„Wer Sünde sät“ – Frauenarzt Hans W. Cramer im Interview

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„Wer Sünde sät“ – Frauenarzt Hans W. Cramer im Interview

26. August 2016 | Interview: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten


Ein Klassentreffen, eine verschwundene Arztgattin und eine mysteriöse Wachsleiche auf einem Golfplatz in Bad Sobernheim. In seinem ersten Thriller katapultiert Frauenarzt Hans W. Cramer eine Familie aus ihrem normalen Alltag mitten hinein in ein Horrorszenario. Im Interview spricht der Autor über sein Schreiben, aber auch über Erfahrungen mit Gewaltopfern in seiner Arztpraxis.

„Kinder von gewalttätigen Eltern neigen selbst eher zu Gewalt.“ Hans W. Cramer

Herr Dr. Cramer, Ihr Thriller spielt unter Ärzten, Anwälten, Staatssekretären, Philosophen und IT-Experten, mithin in Deutschlands besten Kreisen, zu denen Sie als Frauenarzt auch gehören. In Ihrem Roman aber wird vergewaltigt, gemordet und entführt. Ganz ehrlich: Wie mörderisch ist Ihr eigenes Umfeld?

Da muss ich tatsächlich etwas schmunzeln. Nein. Mein Umfeld ist – glücklicherweise – frei von solchen Abscheulichkeiten. Allerdings fasziniert mich schon lange der phantasievolle Umgang damit: Ist es immer nur Habgier, Eifersucht oder purer Egoismus, der jemanden zum Verbrecher werden lässt? Oder sind da zumindest manchmal auch innere Zwänge, eine verkorkste Kindheit oder schlicht das Umfeld mit verantwortlich? Kurz gesagt: Kein direktes Verbrechen in meinem Umfeld, aber viel in meinem Kopf.

Foto von Hans W. Cramer - Autor von "Wer Sünde sät" - Copyright: privatKommen Sie als Frauenarzt gelegentlich mit echten Verbrechen in Berührung?

Das ist leider so. Meistens sind es Gewalttätigkeiten in der Ehe, Partnerschaft oder auch in der Familie gegen Kinder. Manchmal körperlich und sehr oft psychischer Natur. Natürlich erlebe ich nur die weibliche Seite dieser Problematik und bin daher sehr einseitig damit befasst, aber trauriger Fakt ist und bleibt, dass dies ein großes Problem auch in unserer Gesellschaft ist.

Man sagt ja immer, dass Kripoleute und Krimiautoren auch eine finstere Seite in sich tragen müssen. Hätte aus Ihnen auch ein Verbrecher werden können?

Ich denke, jeder von uns hat eine dunkle Seite. Kein Mensch ist einfach nur gut. Und wenn wir ehrlich sind, hat jeder schon einmal einen „verbrecherischen“ Gedanken gehabt. Es geht darum, wie wir mit dieser Seite umgehen. Und nein; ein Verbrecher hätte aus mir nicht werden können, dazu ist, glaube ich, mein Gewissen zu stark ausgebildet.

Was fasziniert Sie am Bösen?

Eigentlich fasziniert mich das Gute viel mehr! Aber, wie ich schon sagte, die Entstehung des Bösen in einem Menschen, oder besser gesagt, warum lässt er es zu, die Motive eben, die faszinieren mich tatsächlich.

„Wer Sünde sät“erzählt eine raffinierte Geschichte um ein Klassentreffen, eine verschwundene Arztgattin und eine mysteriöse Wachsleiche auf einem Golfplatz in Bad Sobernheim. Wissen Sie noch, was der Ausgangspunkt für Ihren Plot war?

Es waren sogar zwei Ausgangspunkte, die mich zu diesem Plot gebracht haben. Zum einen ein reales Klassentreffen mit „meinen“ Internatlern 2010 in der Pfalz; zum anderen die häufig zu beobachtende Tatsache, dass Kinder von gewalttätigen Vätern oder auch Müttern ebenfalls in ihren Beziehungen zu diesem Handeln neigen. Beides wollte ich gerne in diesem Roman ein- und aufarbeiten; soweit ein Aufarbeiten davon überhaupt möglich ist.

In Ihrem Roman spielen Sie nicht nur mit der Spannung, sondern auch mit den Perspektiven. Meist erzählen Sie in der dritten Person, doch bei Dr. Ulrich Beilstein, machen Sie eine Ausnahme. Warum?

