Dr. Mareike Awe: Weg mit der Waage. Plädoyer | BUCHSZENE

Wer vom Wohlfühlgewicht träumt, sollte die Waage aus seinem Leben verbannen! Dr. Mareike Awe, Autorin des Hörbuchs und Buchs „Wohlfühlgewicht“, erläutert wieso und liefert eine Checkliste.

Kontrolle triggert dein Diät-Ich, sagt Dr. Mareike Awe, und verhindert den Weg zum „Wohlfühlgewicht“

28. Januar 2020 | Dr. Mareike Awe

Titelbild Wohlfühlgewicht Thema Kontrolle verhindert

©Voyagerix shutterstock-ID706354306

Wenn du es mit deinem Wohlfühlgewicht wirklich ernst meinst, empfehle ich dir von Herzen, dich nicht weiter täglich zu wiegen. Die Gründe dafür möchte ich dir gern erläutern.

Grund Nr. 1: Natürlich schlanke Menschen wiegen sich nicht oder nur sehr selten.

Wenn du einen natürlich schlanken Menschen fragst, wie viel er wiegt, wirst du oftmals feststellen, dass er nicht einmal eine Waage besitzt und sein Gewicht schätzen muss. Die Waage hat einfach keine Relevanz in seinem Leben, da natürlich schlanke Menschen vollkommen entspannt sind und ihrem Körpergewicht und ihrem Körper vertrauen. Sie können dir also nicht nur in Bezug auf ihr Essverhalten ein Vorbild sein, sondern auch hinsichtlich ihres Körperbildes und dem Umgang mit ihrem Gewicht.

Grund Nr. 2: Dein Gewicht dokumentiert nicht deinen wahren Fortschritt.

Auf der Reise zu deinem langfristigen Wohlfühlgewicht finden viele innere Transformationsprozesse statt, die du mit der Waage überhaupt nicht messen kannst. Das bedeutet: Es kann sein, dass du bereits viele Denkgewohnheiten umgestellt hast, sich das jedoch noch nicht auf der Waage zeigt. In diesem Fall kann es sehr deprimierend sein, sich zu wiegen, weil du fälschlicherweise denkst: Na toll, das geht ja gar nicht voran.

Denk immer daran, wie du einem kleinen Kind das Laufen beibringen würdest. Du würdest es schon anfangen zu loben, wenn es sich selbstständig hinsetzen und aufstehen kann, nicht erst dann, wenn es die ersten richtigen Schritte macht! Wenn du ein kleines Kind nicht feierst, das zum ersten Mal aufsteht, oder wenn du es dafür belächelst, dass es gleich wieder auf seinem Windelpopo landet, wird es höchstwahrscheinlich schnell entmutigt sein.

Grund Nr. 3: Dein Gewicht unterliegt ständigen Schwankungen.

Dein Gewicht schwankt einfach mal so, und zwar ohne dass du an Fett zugenommen hast, von einem Tag auf den anderen um bis zu drei Kilo. Das kann aufgrund von ganz natürlichen Prozessen wie physiologischen Wassereinlagerungen und deiner Verdauung passieren. Wenn du morgens auf der Waage stehst und zwei Kilo mehr wiegst, ist es sehr wahrscheinlich, dass du einen neuen Glaubenssatz entwickelst: Ich kann meinem Körper nicht vertrauen! Dann fällst du ganz schnell wieder in den Verzicht- und Diätmodus.

Grund Nr. 4: Kontrolle ist das Gegenteil von Vertrauen.

Stell dir vor, du hättest jeden Tag Angst, dass die Decke deiner Wohnung einstürzt. Glaubst du, du könntest dich noch auf irgendetwas anderes in deiner Wohnung konzentrieren, geschweige denn in Ruhe dein Essen genießen? Ich glaube kaum. Wenn du dich ununterbrochen kontrollierst – sei es durch Kalorienzählen oder durch tägliches Wiegen –, wird es schwer, dich auf deine Intuition zu verlassen, weil du dich andauernd im Stressmodus befindest und mit einem chronisch erhöhten Cortisolspiegel herumläufst. Intuitives Essen bedeutet, dir zu 100 Prozent zu vertrauen. Kontrolle ist das Gegenteil von Vertrauen. Natürlich schlanke Menschen vertrauen einfach. Genau wie sie wissen, dass es relativ unwahrscheinlich ist, dass ihnen die Wohnzimmerdecke auf den Kopf fällt, sind sie auch davon überzeugt, dass ihr Körper sein Gewicht problemlos halten wird.

Grund Nr. 5: Kontrolle triggert dein Diät-Ich.

Dein Diät-Ich macht nichts lieber, als sich den lieben langen Tag zu kontrollieren und einen Kopf darum zu machen, ob die letzte Essensentscheidung richtig oder falsch war. Ich weiß noch genau, wie ich früher beim Essen ständig die Kalorien zusammenrechnete und überschlug, ob ich durch diese Mahlzeit zunehmen würde. Von Genuss konnte keine Rede sein. Ich nahm mein Essen nicht mehr richtig wahr, nur die Kalorienzahl, die dahinterstand, und wie sich meine Nahrungsaufnahme am nächsten Tag auf der Waage bemerkbar machen würde. Ich hatte fürchterliche Angst davor, weshalb ich mich umso häufiger kontrollierte. Und mein wahres Ich hatte keine Chance!

