Wenn Ronja tot ist, herrscht Alarm auf dem Kolumnisten-Hof! – Eine Tier-Kolumne von Jörg Steinleitner | BUCHSZENE.DE

Manchmal macht das Grauen psychopathischer Mörder nicht einmal vor dem Kolumnisten-Hof halt. Heute berichte ich von Fuchs und Wachtel, Katze und Hund – und von einem Tierarzt, der so abgebrüht ist, dass einem die Spucke wegbleibt. Das eigentliche Drama aber war der Tod unserer Wachtel. Das damit verbundene Unglück unserer Tochter Elsa konnte da nur noch ein wahres Wunder retten. Ob es wohl auch eintrat?

Wenn Ronja tot ist, herrscht Alarm auf dem Kolumnisten-Hof! – Eine Tier-Kolumne von Jörg Steinleitner

5. September 2016 | Kolumne: Jörg Steinleitner

„Und mit Eiseskälte nimmt das Grauen seinen Lauf.“

Zweifellos liebt nicht jeder, der Bücher liebt, auch Tiere. Wenn jedoch die Wachtel, die nachts wegen des Fuchses im abgesperrten Stall zu sitzen hat, früh morgens vor der Haustür herumhüpft, dann ist Alarm aufm Hof und der Kolumnist legt jedes Buch zur Seite, um zum Wachtelstall zu eilen. Schon nimmt das Grauen mit Eiseskälte seinen Lauf: Im Stall sitzt nurmehr die Wachtel Karlsson. Ronja, die bravste, die Unschuld, ja, sie fehlt. Wer hat gestern den Stall nicht zugemacht? Wie bringe ich es meiner Tochter Elsa bei, dass ausgerechnet ihre Wachtel einem fiesen Mörderfuchs zum Opfer gefallen ist? Fieser, psychopatischer Mörderfuchs! Wo ist das Gewehr?

„Ich sage: ‚Hör mal, Elsa, es gibt da was … also … Ronja ist tot.‘“

Ich steige nach oben. Elsa liest im Bett „Skogland“. Ihr Blick trifft meinen Blick. Ich sage: „Hör mal, Elsa, es gibt da was … also … Ronja ist tot.“ Die Tränen quellen aus ihren Augen wie schmelzendes Wachs. Es zerreißt mir das Herz. Wirre Gedanken schießen durch meinen Kopf: Ich würde den Fuchs gerne killen. Ich würde gerne eine neue Wachtel kaufen. Ich würde den Stall-Nicht-Verschließer in unserer Familie gerne zur Rede stellen. Alles Quatsch. Hier weint ein Kind und eine Wachtel ist tot. Ende. Ich nehme Elsa in den Arm. Ihre Tränen nässen durch mein T-Shirt.

„Der Designer Dominic Wilcox hat eine Kunstausstellung für Hunde entwickelt.“

Es ist verrückt: Eine Wachtel kostet auf dem Kleintiermarkt nicht einmal fünf Euro. Dafür bekommt man kein Taschenbuch. Was ist los mit uns Menschen, dass wir mit Tieren eine derart enge Bindung eingehen? Im Nachrichtenmagazin Spiegel lese ich, dass der Designer Dominic Wilcox eine Kunstausstellung für Hunde entwickelt hat. Der kurze Text ist bebildert mit einem Schäferhund und zwei anderen Kleffern, die vor Gemälden sitzen und sie scheinbar ansehen. In Wahrheit hat Wilcox die Bilder mit Duftstoffen versehen, sie riechen nach Fleisch.

„Eine Kunstausstellung für Hunde.“

Auch Konzerte für Tiere gibt es bereits. Vor einigen Kolumnen habe ich über den Cellisten David Teie geschrieben, der diese Musik komponiert – „tiBook! Denn auch Tiere wollen lesen!“ Damals fragte ich mich, ob wir noch alle Tassen im Schrank haben. Heute sehe ich Elsa weinen und würde für ihre Wachtel Ronja sofort eine Ausstellung organisieren, könnte ich das Tier damit wieder aus dem Fuchsbauch holen.

„Nicht weinen. Herzinfarkt. Katze alt und fett. Willst du Schachtel oder soll ich schmeißen weg?“

Kürzlich erzählte mir eine Nachbarin, wie sie mit ihrer sterbenskranken Katze zum Tierarzt gefahren ist. Auf der Fahrt ist die Katze gestorben. Heulend trug die Frau die Katze in die Praxis. Genau wie ich mit unserer Wachtel jetzt, hoffte sie auf ein Wunder. Der Tierarzt, ein alter, erfahrener Mann, der irgendwo im Osten geboren ist, was man seinem Deutsch noch ein wenig anhört, untersuchte das Tier und sagte: „Nicht weinen. Herzinfarkt. Katze alt und fett. Willst du Schachtel oder soll ich schmeißen weg? – Sage mir, wie geht es Mamma und Pappa?“

P.S.: Bei uns geschah heute dann doch noch ein Wunder: Die Wachtel Ronja hatte sich unter einem Busch im Garten versteckt. Der perfide Mörderfuchs hat in der vergangenen Nacht einen anderen Garten heimgesucht. Zum Glück nicht unseren.

P.P.S. An alle Füchse: Das Gewehr ist geladen. Lasst die Pfoten von unseren Wachteln, sonst knallt’s.

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.


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