Naomi Wood „Als Hemingway mich liebte“.Buchvorstellung | BUCHSZENE

In „Als Hemingway mich liebte“ schreibt Naomi Wood über die Ehefrauen Ernest Hemingways und seine sensitive Seite.

Vier Frauen – ein Mann

4. April 2017 | Tina Rausch

„Es klingt sehr albern. Aber wirklich zwei Frauen gleichzeitig zu lieben, sie aufrichtig zu lieben, ist das Zerstörerischste und Furchtbarste, was einem Mann passieren kann“, schreibt Ernest Hemingway. Und der entscheidende Nachsatz: „wenn die Unverheiratete es sich in den Kopf setzt, ihn zu heiraten.“

Diese persönliche Katastrophe beschreibt er im 1964 posthum erschienenen Erinnerungsbuch „Paris, ein Fest fürs Leben“. Dort haust der frisch verheiratete Auslandskorrespondent und künftige Schriftsteller in den 20er Jahren mit Ehefrau Hadley und geht schon mal in den Jardin du Luxembourg, um Tauben fürs Abendessen zu jagen. Per Hand, versteht sich. Als das Paar auf die wohlhabende “Vogue”- Korrespondentin Pauline Pfeiffer, genannt Five, trifft, entsteht eine Freundschaft, die in einer Ménage-à-trois gipfelt. Details gehörten nicht in dieses Buch, meint Ernest Hemingway.

In „Paris, ein Fest fürs Leben“ erzählt Ernest Hemingway von einer Dreiecksbeziehung

Hier setzt “Als Hemingway mich liebte” ein. Der englische Titel “Mrs. Hemingway” passt besser, denn Naomi Wood lässt in ihrem Roman die vier Frauen aufmarschieren, die der Schriftsteller nacheinander ehelichte. Aufgeteilt in die Abschnitte “Hadley”, “Five”, “Martha” und “Mary” verleiht die Autorin jeder eine eigene Stimme. Pikant sind die Übergänge: Wenn sich Ernest Hemingway von Pauline wegen der jungen Kriegsreporterin Martha Gellhorn trennt, sich diese Beziehung mit der zur Journalistin Mary überlappt, übernimmt Naomi Wood erst die Perspektive der Noch-Ehefrau – und dann die ihrer Nachfolgerin. “Du liebst immer zu Beginn, wenn es am einfachsten ist zu lieben”, sagt Pauline zu Ernest. “Und wenn du weiter so durchs Leben gehst, wirst du nie über den Anfang hinauskommen.”

Für „Als Hemingway mich liebte“ hat Naomi Wood sehr akribisch recherchiert

Zwar betont die Autorin im Nachwort, dass ihr Werk rein fiktiver Natur ist, doch sie hat ihre Hausaufgaben gemacht. Bevor sie ihre Fantasie walten ließ, reiste sie auf Ernest Hemingways Spuren durch die Welt, durchforstete Archive und Nachlässe nach Korrespondenzen, Telegrammen, Tagebüchern, Notizen, Interviews, las Hemingway-Biografien und die seiner Frauen. In den Briefen entdeckte Naomi Wood die weiche, emotionale Seite des berüchtigten Machos. Um diese freizulegen, orientierte sie sich an seiner Eisberg-Theorie: Das angelesene Wissen im Kopf, beweist sie Mut zur Lücke und erzählt entlang der biografischen Fakten ihre Version der Geschichte.

Wie gut sich die Frauen untereinander verstanden, überraschte Naomi Wood bei ihrer Recherche am meisten. So fragt Pauline Hadley um Rat, als ihr Mann eine Affäre beginnt, später freundet sich Mary mit Pauline an. “Tja, meine Frauen”, lässt Naomi Wood Ernest Hemingway sinnieren. “Sie haben die Eigenart, sich zu finden, ohne dass ich auch nur das Geringste dazu tue.”

„Die Geschichten sind alle erfunden“, heißt es in „Paris, ein Fest fürs Leben“ – von wegen!

Die Dialoge und wörtlichen Reden machen den Roman so lebendig wie authentisch. Damit folgt Naomi Wood der Poetik des Meisters: “Dichten heißt, mit der Fantasie aus dem Wissen schöpfen, das man besitzt”, zitiert der Biograf A.E. Hotchner den Nobelpreisträger. “Gelingt das, dann ist das Produkt realer als das Vorbild.” Zu hoch gegriffen? Nun: “Als Hemingway mich liebte” ist ein sorgfältig recherchierter, klug komponierter Roman. Er zeigt neue Facetten des Autors, beschreibt, wie dieser über der panischen Angst, alleine zu sein, sich selbst verliert. Und er weckt die Lust, Ernest Hemingway im Original (wieder) zu lesen. “Die Geschichten in diesem Buch sind alle erfunden”, heißt es in “Paris, ein Fest fürs Leben”, “und das Erfundene wirft vielleicht etwas Licht auf das, was als Tatsache geschrieben wurde.”


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