Vielleicht fragst du dich, ob du dich in Zukunft gar nicht mehr wiegen darfst. Ich werde dir sicherlich nichts verbieten und wünsche dir, dass du dich zukünftig auf die Waage stellen kannst, ohne deine Stimmung davon abhängig zu machen. Allerdings empfehle ich dir, dich gerade in den ersten Wochen des intuitiven Essens nicht zu wiegen, um in aller Ruhe Erfahrungen zu sammeln. Ich selbst verkaufte tatsächlich meine Waage irgendwann, da ich keine Lust mehr auf die ständige Kontrolle und Anspannung rund um mein Körpergewicht hatte. Außerdem stellte ich fest, dass mich regelmäßiges Wiegen wieder zurück in die Diätmentalität warf – was früher oder später automatisch eine Gewichtszunahme bedeutete. Das Wichtigste aber ist: Dein Wohlfühlgewicht ist viel mehr als eine Zahl auf der Waage.

Phasenweise zuzunehmen, ist ganz normal – z.B. durch Sport

Ich empfehle dir, dein Körpergewicht von heute an nicht mehr als Maßstab deines Erfolgs zu verstehen, sondern vielmehr dein Gefühl für deine körpereigene Gesundheit. Ich habe zum Beispiel die Erfahrung gemacht, dass ich in Phasen, in denen ich mehr Sport treibe, immer ein wenig zunehme und dabei trotzdem gesünder und damit besser aussehe.

Ein wirklich guter Erfolgsmaßstab ist in meinen Augen dein Spiegelbild, und zwar am besten, wenn du nackt bist. Mit den Mentalübungen wirst du zuerst deine Sichtweise auf deinen Körper verändern und dich schöner und schlanker „sehen“. Als Folge deines neuen Körpergefühls wird sich dann auch dein Körper verändern. Der beste Indikator, dass du auf dem richtigen Weg bist, ist, wenn du dein Wohlfühlgewicht erreichst, aber dich nicht so sehr wie in Diätzeiten darüber freust – weil es sich einfach normal anfühlt.

Der Kummer „perfekt aussehender“ Frauen

Auch dein Wohlbefinden zeigt dir an, dass du Erfolg hast. Sobald du dich wohler mit deinem Körper und deinem Essverhalten fühlst, kannst du davon ausgehen, dass du auf dem richtigen Weg bist.

Ich dokumentierte insbesondere zu Beginn meiner Reise, aber auch zwischendurch jedes einzelne Erfolgserlebnis in meinem Smartphone und in meinem Tagebuch. Und damit meine ich nicht den Verlust meiner Kilos auf der Waage, sondern zum Beispiel Momente, in denen ich meinen Hunger eindeutig spürte oder mich wohler in meiner Haut fühlte. Das bestärkte meinen positiven Realitätskreislauf derart, dass ich mich bald in einer guten Aufwärtsspirale befand und gar nicht anders konnte, als erfolgreich intuitiv zu essen.

Übrigens: Der „perfekte Körper“ ist nichts wert, wenn du dich von innen heraus schlecht fühlst. Glaub mir, ich spreche aus Erfahrung! Und ich kenne „perfekt aussehende“ Frauen, die in einem riesigen inneren Mangel leben und in Tränen ausbrechen, wenn sie sich im Spiegel betrachten.

Diese Checkliste hilft dir, dich positiv zu reflektieren

Selbstreflexion kann auf deiner Reise sehr hilfreich sein. Wenn du dir angewöhnst, deine Fortschritte wohlwollend zur Kenntnis zu nehmen, machst du den Erfolg noch wahrscheinlicher. Vor allem wenn es dir gelingt, auch Rückschlägen mit Freundlichkeit und Nachsicht zu begegnen, kannst du jedes Mal aus deinem Irrtum lernen und dich schneller entwickeln.

Für den Anfang deiner Reise ist es hilfreich, wenn du dir eine Checkliste erstellst, die du jeden Abend durchgehst. Folgende Fragen können dir helfen, dich positiv zu reflektieren:

  1. Stand ich heute bewusst mit meinem Körper in Verbindung?
  2. Habe ich bei Hunger gegessen?
  3. Habe ich das gegessen, was mir schmeckt und guttut?
  4. Habe ich langsam und achtsam mein Essen genossen?
  5. Habe ich bei Sättigung aufgehört?
  6. Habe ich genug getrunken?
  7. Habe ich mich heute auf wohltuende Art und Weise bewegt?
  8. Habe ich positiv gedacht und aus meinem Irrtum gelernt?

Wähle für deine Checkliste einfach intuitiv die Fragen aus, die dir helfen, dich zu reflektieren.

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