LKA-Mann Quercher vermutet als Motiv für die Übergriffe auf Nina Poschner zunächst Ninas Engagement, ein Internat für Flüchtlingskinder zu gründen. Doch dann findet Quercher heraus, dass Nina vor Jahren medizinische Versuche in Afrika durchführte und dabei über Leichen ging. Im Interview spricht Calsow über die Schwierigkeiten, die es in sich birgt, am paradiesischen Tegernsee zu leben, über eine schöne schwarze Frau im Dirndl und seinen neuen Krimi.
„Menschen, die im Paradies wohnen, mögen keine Kritik.“
Herr Calsow, Ihre Kriminalromane um den Kripomann Quercher spielen am Tegernsee. Für Menschen, die nicht in dieser Idylle leben, ist es kaum zu glauben, dass Quercher manchmal der Tegernsee-Blues befällt. Sie selbst leben dort. Bitte erklären Sie uns: Wie und weshalb kann man am paradiesischen Tegernsee den Blues bekommen?
Menschen, die im Paradies wohnen, mögen keine Kritik. Das stört. Sie wollen dauerhaft bestätigt werden, wie Köche, die dauernd den Gast fragen: „Schmeckt’s, schmeckt’s wirklich?“ Das ist anstrengend, führt halt zum Blues.
Wie auch in Ihren drei anderen drei Quercher-Romanen, bewegt sich die Handlung sehr nah an der Realität. Sie benennen Örtlichkeiten und beschreiben Personen so genau, dass jeder, der sich ein wenig auskennt, sofort weiß, wer gemeint ist. Sie bezeichnen politische „Speichellecker“ als solche und nehmen auch sonst kein Blatt vor den Mund. Wurden Sie schon einmal bedroht?
Ach, die üblichen Schnappatmungen gibt es schon mal. Bayerische Politik bevorzugt das Monarchische. Da wird Kritik schnell zur Majestätsbeleidigung. Dieses Erdoganeske hat aber zuweilen ganz heitere Momente.
Über den Tegernsee kursieren so viele Klischees. Wenn Sie drei typische Figuren des Tegernseer Tals beschreiben sollten, welche wären das?
Die Tal-Aboriginie, zweite Vorsitzende im Trachtenverein, die gern das Geld der Zuagroasten nimmt, aber sie mit tiefer Verachtung betrachtet.
Das zuagroaste Ehepaar mit zu viel Gesichtsbräune, das gerade die Schraubenfabrik in Nordhessen einer „Heuschrecke“ oder dem debilen Sohn vermacht, ein überteuertes Landhaus gekauft hat, Tracht von Loden-Frey trägt, beim Holnburger „Brezeln und weiße Würste“ mit lauter Stimme bestellt.
Und last but not least: der Esoteriker. Kennt Kraftorte, verdingt sich bei reichen Damen mit viel Tagesfreizeit und Hitzewallungen als Engelssucher und lebt bei Mutti in der Ferienpension.
In „Quercher und das Seelenrasen“ lassen Sie eine schöne schwarze Frau im Dirndl auftreten, die perfektes Bairisch redet und vom Ministerpräsidenten den Bayerischen Verdienstorden verliehen bekommt. Da mussten Sie jetzt aber tief in die Trickkiste der Phantasie greifen, oder?
Überhaupt nicht. Guggst Du: merkur.de/lokales
Es gibt den Tal-Aboriginie, den Zuagroasten und den Esoteriker.
Die schwarze Diara Poschner wird ausgezeichnet, weil Sie sich für Flüchtlinge einsetzt. Wie war das im vergangenen Jahr, als die Flüchtlingswelle auch das Tegernseer Tal ergriff? Waren die Tegernseer gastfreundlich?
Für den Chat bitte einloggen