Jörg Steinleitner: Die „Rosa Roth“-Krimis und viele andere erfolgreiche Filme haben Sie einem Massenpublikum bekannt und als Frau begehrt gemacht. Weniger Schlagzeilen trächtig, weil ernster und weniger sexy ist Ihre Arbeit an Ihren Israel-Projekten wie dem Hörbuch Ewigkeit dringt in die Zeit oder der im ZDF laufenden Dokumentation „Und jetzt Israel?“. Sie haben sich schon als Jugendliche für Israel interessiert. Was brachte Sie als 17-jähriges Mädchen dazu, nach Israel zu reisen?
Iris Berben: Ich war damals im Internat. Dort war das Thema Drittes Reich mit einer großen Sprachlosigkeit belegt. Die Lehrer wollten sich ihm nicht stellen. Wir durften nur ausgesuchte Nachrichtensendungen sehen. In einer habe ich dann etwas über den Sechs-Tage-Krieg in Israel gesehen. Und plötzlich ist da was geöffnet worden in mir über ein Land, über das ich gar nichts wusste. Und ich habe erfahren, dass dieses Land unter anderem entstanden ist aufgrund des Holocaust. Also war da eine Verbindung zu meinem Land. Gleichzeitig gab es eine weltweite Euphorie von jungen Leuten, die nach Israel gereist sind.
Jörg Steinleitner: Wenn Sie die „Rosa Roth“-Krimis und Ihr Israel-Engagement gegenüberstellen – ist das eine der Beruf, das andere Ihre Berufung?
Iris Berben: Ich versuche das immer gar nicht so emotional zu besetzen. Auch in „Rosa Roth“ versuche ich sehr genau die Befindlichkeiten in Deutschland zu beschreiben. Auch da gab es zum 50-jährigen Bestehen Israels einen Stoff, den ich mir gewünscht habe und z.B. einen Film, der sich mit Neo-Nazis auseinandergesetzt hat. Ich versuche in manchen meiner Arbeiten den Einfluss zu haben, auch politische Dinge zu erzählen. Aber Sie haben Recht, das eine ist meine Arbeit und das andere meine private Haltung. Ich habe diese vielen Lesungen zum Thema Israel und Drittes Reich sehr still, unbeobachtet und privat gemacht, weil ich natürlich um die Mechanismen unserer Medien weiß und ich eine große Scheu habe, dass man das, was man privat macht, in Kontext zum Beruf setzt. Dann muss man sich nämlich auf einmal rechtfertigen. In der Zwischenzeit weiß ich, ich muss mich gar nicht rechtfertigen. Dieser Spagat zwischen Feuilleton und Boulevard ist geglückt. Deshalb kann ich nun mit einer anderen Gelassenheit meine Popularität für beides nutzen.
Jörg Steinleitner: Sie wurden bereits mit dem „Leo-Baeck-Preis“, das ist der höchste Preis des Zentralrates der Juden in Deutschland, und dem „European Hero“ des Time-Magazines ausgezeichnet…
Iris Berben: Ja, diese großartigen Auszeichnungen bestätigen mich sehr in meiner Arbeit. Sie machen mich aber auch immer ein bisschen unsicher, ob das nicht genau das ist, wodurch man sich von den Menschen entfernt. Wodurch man auf diesen imaginären Sockel gestellt wird. Ich möchte ja, dass wir nicht nur an Gedenktagen, nicht nur nach einem Anschlag, sondern im Alltag an die Geschichte denken. Ich finde das auch nicht so außergewöhnlich, dass man sich dafür interessiert, die Geschichte seines eigenen Landes zu kennen. Es ist ein Anliegen, das mich als Bürger dieses Landes, als Mitglied dieser Gesellschaft angehen muss. Es ist ein Thema, das zu unserem Leben und unserer Biografie dazugehört. Ich habe gemerkt, wie unterschiedlich auf das Gefühl für Verantwortung mit Geschichte reagiert wird: entweder mit Abhaken oder Kritik an einem vermeintlichen Übermaß. Da hört man dann: „Es ist zu viel“. Häufig wird auch mit absolutem Desinteresse reagiert. Insofern ist es mein Ziel gewesen, meine eigene Populariät zu nutzen, um etwas, was ich als Bürgerin – nicht als Künstlerin – für wichtig halte, an die Öffentlichkeit zu bringen.
Jörg Steinleitner: Welches Gefühl vermitteln Ihnen die jüdischen Geschichten von „Ewigkeit dringt in die Zeit“ in Kombination mit Giora Feidmans wunderbarer Klarinettenmusik?
Iris Berben: Die Geschichten sind sehr warm, eindringlich, zärtlich, komisch. Aber auch von einer Traurigkeit, die mich berührt. Sie passen fantastisch zu Giora Feidmans Musik, der übrigens ein wunderbarer Mann ist.
Jörg Steinleitner: Von was handeln die Geschichten?
Iris Berben: Auf ganz naive Weise werden Gefühle und Ängste von Menschen beschrieben. Auch unfreiwillig komisch Dinge. Es gibt eine Geschichte, in der eine Christin und eine Jüdin so viele Jahre Nachbarn sind und jede versucht, Ihre Kinder von den religiösen Ritualen der anderen fernzuhalten. Ansonsten versteht man sich gut und auf einmal ist es dann sogar möglich, einen einzigen Raum miteinander zu teilen. Die Geschichte will uns sagen: Es ist möglich, einen unterschiedlichen Glauben zu haben und doch zusammenzuleben.
Jörg Steinleitner: Wie viel Zeit des Jahres verbringen Sie in Tel Aviv?
Iris Berben: Das ist ganz unterschiedlich. Durch die Reportage war ich fünf Wochen dort. Manchmal bin ich vier, fünf mal im Jahr dort. Israel ist mir eine Heimat geworden. Aber ich bin ja doch jemand, der gerne beschäftigt ist. Ich arbeite gerne und empfinde es als großes Privileg so arbeiten zu können, wie ich das tue: meine filme selbst aussuchen zu können, meine lesungen selbst zusammenzustellen. Es ist schön, sich immer wieder einbringen zu dürfen mit den Dingen, die für einen selber wichtig sind. Manchmal merke ich dann auch, dass mir für die sogenannte Freizeit ein bisschen wenig Raum bleibt. Vielleicht haben Sie Recht und ich sollte einfach nur mal wieder in Israel sein, um die Seele baumeln zu lassen. Da müsste ich mir allerdings die Zeit ein bisschen geschickter einteilen.
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