja. Aber ich kann das jetzt nicht konkret belegen. Also eine Sache habe ich sehr schnell, als ich dann gewechselt bin, vorgenommen und auch durchgehalten. Ich habe gesagt: „Ich bin kein Jurist mehr und ich werde auf keinen Fall jetzt irgendwelche Freunde in juristischen Dingen beraten. Oder wenn ich irgendein juristisches Problem habe, werde ich nicht versuchen, das selbst zu lösen, sondern dann gehe ich zu einem Anwalt oder zu einem Freund, der noch als Jurist tätig ist …“ Also ich wollte da eine klare Trennungslinie ziehen. Aber was einem natürlich schon hilft – also jetzt weniger speziell beim Kochen – aber überhaupt im Leben und auch als Produzent, dass man einfach lernt zu subsumieren und zu unterscheiden zwischen Sachverhalten; und dass man die Dinge ein bisschen klarer sieht und nicht immer nur alles emotional, sondern auch mal rational. Also ich kann das nicht konkret belegen, aber ich bin sicher, dass mir das doch manchmal geholfen hat, aber vielleicht mehr im Unterbewusstsein.
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