Der Perspektivenwechsel ist eine der stärksten Methoden, den Leser mitzureißen. Sehe ich das Geschehene aus den Augen und mit den Empfindungen eines Protagonisten, bleibe aber in der dritten Person, so kann der Leser zwar nachvollziehen, was gerade mit Person X passiert, bleibt aber in einer gewissen Distanz. Die stärkste Perspektive ist die Ich-Form, womit man den Leser fast zwingt mit dem Protagonisten mit zu leiden, sich zu freuen oder eine Spannung auszuhalten. Das war hier bei Ulrich Beilstein meine Intention.

Dr. Beilstein ist Klinikarzt und sieht sich vor ein Horrorszenario gestellt: Seine Frau Nora verschwindet, als sie vor dem Abendessen nur noch einmal kurz das Haus verlässt, um in der Tankstelle eine Flasche Weißwein zu holen. Lassen Sie die Mitglieder Ihrer Familie abends noch allein zur Tankstelle? Wie präsent sind Ihre Krimi-Phantasien in Ihrem Alltag – sehen Sie alles durch die Brille des Verbrechers?

Da kann ich doch ganz gut unterscheiden. Das, was ich schreibe, bleibt natürlich in meiner Phantasie und sickert nicht in meinen Alltag hinein. Allerdings kann ich nicht leugnen, dass mich ein Buch während des Schreibens so sehr packen kann, dass ich manchmal aufpassen muss, mich auf das zu konzentrieren, was gerade ansteht.

Der oder die Entführer untersagen Dr. Beilstein per Brief, die Polizei einzuschalten. Daran hält er sich. Aber er stellt sich ein sehr spezielles eigenes Ermittlerteam zusammen, bestehend aus einem Philosophiedozenten, einer Notfallmedizinerin und einem Informatiker. Wenn Sie die drei kurz charakterisieren, was zeichnet sie aus?

Diese drei, die auch in meinem nächsten Krimi eine noch herausragendere Rolle spielen werden, sind ein Gemisch aus Charakteren, die ich tatsächlich kenne. Keiner der drei ist identisch mit einer lebenden Person aus meinem Umfeld, aber ich habe mir von echten Menschen bestimmte Eigenschaften quasi ausgeliehen und sie in die drei fiktiven Ermittler eingepflanzt.

Jetzt sind wir aber gespannt …

Da ist Philo, erzkonservativ, leicht vergeistigt, hoch intelligent mit einer schweren Kindheit – das wird im nächsten Buch erklärt –, die ihn bis heute prägt. Raster, Technik- und Elektronikfreak, gibt sich betont lässig, ist aber überaus sensibel. Und Sabine, die breit interessierte, hübsche Ärztin: steht über allem und leidet doch massiv unter dem Wunsch, einen Mann zu finden, der eigentlich wie ihr Vater sein sollte …

Einen Thriller zu schreiben kostet viel Energie und Zeit. Wie bekommen Sie das mit Ihrer Arztpraxis in Einklang – schreiben Sie auch nachts?

Nein. Wobei mir manchmal auch nachts Ideen kommen, die ich dann zumindest kurz skizzieren muss, um sie nicht wieder zu vergessen. Ich schreibe, bedingt durch meinen Hauptberuf, sehr unstetig. Es gibt Wochen, wo gar nichts geht, dann wieder ein Wochenende nach dem anderen, in denen ich sehr fleißig sein kann. Das größte Pensum schaffe ich, wenn ich ein- bis zweimal im Jahr einen Freund in Griechenland besuche, bei dem ich dann, vor einem seiner kleinen Ferienhäuser unter einem Olivenbaum sitzend, teilweise acht bis zehn Stunden am Tag schreibe.

Hans W. Cramer

Geboren in Gummersbach im Bergischen Land, verbrachte Hans W. Cramer einen Teil seiner Schulzeit auf einem Internat in der Nordpfalz, nahe des Schauplatzes seines Romans. Nach seinem Medizinstudium in Bochum…
Zur Biografie von Hans W. Cramer

Hans W. Cramer

Geboren in Gummersbach im Bergischen Land, verbrachte Hans W. Cramer einen Teil seiner Schulzeit auf einem Internat in der Nordpfalz, nahe des Schauplatzes seines Romans. Nach seinem Medizinstudium in Bochum…
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