„Kinder von gewalttätigen Eltern neigen selbst eher zu Gewalt.“ Hans W. Cramer
Herr Dr. Cramer, Ihr Thriller spielt unter Ärzten, Anwälten, Staatssekretären, Philosophen und IT-Experten, mithin in Deutschlands besten Kreisen, zu denen Sie als Frauenarzt auch gehören. In Ihrem Roman aber wird vergewaltigt, gemordet und entführt. Ganz ehrlich: Wie mörderisch ist Ihr eigenes Umfeld?
Da muss ich tatsächlich etwas schmunzeln. Nein. Mein Umfeld ist – glücklicherweise – frei von solchen Abscheulichkeiten. Allerdings fasziniert mich schon lange der phantasievolle Umgang damit: Ist es immer nur Habgier, Eifersucht oder purer Egoismus, der jemanden zum Verbrecher werden lässt? Oder sind da zumindest manchmal auch innere Zwänge, eine verkorkste Kindheit oder schlicht das Umfeld mit verantwortlich? Kurz gesagt: Kein direktes Verbrechen in meinem Umfeld, aber viel in meinem Kopf.
Kommen Sie als Frauenarzt gelegentlich mit echten Verbrechen in Berührung?
Das ist leider so. Meistens sind es Gewalttätigkeiten in der Ehe, Partnerschaft oder auch in der Familie gegen Kinder. Manchmal körperlich und sehr oft psychischer Natur. Natürlich erlebe ich nur die weibliche Seite dieser Problematik und bin daher sehr einseitig damit befasst, aber trauriger Fakt ist und bleibt, dass dies ein großes Problem auch in unserer Gesellschaft ist.
Man sagt ja immer, dass Kripoleute und Krimiautoren auch eine finstere Seite in sich tragen müssen. Hätte aus Ihnen auch ein Verbrecher werden können?
Ich denke, jeder von uns hat eine dunkle Seite. Kein Mensch ist einfach nur gut. Und wenn wir ehrlich sind, hat jeder schon einmal einen „verbrecherischen“ Gedanken gehabt. Es geht darum, wie wir mit dieser Seite umgehen. Und nein; ein Verbrecher hätte aus mir nicht werden können, dazu ist, glaube ich, mein Gewissen zu stark ausgebildet.
Was fasziniert Sie am Bösen?
Eigentlich fasziniert mich das Gute viel mehr! Aber, wie ich schon sagte, die Entstehung des Bösen in einem Menschen, oder besser gesagt, warum lässt er es zu, die Motive eben, die faszinieren mich tatsächlich.
„Wer Sünde sät“erzählt eine raffinierte Geschichte um ein Klassentreffen, eine verschwundene Arztgattin und eine mysteriöse Wachsleiche auf einem Golfplatz in Bad Sobernheim. Wissen Sie noch, was der Ausgangspunkt für Ihren Plot war?
Es waren sogar zwei Ausgangspunkte, die mich zu diesem Plot gebracht haben. Zum einen ein reales Klassentreffen mit „meinen“ Internatlern 2010 in der Pfalz; zum anderen die häufig zu beobachtende Tatsache, dass Kinder von gewalttätigen Vätern oder auch Müttern ebenfalls in ihren Beziehungen zu diesem Handeln neigen. Beides wollte ich gerne in diesem Roman ein- und aufarbeiten; soweit ein Aufarbeiten davon überhaupt möglich ist.
In Ihrem Roman spielen Sie nicht nur mit der Spannung, sondern auch mit den Perspektiven. Meist erzählen Sie in der dritten Person, doch bei Dr. Ulrich Beilstein, machen Sie eine Ausnahme. Warum?
Der Perspektivenwechsel ist eine der stärksten Methoden, den Leser mitzureißen. Sehe ich das Geschehene aus den Augen und mit den Empfindungen eines Protagonisten, bleibe aber in der dritten Person, so kann der Leser zwar nachvollziehen, was gerade mit Person X passiert, bleibt aber in einer gewissen Distanz. Die stärkste Perspektive ist die Ich-Form, womit man den Leser fast zwingt mit dem Protagonisten mit zu leiden, sich zu freuen oder eine Spannung auszuhalten. Das war hier bei Ulrich Beilstein meine Intention.
Für den Chat bitte einloggen