Vor einigen Tagen entdeckte ich bei einem Spaziergang im Hafen von Rostock eine lesende Frau auf dem Quermast eines Segelboots. Die Frau trug ein Piratenkopftuch und es sah nicht gemütlich aus, wie sie sich da schlangengleich um den Mast gewickelt hatte. Man kann gemütlicher lesen als auf dem Mast eines Piratenschiffs. Aber bald schon begriff ich: Wer die Welt und das Buch retten will, muss unkomfortable Situationen auf sich nehmen.
Die Seeräuberin entpuppte sich als die Leseaktivistin Hertha K. Mit raunender Stimme machte sie mich auf geheime Pläne der Geheimen Weltwirtschaftsorganisation (GWWO) aufmerksam. Seither bin ich Alarmstufe Rot. Hertha K. sagt nämlich, dass die GWWO sich die erfolgreiche Durchsetzung des Rauchverbots zum Vorbild nehmen möchte: Im Geheimen bereitet sie die Einführung eines Leseverbots vor. Denn laut GWWO und einer unveröffentlichten Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung (IWF) lesen zu viele Menschen zu viel. Die GWWO befürchtet drastische Folgen für das Wirtschaftswachstum.
Laut der IWF-Studie hält die viele Zeit, die viele Menschen lesend verbringen, dieselben Menschen davon ab, Geld zu verdienen oder dasselbe für umsatzstärkere und weniger Zeit raubende Waren als Bücher auszugeben. Die Studie geht davon aus, dass jeder durchschnittliche Mensch (DM) durchschnittlich 28 durchschnittliche Minuten pro durchschnittlichen Tag liest. Wenn dieser DM gerade nicht liest, denkt er laut Studie zudem durchschnittlich weitere 13 Minuten über das Gelesene nach und tauscht sich durchschnittlich 15,5 Minuten mit anderen durchschnittlichen Lesern (DL) über das Gelesene aus. Dabei kommen brisante Themen zur Sprache wie: Was habe ich gelesen? Was hast du gelesen? Wie war es? Und: Was liest du als nächstes?
Hinzu kommt laut IWF, dass fast alle DL sich pro Tag 12 Minuten mit dem Kauf von und der Recherche nach Büchern beschäftigen; 3 Minuten mit dem Einordnen von Büchern in Bücherregale sowie 4 Minuten mit dem Aufheben von Büchern vom Boden, dem Entstauben und Aufstapeln derselben. Insgesamt kommt die Studie zu dem Schluss, dass zu viele Menschen 1,2583333333 Stunden pro Tag dem Buch und seiner Pflege widmen. Würden diese Menschen in diesen knapp eineinhalb Stunden Aktien im Wert von 1 Million Euro kaufen und der Aktienkurs würde um nur 1 Prozent steigen, würden diese Menschen einen Mehrwert von mehr als 10.000 Euro schaffen – in nur 1,2583333333 Stunden!
Die GWWO glaubt, auf diesen Mehrwert nicht mehr verzichten zu können, denn bei 80 Millionen Deutschen würde sich der Gewinn pro Stunde auf rund 800.000.000.000 Euro erhöhen. Anders herum und einzeln betrachtet, könnte ein nicht lesendes Individuum mit seinen 10.000 Euro zum Beispiel den linken vorderen Blinker eines durchschnittlichen Porsche kaufen und so die deutsche Autoindustrie, deren Absatzzahlen laut einer anderen aktuellen IWF-Studie auf dem chinesischen Markt demnächst einbrechen werden, stützen.
„Nur eine Stunde Leseverzicht pro Tag würde die deutsche Autoindustrie retten“, stellt deshalb der Leiter der Studie und IWF-Direktor Prof. Dr. Hösenköttel-Münch fest. Und erläutert auch gleich, wie dieser Leseverzicht erreicht werden soll: Ähnlich wie beim Rauchverbot sollen Bücher zukünftig nicht mehr mit manipulativ ansprechenden Aufdrucken versehen werden, sondern mit Fotos von Lesegeschädigten. Hösenköttel-Münch denkt an Menschen mit dicken Brillengläsern, krummen Rücken und Sehnenscheidenentzündungen vom vielen Umblättern. Man ist bereit, neue Wege zu gehen. Sogar das Bild eines von einem Bücherregal erschlagenen DL aus Wuppertal soll der Illustration dienen.
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